Armenien
Armes Schatzkästchen
Elke Sturmhoebel, veröffentlicht am 08.11.2009
Melania hat sich Kaffeebesuch organisiert und ihre Gäste direkt von der Straße geholt. Die Fremden waren in Sarnakunk aus dem Bus gestiegen, um zu schauen, was die alte Nachbarin Venera zu verkaufen hat: Zöpfe aus getrocknetem Sauerampfer, Johanniskraut und Pilze aus dem umliegenden Grasland. Hier im Süden Armeniens kommen viele Autos aus Jerewan vorbei, klapprige Busse und Laster auf dem Weg nach Goris, Berg-Karabach und in den Iran. Einige Kraftfahrer, die vorbeidonnern, haben sich zuvor in Areni mit billigem Wein eingedeckt, der in Zwei-Liter-Colaflaschen an der Straße verkauft wird. Im Iran wird für den verbotenen Rebensaft ordentlich Geld bezahlt.
Besuch bringt Abwechslung in den Alltag. Da hat man was zu erzählen. Das Haus ist klein, in das uns die 31-jährige Melania führt und in dem sie mit Mann, drei Kindern und den Schwiegereltern wohnt. So sitzen wir nun auf Stühlen und auf dem Bett um den großen Tisch und nippen am starken Mokka. Die Familie lebt von ein paar Ziegen und zwei Kühen. Butter, Käse und Sahne tauscht sie gegen Kartoffeln, Tomaten und Früchte, die hier auf 2000 Meter Höhe nicht wachsen. Das Leben ist hart im armenischen Bergland. Im Winter fällt die Temperatur auf minus 25 Grad.
Tante Angin von nebenan ist dazugekommen und nimmt kein Blatt vor den Mund. Früher sei das Leben einfacher gewesen, sagt sie. Jeder hatte Arbeit in der Kolchose und keine Sorgen. Heutzutage müssten sie ihre Produkte selbst vermarkten und wüssten nicht an wen. Viele Männer seien gezwungen, in Russland Arbeit zu suchen.
Die Armenier müssen nach der Unabhängigkeit 1991 sehen, wie sie klar kommen. Mit dem Zerfall der Sowjetunion rissen auch stabile Handelsbeziehungen zu den Bruderstaaten ab. Aus der einst hochindustrialisierten Sowjetrepublik im südlichen Kaukasus ist nun wieder ein Agrarland geworden. Vor allem Aprikosen, Pfirsiche, Feigen und auch Trauben für Kognak und Rotwein wachsen auf dem steinigen Boden.
Doch mit den Nachbarn zu beiden Seiten ist nicht gut Kirschen essen. Seit der militärischen Intervention 1993 in das frühere autonome Gebiet Berg-Karabach ist das Verhältnis zu Aserbaidschan nachhaltig gestört, und auch Ankara schloss die Grenze. Seither wird der Außenhandel über den Iran abgewickelt.
In Jerewan ist von Krise nicht viel zu spüren. Von den staubigen Dorfstraßen und museumsreifen Traktoren in Sarnakunk erscheint die Hauptstadt Lichtjahre entfernt. Auf dem Republikplatz kurven Luxuslimousinen und großspurige Geländewagen um die Verkehrsinsel. Gestylte Frauen stolzieren auf Stilettoabsätzen über die breiten Trottoirs. Ab 22 Uhr, wenn die repräsentativen Gebäude aus Tuffstein ringsum illuminiert sind, tanzen im großen Springbrunnen vor dem Historischen Museum bunte Fontänen zu klassischer Musik. Von den vielen Baukränen in der Stadt solle man sich nicht täuschen lassen, sagt Reiseleiter Ara Haytayan. Viele Neubauten seien nur halb fertig. Nach dem Kollaps der Sowjetunion war kein Geld mehr da. Doch nach wie vor müssen Bürgerhäuser aus dem 19. Jahrhundert neuen Wohnkomplexen weichen.
Am nördlichen Ende des Mashtots-Boulevards thront der 1959 erbaute Matenadaran. 17000 Bücher, uralte Handschriften und Fragmente aus Religion, Medizin, Philosophie, Astronomie und Geschichte sind hier archiviert. Vor dem mächtigen Bibliotheksgebäude sitzt, in Stein gegossen, der Mönch Mesrop Mashtot, der im fünften Jahrhundert die armenische Schrift erfand. Im Saal mit den Schriften und Miniaturen erhalten Grundschüler gerade ihre Initiation. Mädchen im gestärkten Kleid und mit weißen Schleifen im Haar, die Jungs im Anzug stehen sie samt aufgeregten Müttern vor den Vitrinen mit den kostbaren Schätzen. Wenn die Kinder lesen gelernt haben, wird Fleiß und Wissen im Matenadaran gewürdigt. So ist es Brauch.
Nach Verlassen des Kulturtempels zeigt sich Jerewan von seiner schönsten Seite. Der schneebedeckte Ararat funkelt am stahlblauen Himmel. Nicht ein Wölkchen umkränzt den 5165 Meter hohen Gipfel, der sich meistens bedeckt hält. Der heilige Berg der Armenier, der sogar im Staatswappen verankert ist, liegt im historischen Westarmenien und somit auf türkischem Boden. Gegen Ende des Osmanischen Reiches hatte die Regierung der Jungtürken die Armenier in die mesopotamische Wüste getrieben. Etwa 1,5 Millionen Armenier verloren bei dem Genozid 1915/16 ihr Leben. Die armenische Republik umfasst seit der Gründung im Jahre 1918 nur noch das Kernland des armenischen Hochlands.
Vierzig Kilometer südöstlich von Jerewan ragt das Kloster Khor Virap in die mächtige Kulisse des Ararat. An dem biblischen Berg soll laut dem Ersten Buch Mose die Arche Noahs gestrandet sein. Davor verläuft der Grenzfluss Arax. Khor Virap ist ein Wallfahrtsort. Der Legende nach befand sich an der Stelle des Klosters das Erdloch, in dem Grigor, der Erleuchter, 13 Jahre lang eingekerkert war, weil er vom christlichen Glauben nicht ablassen wollte. Als es ihm gelang, der schwer erkrankten König Trdat III. zu heilen, wurde im Jahre 301 in Armenien das Christentum per Dekret zur Staatsreligion erhoben.
Oberhalb von Khor Virap haben Gläubige unzählige Stofffetzen und Taschentücher an Büsche geknüpft, in der Sonne verblichene Wunschzettel. Auf dem Parkplatz halten geschäftstüchtige Männer ankommenden Besuchern gurrende Tauben entgegen. Tausend Dram, etwa zwei Euro, kostet es, einen Vogel als Symbol der Versöhnung fliegen zu lassen. Doch höher als bis zur Oberleitung kommen sie nicht.
Khor Virap ist eines von rund 1500 Kirchen und Klöstern, von denen es einige in die Liga des Weltkulturerbes geschafft haben. Zum Beispiel das Höhlenkloster Geghard im Oberen Azat-Tal unweit von Jerewan. Oder die Kathedrale von Edschmiadsin – dem armenischen Vatikan. Zum Kloster Tathev gelangen wir von Goris aus nach einer fünfstündigen Wanderung durch die einsamen Berge der südlichen Sjunikh-Region. Auf einer Felsnase hoch über der Vorotan-Schlucht thront es, uneinnehmbar wie eine Festung.
Im Klosterhof sitzt Priester Mikael unter einem blühenden Birnbaum und hat die Hände in den Schoß gelegt. Gerade hat er das Salz gesegnet, das dem Opfertier, einem schwarzen Schaf, auf die Zunge gerieben wurde. Matagh, das Tieropfer, ist ursprünglich ein heidnischer Brauch, mit dem man sich bei dem Allmächtigen bedankt oder etwas erbittet. Zugleich hat das Ritual eine soziale Funktion. Von dem gegrillten Fleisch dürfen sich arme Familien bedienen.
Von Yeghegnazor aus schraubt sich ein Stück der alten Seidenstraße, die Persien mit dem Schwarzen Meer verband, in die schwindelerregenden Höhen eines schroffen Sandsteinmassivs. Unterhalb des 2410 Meter hohen Selimpasses, von dem schon der riesige Sevan-See zu sehen ist, halten wir an einer alten Karawanserei. Eine fröhliche Männerrunde sitzt am Feuer, spült gegrilltes Fleisch mit Wodka hinunter. Wir sollen uns dazu setzen und ein Schlückchen mittrinken. Leider müssen wir weiter. Obwohl die Gastfreundschaft der Armenier wirklich einzigartig ist.
Info: Literatur: "Die vierzig Tage des Musa Dagh" von Franz Werfel (Fischer TB, 14,95 Euro) erschien im November 1933 und wurde in Deutschland zwei Monate später verboten. Der Roman erzählt die authentische Geschichte einer armenischen Dorfgemeinde, die im Jahre 1915 heroischen Widerstand leistete gegen ihre Vernichtung.
Veranstalter: Hauser Exkursionen (Tel. 089 / 2 35 00 60, www.hauser-exkursionen.de) hat Armenien neu im Programm. Die 18-tägige Reise "Armenien, Land aus Stein" mit zehn Trekkingtagen kostet 2390 Euro. 2010 wird es auch eine neuntägige Reise zum armenischen Osterfest geben sowie kulinarische Wanderreisen. Auch Studiosus Reisen (Tel. 00800 / 24 02 24 02, www.studiosus.com) bietet "Ostern in Armenien" und weitere Studienreisen an. Allgemeine Auskünfte im Internet unter www.armenien.de und www.auswaertiges-amt.de.
Besuch bringt Abwechslung in den Alltag. Da hat man was zu erzählen. Das Haus ist klein, in das uns die 31-jährige Melania führt und in dem sie mit Mann, drei Kindern und den Schwiegereltern wohnt. So sitzen wir nun auf Stühlen und auf dem Bett um den großen Tisch und nippen am starken Mokka. Die Familie lebt von ein paar Ziegen und zwei Kühen. Butter, Käse und Sahne tauscht sie gegen Kartoffeln, Tomaten und Früchte, die hier auf 2000 Meter Höhe nicht wachsen. Das Leben ist hart im armenischen Bergland. Im Winter fällt die Temperatur auf minus 25 Grad.
Tante Angin von nebenan ist dazugekommen und nimmt kein Blatt vor den Mund. Früher sei das Leben einfacher gewesen, sagt sie. Jeder hatte Arbeit in der Kolchose und keine Sorgen. Heutzutage müssten sie ihre Produkte selbst vermarkten und wüssten nicht an wen. Viele Männer seien gezwungen, in Russland Arbeit zu suchen.
Die Armenier müssen nach der Unabhängigkeit 1991 sehen, wie sie klar kommen. Mit dem Zerfall der Sowjetunion rissen auch stabile Handelsbeziehungen zu den Bruderstaaten ab. Aus der einst hochindustrialisierten Sowjetrepublik im südlichen Kaukasus ist nun wieder ein Agrarland geworden. Vor allem Aprikosen, Pfirsiche, Feigen und auch Trauben für Kognak und Rotwein wachsen auf dem steinigen Boden.
Doch mit den Nachbarn zu beiden Seiten ist nicht gut Kirschen essen. Seit der militärischen Intervention 1993 in das frühere autonome Gebiet Berg-Karabach ist das Verhältnis zu Aserbaidschan nachhaltig gestört, und auch Ankara schloss die Grenze. Seither wird der Außenhandel über den Iran abgewickelt.
In Jerewan ist von Krise nicht viel zu spüren. Von den staubigen Dorfstraßen und museumsreifen Traktoren in Sarnakunk erscheint die Hauptstadt Lichtjahre entfernt. Auf dem Republikplatz kurven Luxuslimousinen und großspurige Geländewagen um die Verkehrsinsel. Gestylte Frauen stolzieren auf Stilettoabsätzen über die breiten Trottoirs. Ab 22 Uhr, wenn die repräsentativen Gebäude aus Tuffstein ringsum illuminiert sind, tanzen im großen Springbrunnen vor dem Historischen Museum bunte Fontänen zu klassischer Musik. Von den vielen Baukränen in der Stadt solle man sich nicht täuschen lassen, sagt Reiseleiter Ara Haytayan. Viele Neubauten seien nur halb fertig. Nach dem Kollaps der Sowjetunion war kein Geld mehr da. Doch nach wie vor müssen Bürgerhäuser aus dem 19. Jahrhundert neuen Wohnkomplexen weichen.
Am nördlichen Ende des Mashtots-Boulevards thront der 1959 erbaute Matenadaran. 17000 Bücher, uralte Handschriften und Fragmente aus Religion, Medizin, Philosophie, Astronomie und Geschichte sind hier archiviert. Vor dem mächtigen Bibliotheksgebäude sitzt, in Stein gegossen, der Mönch Mesrop Mashtot, der im fünften Jahrhundert die armenische Schrift erfand. Im Saal mit den Schriften und Miniaturen erhalten Grundschüler gerade ihre Initiation. Mädchen im gestärkten Kleid und mit weißen Schleifen im Haar, die Jungs im Anzug stehen sie samt aufgeregten Müttern vor den Vitrinen mit den kostbaren Schätzen. Wenn die Kinder lesen gelernt haben, wird Fleiß und Wissen im Matenadaran gewürdigt. So ist es Brauch.
Nach Verlassen des Kulturtempels zeigt sich Jerewan von seiner schönsten Seite. Der schneebedeckte Ararat funkelt am stahlblauen Himmel. Nicht ein Wölkchen umkränzt den 5165 Meter hohen Gipfel, der sich meistens bedeckt hält. Der heilige Berg der Armenier, der sogar im Staatswappen verankert ist, liegt im historischen Westarmenien und somit auf türkischem Boden. Gegen Ende des Osmanischen Reiches hatte die Regierung der Jungtürken die Armenier in die mesopotamische Wüste getrieben. Etwa 1,5 Millionen Armenier verloren bei dem Genozid 1915/16 ihr Leben. Die armenische Republik umfasst seit der Gründung im Jahre 1918 nur noch das Kernland des armenischen Hochlands.
Vierzig Kilometer südöstlich von Jerewan ragt das Kloster Khor Virap in die mächtige Kulisse des Ararat. An dem biblischen Berg soll laut dem Ersten Buch Mose die Arche Noahs gestrandet sein. Davor verläuft der Grenzfluss Arax. Khor Virap ist ein Wallfahrtsort. Der Legende nach befand sich an der Stelle des Klosters das Erdloch, in dem Grigor, der Erleuchter, 13 Jahre lang eingekerkert war, weil er vom christlichen Glauben nicht ablassen wollte. Als es ihm gelang, der schwer erkrankten König Trdat III. zu heilen, wurde im Jahre 301 in Armenien das Christentum per Dekret zur Staatsreligion erhoben.
Oberhalb von Khor Virap haben Gläubige unzählige Stofffetzen und Taschentücher an Büsche geknüpft, in der Sonne verblichene Wunschzettel. Auf dem Parkplatz halten geschäftstüchtige Männer ankommenden Besuchern gurrende Tauben entgegen. Tausend Dram, etwa zwei Euro, kostet es, einen Vogel als Symbol der Versöhnung fliegen zu lassen. Doch höher als bis zur Oberleitung kommen sie nicht.
Khor Virap ist eines von rund 1500 Kirchen und Klöstern, von denen es einige in die Liga des Weltkulturerbes geschafft haben. Zum Beispiel das Höhlenkloster Geghard im Oberen Azat-Tal unweit von Jerewan. Oder die Kathedrale von Edschmiadsin – dem armenischen Vatikan. Zum Kloster Tathev gelangen wir von Goris aus nach einer fünfstündigen Wanderung durch die einsamen Berge der südlichen Sjunikh-Region. Auf einer Felsnase hoch über der Vorotan-Schlucht thront es, uneinnehmbar wie eine Festung.
Im Klosterhof sitzt Priester Mikael unter einem blühenden Birnbaum und hat die Hände in den Schoß gelegt. Gerade hat er das Salz gesegnet, das dem Opfertier, einem schwarzen Schaf, auf die Zunge gerieben wurde. Matagh, das Tieropfer, ist ursprünglich ein heidnischer Brauch, mit dem man sich bei dem Allmächtigen bedankt oder etwas erbittet. Zugleich hat das Ritual eine soziale Funktion. Von dem gegrillten Fleisch dürfen sich arme Familien bedienen.
Von Yeghegnazor aus schraubt sich ein Stück der alten Seidenstraße, die Persien mit dem Schwarzen Meer verband, in die schwindelerregenden Höhen eines schroffen Sandsteinmassivs. Unterhalb des 2410 Meter hohen Selimpasses, von dem schon der riesige Sevan-See zu sehen ist, halten wir an einer alten Karawanserei. Eine fröhliche Männerrunde sitzt am Feuer, spült gegrilltes Fleisch mit Wodka hinunter. Wir sollen uns dazu setzen und ein Schlückchen mittrinken. Leider müssen wir weiter. Obwohl die Gastfreundschaft der Armenier wirklich einzigartig ist.
Info: Literatur: "Die vierzig Tage des Musa Dagh" von Franz Werfel (Fischer TB, 14,95 Euro) erschien im November 1933 und wurde in Deutschland zwei Monate später verboten. Der Roman erzählt die authentische Geschichte einer armenischen Dorfgemeinde, die im Jahre 1915 heroischen Widerstand leistete gegen ihre Vernichtung.
Veranstalter: Hauser Exkursionen (Tel. 089 / 2 35 00 60, www.hauser-exkursionen.de) hat Armenien neu im Programm. Die 18-tägige Reise "Armenien, Land aus Stein" mit zehn Trekkingtagen kostet 2390 Euro. 2010 wird es auch eine neuntägige Reise zum armenischen Osterfest geben sowie kulinarische Wanderreisen. Auch Studiosus Reisen (Tel. 00800 / 24 02 24 02, www.studiosus.com) bietet "Ostern in Armenien" und weitere Studienreisen an. Allgemeine Auskünfte im Internet unter www.armenien.de und www.auswaertiges-amt.de.
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