2012
Die große Popcorn-Apokalypse
Rupert Koppold, veröffentlicht am 12.11.2009
Filmbeschreibung
Die Sonne eruptiert wie wild und schleudert haufenweise Energie ins Weltall. Irgendwo in einem Labor in Indien, tief unten in einem Minenschacht, wird dann als Erstes entdeckt, dass die Neutrinos sich jetzt anders verhalten, dass diese blöden kleinen Teilchen mutiert sind und plötzlich verrückt spielen: "Sie agieren jetzt wie Mikrowellen und heizen den Erdkern auf!" Und so muss der schwarze US-Präsident (Danny Glover) vor die Fernsehkameras und zerknirscht erklären: "Die Welt, wie wir sie kennen, wird untergehen!" Dieses Ende ist, einer Prophezeiung der Maya zufolge, für das titelgebende Jahr 2012 vorgesehen.
Bevor der zerstörungserprobte Regisseur Roland Emmerich ("Independence Day"; "The Day after Tomorrow") aber so richtig loslegen kann, muss er noch schnell ein paar Figuren einführen. Wobei im Genre des Katastrophenfilms ja nicht nur eine Auswahl erfolgt, die darüber entscheidet, wer den Zuschauer durch die Handlung ziehen soll, sondern auch eine, die darüber entscheidet, wer das Ende des Films überleben darf. Der Wissenschaftler Adrian (Chiwetel Ejiofor) vielleicht, der den Ernst der Lage sofort erkannt hat? Der als Ehemann, Vater und Autor gescheiterte Jackson (John Cusack), der widerwillig seine beiden Kinder zum Camping mitnimmt? Die beiden alten Entertainer, die es auf ein Kreuzfahrtschiff verschlagen hat? Der freakige Untergangsprophet Charlie (Woody Harrelson), der den Weltuntergang live übertragen will?
Oder schafft es der Direktor des Louvre, der entdeckt, dass die Mona Lisa nicht in einen Bunker gebracht wurde, sondern ganz woandershin? Nein, der schafft es nicht, er scheidet vielmehr sofort aus, sein Wagen verunglückt in einem Pariser Straßentunnel, und gerade wenn man noch denkt: "Wie damals bei Lady Di!", kommt auch schon die Bestätigung: Es ist im selben Tunnel passiert. Mit diesem "Unfall" klinkt sich eine Verschwörung in die Geschichte ein, die Regierungen versuchen in "2012", die Elite zu retten und das gemeine Volk seinem Schicksal zu überlassen. Das Thema Selektion wird von diesem Film also nicht nur hinter, sondern explizit auch vor der Kamera durchgespielt.
Aber jetzt muss Emmerich mal endlich zu seinem Kerngeschäft kommen, und das heißt: er muss die Erde kurz und klein filmen. Los geht's mit Jacksons Exfrau (Amanda Peet) und deren neuem Mann, der in einem Supermarkt zu ihr sagt: "Ich habe das Gefühl, dass uns etwas auseinandertreibt", wobei sich aufs Stichwort hin ganz buchstäblich ein Riss zwischen dem Paar auftut. Weiter geht's mit einer Flucht per Stretchlimousine, bestückt mit Frau, Kindern und altem und neuem Daddy, bei der links, rechts, oben- und untenrum alles zusammenkracht. Und nun fliegt diese seltsame Patchworkfamilie über das ins Meer kippende Kalifornien und danach durch einen fulminanten Vulkanausbruch im Yellowstone Park. Zwischen den üblichen Sätzen ("Wir werden alle sterben!") und dem üblichen Schreckensgeschrei findet sich manchmal noch Zeit für ein paar komisch gemeinte Einlagen.
Man könnte also sagen: alles wie gehabt bei Emmerich, diesem größten Simplifizierer des US-Genrekinos. Seine Protagonisten reagieren auf das Einmalige wieder mit einer seltsamen Art von Routine. Auch das anonyme Sterben von Millionen passiert bei diesem Regisseur wieder beiläufig im Hintergrund (oder außerhalb der Bilder), während dem Schoßhündchen einer russischen Blondine eine dramatische Rettungsaktion gewährt wird. Der schon in die Jahre gekommene US-Präsident (im Katastrophengenre negatives Selektionsmerkmal!) kündigt sich dagegen bei seiner verstorbenen Frau an. "Ich komme nach Hause, Dorothy!", murmelt er, als ein Flugzeugträger auf ihn zurast - auf einer riesigen Welle und mitten in Washington!
Und jetzt ist Emmerich ganz in seinem Element, er setzt sich über alle physischen Wahrscheinlichkeiten hinweg und spielt auf ungeheuer kindsköpfige Weise Popcorn-Apokalypse. Las Vegas stampft er mal kurz in den Boden, die Christusstatue in Rio schlägt er fix zusammen, schaut dann auf Hawaii vorbei und fackelt es ab, macht einen Abstecher in den Vatikan und lässt die Sixtinische Kapelle einstürzen. Achtung, da oben, in Tibet, da steht noch ein Kloster, das wird jetzt mal sauber weggewischt von einer Tsunami-Welle.
Apocalypse Wow! Bei ihm, Emmerich, komme die Zerstörung respektive der rabiate "Umbau" der Erde viel billiger als bei anderen, sagt der Regisseur stolz, seine Special-Effect-Orgie koste dreißig bis vierzig Millionen Dollar weniger als jeder Untergang, den einer seiner Konkurrenten angerichtet hätte. So nebenbei verlegt Emmerich (darf man ihn Transformer nennen?) auch noch den Südpol nach Wisconsin. Und was macht er als Nächstes kaputt? Wie? Ach so, jetzt muss er auch mal retten.
Inzwischen weiß der Zuschauer nämlich Bescheid über ein Projekt der Regierungen. Im Himalaja haben die Chinesen luxuriöse Hightecharchen für die Sintflut gebaut (haben wir schon erwähnt, dass Jacksons Sohn Noah heißt?), die beim Untergang der Erde obenauf bleiben sollen - genauso wie ihre privilegierten Passagiere. Wieder geht es um Selektion, diesmal stehen menschliche Underdogs an einer Schiffsrampe vor verschlossenen Toren, während schon ein ganzer Zoo echter Tiere - von Giraffen bis zu Gorillas - für eine schöne, neue Welt an Bord geladen wurde.
So folgt in diesem Destruktionspektakel nun der recht kurze Programmpunkt "Humanität". Adrian hält eine pathetische Wir-müssen-menschlich-bleiben-bla-bla-bla-Rede, welche die Befehlshaber wohl so nervt, dass sie schließlich das Schiffstor öffnen. Danach gerät die Arche auf Kollisionskurs mit einem Berg. Nein, es ist nicht der Ararat, bei Emmerich muss es schon der Mount Everest sein! Immer die dicksten Brocken, gerade für eine dünne Story.
Denn dieser Weltuntergang wurde im Grunde ja nur angerichtet, um eine Familienselektion unter konservativen Gesichtspunkten durchzuführen, um also aus dem verantwortungslosen Jackson wieder einen richtigen Daddy zu machen.
Bevor der zerstörungserprobte Regisseur Roland Emmerich ("Independence Day"; "The Day after Tomorrow") aber so richtig loslegen kann, muss er noch schnell ein paar Figuren einführen. Wobei im Genre des Katastrophenfilms ja nicht nur eine Auswahl erfolgt, die darüber entscheidet, wer den Zuschauer durch die Handlung ziehen soll, sondern auch eine, die darüber entscheidet, wer das Ende des Films überleben darf. Der Wissenschaftler Adrian (Chiwetel Ejiofor) vielleicht, der den Ernst der Lage sofort erkannt hat? Der als Ehemann, Vater und Autor gescheiterte Jackson (John Cusack), der widerwillig seine beiden Kinder zum Camping mitnimmt? Die beiden alten Entertainer, die es auf ein Kreuzfahrtschiff verschlagen hat? Der freakige Untergangsprophet Charlie (Woody Harrelson), der den Weltuntergang live übertragen will?
Oder schafft es der Direktor des Louvre, der entdeckt, dass die Mona Lisa nicht in einen Bunker gebracht wurde, sondern ganz woandershin? Nein, der schafft es nicht, er scheidet vielmehr sofort aus, sein Wagen verunglückt in einem Pariser Straßentunnel, und gerade wenn man noch denkt: "Wie damals bei Lady Di!", kommt auch schon die Bestätigung: Es ist im selben Tunnel passiert. Mit diesem "Unfall" klinkt sich eine Verschwörung in die Geschichte ein, die Regierungen versuchen in "2012", die Elite zu retten und das gemeine Volk seinem Schicksal zu überlassen. Das Thema Selektion wird von diesem Film also nicht nur hinter, sondern explizit auch vor der Kamera durchgespielt.
Aber jetzt muss Emmerich mal endlich zu seinem Kerngeschäft kommen, und das heißt: er muss die Erde kurz und klein filmen. Los geht's mit Jacksons Exfrau (Amanda Peet) und deren neuem Mann, der in einem Supermarkt zu ihr sagt: "Ich habe das Gefühl, dass uns etwas auseinandertreibt", wobei sich aufs Stichwort hin ganz buchstäblich ein Riss zwischen dem Paar auftut. Weiter geht's mit einer Flucht per Stretchlimousine, bestückt mit Frau, Kindern und altem und neuem Daddy, bei der links, rechts, oben- und untenrum alles zusammenkracht. Und nun fliegt diese seltsame Patchworkfamilie über das ins Meer kippende Kalifornien und danach durch einen fulminanten Vulkanausbruch im Yellowstone Park. Zwischen den üblichen Sätzen ("Wir werden alle sterben!") und dem üblichen Schreckensgeschrei findet sich manchmal noch Zeit für ein paar komisch gemeinte Einlagen.
Man könnte also sagen: alles wie gehabt bei Emmerich, diesem größten Simplifizierer des US-Genrekinos. Seine Protagonisten reagieren auf das Einmalige wieder mit einer seltsamen Art von Routine. Auch das anonyme Sterben von Millionen passiert bei diesem Regisseur wieder beiläufig im Hintergrund (oder außerhalb der Bilder), während dem Schoßhündchen einer russischen Blondine eine dramatische Rettungsaktion gewährt wird. Der schon in die Jahre gekommene US-Präsident (im Katastrophengenre negatives Selektionsmerkmal!) kündigt sich dagegen bei seiner verstorbenen Frau an. "Ich komme nach Hause, Dorothy!", murmelt er, als ein Flugzeugträger auf ihn zurast - auf einer riesigen Welle und mitten in Washington!
Und jetzt ist Emmerich ganz in seinem Element, er setzt sich über alle physischen Wahrscheinlichkeiten hinweg und spielt auf ungeheuer kindsköpfige Weise Popcorn-Apokalypse. Las Vegas stampft er mal kurz in den Boden, die Christusstatue in Rio schlägt er fix zusammen, schaut dann auf Hawaii vorbei und fackelt es ab, macht einen Abstecher in den Vatikan und lässt die Sixtinische Kapelle einstürzen. Achtung, da oben, in Tibet, da steht noch ein Kloster, das wird jetzt mal sauber weggewischt von einer Tsunami-Welle.
Apocalypse Wow! Bei ihm, Emmerich, komme die Zerstörung respektive der rabiate "Umbau" der Erde viel billiger als bei anderen, sagt der Regisseur stolz, seine Special-Effect-Orgie koste dreißig bis vierzig Millionen Dollar weniger als jeder Untergang, den einer seiner Konkurrenten angerichtet hätte. So nebenbei verlegt Emmerich (darf man ihn Transformer nennen?) auch noch den Südpol nach Wisconsin. Und was macht er als Nächstes kaputt? Wie? Ach so, jetzt muss er auch mal retten.
Inzwischen weiß der Zuschauer nämlich Bescheid über ein Projekt der Regierungen. Im Himalaja haben die Chinesen luxuriöse Hightecharchen für die Sintflut gebaut (haben wir schon erwähnt, dass Jacksons Sohn Noah heißt?), die beim Untergang der Erde obenauf bleiben sollen - genauso wie ihre privilegierten Passagiere. Wieder geht es um Selektion, diesmal stehen menschliche Underdogs an einer Schiffsrampe vor verschlossenen Toren, während schon ein ganzer Zoo echter Tiere - von Giraffen bis zu Gorillas - für eine schöne, neue Welt an Bord geladen wurde.
So folgt in diesem Destruktionspektakel nun der recht kurze Programmpunkt "Humanität". Adrian hält eine pathetische Wir-müssen-menschlich-bleiben-bla-bla-bla-Rede, welche die Befehlshaber wohl so nervt, dass sie schließlich das Schiffstor öffnen. Danach gerät die Arche auf Kollisionskurs mit einem Berg. Nein, es ist nicht der Ararat, bei Emmerich muss es schon der Mount Everest sein! Immer die dicksten Brocken, gerade für eine dünne Story.
Denn dieser Weltuntergang wurde im Grunde ja nur angerichtet, um eine Familienselektion unter konservativen Gesichtspunkten durchzuführen, um also aus dem verantwortungslosen Jackson wieder einen richtigen Daddy zu machen.
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