Bologna-Prozess Ein Schimpfwort an den Unis
Renate Allgöwer und Marcus Sander, veröffentlicht am 17.11.2009
Stuttgart - Der studentische Zorn ist groß. Er richtet sich gegen Gesamttendenzen der deutschen Hochschulpolitik. Das führt zu spektakulären Aktionen wie der Besetzung von Hörsälen in Heidelberg, Berlin, Münster, Mainz und Stuttgart. Die Aktionen - bis jetzt sind es rund 50 an deutschen Unis - knüpfen an die "Bildungsstreiks" vom Sommer an: Hunderttausende von Schülern und Studenten demonstrierten vor allem gegen die neuen Bachelorstudiengänge. Die Proteste, die dezentral geplant werden, haben einen klaren Gegner vor Augen. "Wir sind gegen die totale Ökonomisierung der Universität", sagt Florian Kaiser vom studentischen Dachverband fzs in Berlin; er vertritt nach eigenen Angaben eine Million Studierende bundesweit.
Der Wunschkatalog ist riesig und kunterbunt. Unter dem Schlagwort einer "sozialen Öffnung der Hochschulen" fordern die jungen Menschen mehr Studienplätze und die Aufhebung von Zugangsbeschränkungen. Die meisten Studierenden kommen aus Akademikerfamilien (siehe Grafik) - das soll sich ändern. Besonders verhasst sind die Studiengebühren. "Sie sind eine Selektionshürde. Gebühren gehören komplett abgeschafft", meint Kaiser.
Das Thema ist seit langem ein Politikum. Jüngst hat der saarländische CDU-Ministerpräsident Peter Müller angekündigt, dass die Gebühren, die er einst selbst einführte, an der Saar wieder abgeschafft werden - als Konzession an den grünen Koalitionspartner.
Der Unmut der Studenten richtet sich nun stark gegen die Folgeschäden der sogenannten Bologna-Reform. Bis 2010 sollen Bachelor- und Master-Studiengänge flächendeckend in Europa eingeführt werden. Kritiker beklagen inzwischen besonders die "Verschulung" des Bachelorstudiengangs. Die Idee von Universität sei nicht, junge Menschen von Prüfung zu Prüfung zu jagen, um sie dann lediglich für den Arbeitsmarkt fit zu machen. Genau dieser Verwertungsgedanke widerspricht in den Augen vieler der Idee von Bildung, wie sie sein sollte. "Früher ging es um Persönlichkeitsbildung. Mit Bologna soll jeder nur noch stur den Lehrplan abarbeiten", sagt Florian Kaiser.
Laut einer am Montag vorgestellten Studie des Stifterverbands verläuft die Umsetzung der Reform in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich erfolgreich. Berlin, Brandenburg und Bremen sind Vorreiter. Baden-Württemberg landet im Mittelfeld. Das Land sei stark bei der Internationalität, lasse sich aber Zeit bei der Umstellung auf die gestuften Studiengänge, so der "Ländercheck Wissenschaft".
Längst ist der Zeitdruck das Hauptproblem der meisten Studenten geworden. Viele stöhnen über voll gestopfte Lehrpläne und schlechte Betreuung. Ein Auslandssemester bleibt da für viele nur ein Traum - dabei war die "Internationalisierung" des Studiums das selbst erklärte Ziel der Bologna-Reform. Natürlich gehört auch dieses Mal die Forderung nach mehr Geld und einer besseren Ausstattung zum Wunschkatalog der Studenten. Dass die Bundesforschungsministerin Annete Schavan (CDU) trotz Krise durchgesetzt hat, dass Unis und Forschungsinstitute mehr Geld bekommen, kann den Eifer kaum besänftigen.
Die Kritik ist in Teilen berechtigt - das müssen nun auch die Bildungspolitiker eingestehen. Schavan will bald mit den Länderkollegen über die Unikrise beraten. Der Präsident des Wissenschaftsrates, Peter Strohschneider, räumt nun "handwerkliche Fehler" bei der Bologna-Reform ein. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Henry Tesch, ermahnt indes die Unis, die Milliarden nicht zu verschleudern.
Der baden-württembergische Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) zeigt sich teilweise gesprächsbereit: "Wir nehmen berechtigte Kritik gerne an." Es müsse die Frage gestellt werden, wie breit Bachelorstudiengänge angelegt sein sollten, auch die Prüfungsdichte sei zu überprüfen. In den aktuellen Aktionen erkennt Frankenberg allerdings wenig Konkretes. "Hörsaalbesetzungen sind noch kein Argument", sagt er und verteidigt die Hochschulreform im Grundsatz. Die Umstellung auf das gestufte System sei in weiten Teilen gelungen.
Die zentrale Frage ist für ihn die Qualitätssicherung und die Vergleichbarkeit der Studiengänge. Der Wissenschaftsminister hält auch unterschiedliche Geschwindigkeiten auf dem Weg zu einem Abschluss für vertretbar.
Schon jetzt steht für Frankenberg fest, dass es bei der stringenteren Studienorganisationen bleibt. "Das vermeintliche Ideal der 15-semestrigen Magisterstudiengänge mit 70 Prozent Abbrecherquote kann sich niemand zurückwünschen", sagt Frankenberg. "Hochschulen sind keine Freiräume für beliebiges Studieren." Er kündigt aber eine landesweite Konferenz zur Bachelorstruktur für März an.
Mechthild Hesse, frischgebackene Lehrpreisträgerin von der PH Freiburg, befürchtet dagegen, die Studenten kämen vor lauter Hausaufgaben und Prüfungen "gar nicht mehr zum Denken". Die technisch orientierte Fachhochschule Karlsruhe wiederum meldet: keine Unruhen, kein Protest.
Die Oppositionsparteien SPD und Grüne in Baden-Württemberg unterstützen die protestierenden Studenten ausdrücklich. Martin Rivoir von der SPD kritisiert die "dramatische Unterfinanzierung" der Hochschulen und verlangt eine Neuordnung der Bachelorstudiengänge. In der jetzigen Form verliere das Studium seinen wissenschaftlichen Charakter und diene nur dazu, die Studenten dem Arbeitsmarkt anzupassen, sagt Rivoir. Für die Grünen findet Theresia Bauer, die Studenten hätten "gute Gründe" gegen die schlampig umgesetzte Reform zu protestieren. Der Streik stelle einen klaren Auftrag an die Politik dar, die Studienbedingungen zu verbessern.
1999 unterzeichneten 30 Staaten die sogenannte Bologna-Erklärung. Ziel war, bis 2010 einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Inzwischen haben sich diesem Bologna-Prozess 46 Staaten angeschlossen. Herzstück ist die Einführung eines Studiensystems aus Bachelor und Master mit europaweit vergleichbaren Abschlüssen.
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Universität für alle Schichten
Der Wunschkatalog ist riesig und kunterbunt. Unter dem Schlagwort einer "sozialen Öffnung der Hochschulen" fordern die jungen Menschen mehr Studienplätze und die Aufhebung von Zugangsbeschränkungen. Die meisten Studierenden kommen aus Akademikerfamilien (siehe Grafik) - das soll sich ändern. Besonders verhasst sind die Studiengebühren. "Sie sind eine Selektionshürde. Gebühren gehören komplett abgeschafft", meint Kaiser.
Das Thema ist seit langem ein Politikum. Jüngst hat der saarländische CDU-Ministerpräsident Peter Müller angekündigt, dass die Gebühren, die er einst selbst einführte, an der Saar wieder abgeschafft werden - als Konzession an den grünen Koalitionspartner.
Die Uni soll wieder zur Persönlichkeitsbildung beitragen
Der Unmut der Studenten richtet sich nun stark gegen die Folgeschäden der sogenannten Bologna-Reform. Bis 2010 sollen Bachelor- und Master-Studiengänge flächendeckend in Europa eingeführt werden. Kritiker beklagen inzwischen besonders die "Verschulung" des Bachelorstudiengangs. Die Idee von Universität sei nicht, junge Menschen von Prüfung zu Prüfung zu jagen, um sie dann lediglich für den Arbeitsmarkt fit zu machen. Genau dieser Verwertungsgedanke widerspricht in den Augen vieler der Idee von Bildung, wie sie sein sollte. "Früher ging es um Persönlichkeitsbildung. Mit Bologna soll jeder nur noch stur den Lehrplan abarbeiten", sagt Florian Kaiser.
Laut einer am Montag vorgestellten Studie des Stifterverbands verläuft die Umsetzung der Reform in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich erfolgreich. Berlin, Brandenburg und Bremen sind Vorreiter. Baden-Württemberg landet im Mittelfeld. Das Land sei stark bei der Internationalität, lasse sich aber Zeit bei der Umstellung auf die gestuften Studiengänge, so der "Ländercheck Wissenschaft".
Längst ist der Zeitdruck das Hauptproblem der meisten Studenten geworden. Viele stöhnen über voll gestopfte Lehrpläne und schlechte Betreuung. Ein Auslandssemester bleibt da für viele nur ein Traum - dabei war die "Internationalisierung" des Studiums das selbst erklärte Ziel der Bologna-Reform. Natürlich gehört auch dieses Mal die Forderung nach mehr Geld und einer besseren Ausstattung zum Wunschkatalog der Studenten. Dass die Bundesforschungsministerin Annete Schavan (CDU) trotz Krise durchgesetzt hat, dass Unis und Forschungsinstitute mehr Geld bekommen, kann den Eifer kaum besänftigen.
Bei der Umsetzung der Reform sind Fehler gemacht worden
Die Kritik ist in Teilen berechtigt - das müssen nun auch die Bildungspolitiker eingestehen. Schavan will bald mit den Länderkollegen über die Unikrise beraten. Der Präsident des Wissenschaftsrates, Peter Strohschneider, räumt nun "handwerkliche Fehler" bei der Bologna-Reform ein. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Henry Tesch, ermahnt indes die Unis, die Milliarden nicht zu verschleudern.
Der baden-württembergische Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) zeigt sich teilweise gesprächsbereit: "Wir nehmen berechtigte Kritik gerne an." Es müsse die Frage gestellt werden, wie breit Bachelorstudiengänge angelegt sein sollten, auch die Prüfungsdichte sei zu überprüfen. In den aktuellen Aktionen erkennt Frankenberg allerdings wenig Konkretes. "Hörsaalbesetzungen sind noch kein Argument", sagt er und verteidigt die Hochschulreform im Grundsatz. Die Umstellung auf das gestufte System sei in weiten Teilen gelungen.
Die zentrale Frage ist für ihn die Qualitätssicherung und die Vergleichbarkeit der Studiengänge. Der Wissenschaftsminister hält auch unterschiedliche Geschwindigkeiten auf dem Weg zu einem Abschluss für vertretbar.
Frankenberg äußert Unmut über Proteste
Schon jetzt steht für Frankenberg fest, dass es bei der stringenteren Studienorganisationen bleibt. "Das vermeintliche Ideal der 15-semestrigen Magisterstudiengänge mit 70 Prozent Abbrecherquote kann sich niemand zurückwünschen", sagt Frankenberg. "Hochschulen sind keine Freiräume für beliebiges Studieren." Er kündigt aber eine landesweite Konferenz zur Bachelorstruktur für März an.
Mechthild Hesse, frischgebackene Lehrpreisträgerin von der PH Freiburg, befürchtet dagegen, die Studenten kämen vor lauter Hausaufgaben und Prüfungen "gar nicht mehr zum Denken". Die technisch orientierte Fachhochschule Karlsruhe wiederum meldet: keine Unruhen, kein Protest.
Die Oppositionsparteien SPD und Grüne in Baden-Württemberg unterstützen die protestierenden Studenten ausdrücklich. Martin Rivoir von der SPD kritisiert die "dramatische Unterfinanzierung" der Hochschulen und verlangt eine Neuordnung der Bachelorstudiengänge. In der jetzigen Form verliere das Studium seinen wissenschaftlichen Charakter und diene nur dazu, die Studenten dem Arbeitsmarkt anzupassen, sagt Rivoir. Für die Grünen findet Theresia Bauer, die Studenten hätten "gute Gründe" gegen die schlampig umgesetzte Reform zu protestieren. Der Streik stelle einen klaren Auftrag an die Politik dar, die Studienbedingungen zu verbessern.
Das Bologna-Abkommen:
1999 unterzeichneten 30 Staaten die sogenannte Bologna-Erklärung. Ziel war, bis 2010 einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Inzwischen haben sich diesem Bologna-Prozess 46 Staaten angeschlossen. Herzstück ist die Einführung eines Studiensystems aus Bachelor und Master mit europaweit vergleichbaren Abschlüssen.
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