Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte

Eine Versicherung für den toten Bauern

Rupert Koppold, veröffentlicht am 12.11.2009
Filmbeschreibung
In die Trauer einer Mutter, die gerade Witwe geworden ist, mischt sich Zorn. Sie hat erfahren, dass die große US-Firma, bei der ihr Mann beschäftigt war, eine Lebensversicherung für, nein: auf ihren Mitarbeiter abgeschlossen hatte und nun nach dessen Tod kassiert. "Dead Peasant Insurance", so wird diese Praxis in der Branche genannt. In Michael Moores neuem Film ist diese Toter-Bauer-Versicherung Teil der Anklage gegen den Kapitalismus, und wenn die Kamera in Großaufnahme den etwa zehnjährigen und in Tränen aufgelösten Sohn des Verstorbenen zeigt, ist klar: der Regisseur bringt auch diesmal die Emotionen in Stellung gegen ein System, dem er über Leichen gehende Kaltherzigkeit und Gier vorwirft.

Die Tränen dieses Jungen aber könnten bei uns auch wieder zur Munition für eine Anklage gegen Michael Moore selbst werden. Seit Jahren prügelt ein Teil der Filmkritik auf diesen schwergewichtigen Mann mit der Baseballkappe ein, er sei zu emotional, zu derb, zu laut, er stelle sich zu sehr in den Mittelpunkt und verstoße immer wieder gegen die Regeln des Dokumentarfilms. Auch Kritiker, die sonst noch bei jedem US-Splatter-Filmchen auf Entdeckenswertes hinweisen, geben sich in Sachen Moore plötzlich ganz feinsinnig, empfindsam und peinlich berührt. Dieser Kerl ist für sie unerträglich, ein grober Klotz, ein krakeelender Prolet, und skandalös-geschmacklos finden sie deshalb auch nicht das, was seine Filme zeigen, sondern die Filme selbst.

Diese Filme aber - und da läuft zumindest einer der Vorwürfe ins Leere - sind gar keine Dokumentarfilme, sind dies jedenfalls nicht die ganze Zeit. Moore ist nämlich auch noch: Pathetiker, Polemiker, Politaktionist, Performance-Künstler. Und vor allem ist er ein Monteur, der sein Material - von alten Wochenschau-Archivschnipseln über Werbespots bis hin zu Spielfilmausschnitten - auf seine Weise arrangiert und bearbeitet.

Auch in "Kapitalismus - eine Liebesgeschichte" läuft Moores Methode auf Hochtouren. Er führt per Auto- und Möbelreklame in seine eigene Kindheit zurück und kommentiert: "Wenn das Kapitalismus war, dann liebte ich ihn!" Er führt Hollywoodbilder zum dekadenten Brot-und-Spiele-Rom vor und vergleicht das antike Reich mit den USA von heute. Und er führt sich selber als Rächer der Enterbten auf, der das Wall-Street-Viertel als "Tatort" bezeichnet, es mit einem gelben Band absichert und per Megafon dazu auffordert, rauszukommen und sich zu ergeben.

Moores Anklage des Kapitalismus mag sprunghaft sein, sowohl inhaltlich als formal, aber sie ist auch immer spannend und vehement. Und sein Angriff auf das herrschende System bleibt nie abstrakt, er setzt sich aus konkreten Fallbeschreibungen zusammen. Da kommen Jugendliche zu Wort, die wegen Banalitäten in eine privatisierte Erziehungsanstalt eingewiesen wurden, und zwar von Richtern, die von den Betreibern dieser Institution eine Kopfprämie kassierten. Da erzählt jener zum Nationalhelden erklärte Pilot, der sein Flugzeug erfolgreich auf dem Hudson-River notlandete, wie seine Berufssparte zum Hungerleiderjob verkommen ist. Da schaut ein verschuldeter Farmer zu, wie ihm von seiner Bank das Haus weggenommen wird - und räumt es dann für diese Bank und für ein paar Dollar noch selber aus und verbrennt seine letzten Habseligkeiten.

Auch drei hochkarätige Finanzexperten interviewt Moore und bringt sie mit einer einfachen Frage extrem ins Schleudern: "Was sind eigentlich Derivate?" Moore will auch zeigen, dass inzwischen das Big Business die Politik nicht nur beeinflusst, sondern bestimmt. Er führt Beispiele vor und nennt Namen, etwa den von Henry M. Paulson, lange Jahre Chef der Investment-Bank Goldman Sachs, dann von 2006 bis 2009 Finanzminister der Bush-Regierung. Als solcher war Paulson direkt daran beteiligt, das Finanzhaus der Lehman-Brothers durch Nichtunterstützung untergehen zu lassen und damit einen Goldman-Sachs-Konkurrenten auszuschalten.

Michael Moore hat mit seinen Dreharbeiten übrigens noch vor der Finanzkrise begonnen, dann hat sie ihm sozusagen den Beweis für seine These geliefert: "Der Kapitalismus ist ein Übel, man muss es eliminieren." Den neuen US-Präsidenten nimmt er dabei noch nicht ins Visier, sein Film sieht in Barack Obama noch einen Hoffnungsträger. Die große Schlusssequenz aber feiert einen anderen US-Präsidenten und klagt gleichzeitig dessen Vermächtnis ein: Franklin Delano Roosevelt.

Roosevelt ist jener Mann, der die Karten neu verteilt und die Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre durch seine New-Deal-Politik bewältigt hat. Aber Moore gelingt noch ein Coup mit Material aus den letzten Roosevelt-Jahren: Zum ersten Mal sieht man in "Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte" Bilder von Roosevelts Erklärung zu einer "Second Bill of Rights", in welcher der Präsident kurz vor seinem Tod im Jahr 1945 das Recht der US-Bürger auf Wohnung, Arbeit, Bildung und Gesundheitsfürsorge formuliert. Dass sich dieser Text immer noch wie ein aktuelles Statement zur Lage und wie ein uneingelöstes Versprechen anhört, darf man als skandalös bezeichnen.
 
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