Kommentar Bildung braucht Freiheit
Marcus Sander, veröffentlicht am 17.11.2009
Stuttgart - Die Studenten haben nicht in jedem Punkt recht. Dafür sind viele ihrer Parolen zu platt. "Für die Rüstung seid ihr fit, für die Bildung habt ihr nix." Manche ihrer Forderungen sind pure Ideologie. Trotzdem sind die Sorgen der Jungen berechtigt. Wenn sie nicht protestieren, wird es niemand machen. Die Politik tut gut daran, dass sie dieses Mal den Unmut ernst nimmt. Nur so lässt sich eine Radikalisierung vermeiden.
Allzu lange hat sie die Probleme wie lästige Mücken behandelt. Bezeichnend ist ein Auftritt der Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, vor gut einem Jahr. Damals beklagte sie, dass die Medien kritisch über den Bologna-Prozess berichteten, den sie als rundum gelungen empfand. Heute sieht auch sie diesen Prozess weniger positiv. Bezeichnend ist eine Äußerung Annette Schavans. Im Sommer sagte die Forschungsministerin, die studentischen Forderungen seien "teilweise gestrig". Später ruderte sie zurück.
Die Bologna-Reform und die damit einhergehende Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen ist bis jetzt alles andere als der angekündigte große Wurf. Vor allem gegen die selbstgefällige Haltung vieler Bildungspolitiker richten sich die Aktionen. Studenten sind es leid, pauschal als Spinner abgestempelt zu werden. Es sind eben nicht - wie der Philologenverband gestern erklärte - vor allem Linksextreme, die ihrem Unmut Luft machen. Dass Zehntausende von jungen Menschen demonstrieren, ist ihr gutes Recht. Es ist aber auch ein Akt der Ohnmacht. Wenn der Eindruck herrscht, dass "die da oben" nur machen, was sie wollen, will man sie durch Aktionen bewegen, genauer hinzusehen.
Im Kern geht es um die Frage, welche Universität wir uns leisten wollen. Noch immer sind die deutschen Hochschulen in der Breite gut aufgestellt. Aber wird es so bleiben? Berechtigt ist die Forderung nach einer Entschleunigung und Entrümpelung der neuen Studiengänge. Dass Studenten durch Bologna denselben Stoff in noch kürzerer Zeit bewältigen müssen, ist nicht zielführend. Für ein Semester im Ausland fehlt jetzt Zeit - dabei wollte die Politik die Europäisierung vorantreiben. Auch gibt es viel zu viele Studienabbrecher.
Die Proteste richten sich gegen die zunehmende Verschulung. Dies trifft ebenfalls einen wunden Punkt. Denn ein Studentenleben sollte mehr sein als ein Schweinsgalopp. Universität sollte auch mehr sein als ein Ort, an dem jeder nur unmittelbar verwertbares Wissen erwirbt. Wer Latein oder Physik studiert, tut dies meist zu Bildungszwecken. Bildung ist ein Wert an sich. Bildungswege verlaufen aber oft krumm, sie kosten viel Geld - und sie können scheitern. Unsere Gesellschaft muss möglichst vielen Menschen individuelle und gute Bildungswege ermöglichen. Ihren gesellschaftlichen Auftrag, Bildung statt Häppchenwissen zu ermöglichen, darf sie nicht preisgeben. Wenn die Universität nur ein Durchlauferhitzer ist, verfehlt sie ihren Sinn.
Der Feind der Studenten heißt Ökonomisierung. Dieser unscharfe Kampfbegriff richtet sich - allzu pauschal - gegen alle Formen der Studiengebühren. Es geht dabei aber noch um etwas anderes: Die Jungen fordern mit Recht, nicht nur nach Marktgesetzen funktionieren zu müssen, sondern auch als Persönlichkeiten reifen zu dürfen. Dazu gehört, dass man Dinge ausprobiert. Auch dafür sind Universitäten da.
Die Politik fängt allmählich an aufzuwachen. Wissenschaftsrat und Rektorenkonferenz halten die studentische Kritik im Kern für zutreffend. Schavan und die Kultusminister haben Gespräche angekündigt - das sind erste, überfällige Signale. Jedes Angebot, sich konstruktiv an der Verbesserung der Studienbedingungen zu beteiligen, sollten die Studenten nutzen. Wollen sie etwas bewirken, müssen sie sich engagieren. Aber sie müssen auch ihre Argumente schärfen und manch platte Parole entsorgen.
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Die Bologna-Reform und die damit einhergehende Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen ist bis jetzt alles andere als der angekündigte große Wurf. Vor allem gegen die selbstgefällige Haltung vieler Bildungspolitiker richten sich die Aktionen. Studenten sind es leid, pauschal als Spinner abgestempelt zu werden. Es sind eben nicht - wie der Philologenverband gestern erklärte - vor allem Linksextreme, die ihrem Unmut Luft machen. Dass Zehntausende von jungen Menschen demonstrieren, ist ihr gutes Recht. Es ist aber auch ein Akt der Ohnmacht. Wenn der Eindruck herrscht, dass "die da oben" nur machen, was sie wollen, will man sie durch Aktionen bewegen, genauer hinzusehen.
Im Kern geht es um die Frage, welche Universität wir uns leisten wollen. Noch immer sind die deutschen Hochschulen in der Breite gut aufgestellt. Aber wird es so bleiben? Berechtigt ist die Forderung nach einer Entschleunigung und Entrümpelung der neuen Studiengänge. Dass Studenten durch Bologna denselben Stoff in noch kürzerer Zeit bewältigen müssen, ist nicht zielführend. Für ein Semester im Ausland fehlt jetzt Zeit - dabei wollte die Politik die Europäisierung vorantreiben. Auch gibt es viel zu viele Studienabbrecher.
Mehr als nur ein Schweinsgalopp
Die Proteste richten sich gegen die zunehmende Verschulung. Dies trifft ebenfalls einen wunden Punkt. Denn ein Studentenleben sollte mehr sein als ein Schweinsgalopp. Universität sollte auch mehr sein als ein Ort, an dem jeder nur unmittelbar verwertbares Wissen erwirbt. Wer Latein oder Physik studiert, tut dies meist zu Bildungszwecken. Bildung ist ein Wert an sich. Bildungswege verlaufen aber oft krumm, sie kosten viel Geld - und sie können scheitern. Unsere Gesellschaft muss möglichst vielen Menschen individuelle und gute Bildungswege ermöglichen. Ihren gesellschaftlichen Auftrag, Bildung statt Häppchenwissen zu ermöglichen, darf sie nicht preisgeben. Wenn die Universität nur ein Durchlauferhitzer ist, verfehlt sie ihren Sinn.
Der Feind der Studenten heißt Ökonomisierung. Dieser unscharfe Kampfbegriff richtet sich - allzu pauschal - gegen alle Formen der Studiengebühren. Es geht dabei aber noch um etwas anderes: Die Jungen fordern mit Recht, nicht nur nach Marktgesetzen funktionieren zu müssen, sondern auch als Persönlichkeiten reifen zu dürfen. Dazu gehört, dass man Dinge ausprobiert. Auch dafür sind Universitäten da.
Die Politik fängt allmählich an aufzuwachen. Wissenschaftsrat und Rektorenkonferenz halten die studentische Kritik im Kern für zutreffend. Schavan und die Kultusminister haben Gespräche angekündigt - das sind erste, überfällige Signale. Jedes Angebot, sich konstruktiv an der Verbesserung der Studienbedingungen zu beteiligen, sollten die Studenten nutzen. Wollen sie etwas bewirken, müssen sie sich engagieren. Aber sie müssen auch ihre Argumente schärfen und manch platte Parole entsorgen.
Kommentare (2)
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Christian Abele,
18.11.2009
Warum nur Bachelor ?
Ich kann es nicht nachvollziehen. Da hat Deutschland mit den Diplomstudiengängen an der Universität in den technischen Studienrichtungen wie Elektrotechnik, Maschinenbau oder Fahrzeugmechatronik die weltweit am meisten anerkannten Abschlüsse. Gegenüber Master-Studiengängen aus anderen Ländern wie den USA werden Diplom-Absolventen aus Deutschland von der Industrie bevorzugt genommen.
Jetzt gibt es das in anderen Ländern nur befriedigende bis ausreichende Absolventen-Qualität produzierende System bei uns auch. Zur größten Verhöhung unserer Bildungswerte auch noch mit dem Argument dass das besser international anerkannt wäre. Das ist der schlechteste Witz seit Jahren und zeugt von bildungspolitischer "Dummheit" und "Oberflächlichkeit".
Was jetzt passiert: Die Inhalte von 10-11 Semestern eines Diplomstudienganges (davon ein halbes Jahr Praktikum und noch ein halbes Jahr Diplomarbeit) plus 2 nebenher laufende Studienarbeiten mit dem Zeitumfang jeweils eines halben Jahres werden aufgeteilt. Das Basiswissen und die Grundlagen kommen in den Bachelor-Abschluss, die wirklich wichtigen und interessanten Dinge in den Master.
Die Folge: Der Bachelor ist völlig überfrachtet und liefert nur Absolventen mit "gesunden Grundlagen". So etwas ist von der Industrie aber nicht erwünscht. Ein Konstruktionsbüro braucht keinen Absolventen, der Grundlagenwissen besitzt, sondern es möchte Absolventen, die nach kurzer Einarbeitungszeit selbstständig arbeiten können. Selbstständigkeit kann im Bachelor-System nicht entwickelt werden, da hier alles vorgegeben wird und man nur schauen muss, nicht aus dem Studium zu fallen.
Die nächste Hürde für Studenten, die mit dem Basiswissen nicht zufrieden sind, ist die Auswahl für die Masterstudiengänge. Wer weiter studieren darf hängt von Schulnoten ab, und nicht vom Interessensgebiet. Unglaublich, so etwas. Armes Deutschland.
Passendes Motto der Studenten:
"Dichter und Denker .... statt Bachelor und Banker"
Jetzt gibt es das in anderen Ländern nur befriedigende bis ausreichende Absolventen-Qualität produzierende System bei uns auch. Zur größten Verhöhung unserer Bildungswerte auch noch mit dem Argument dass das besser international anerkannt wäre. Das ist der schlechteste Witz seit Jahren und zeugt von bildungspolitischer "Dummheit" und "Oberflächlichkeit".
Was jetzt passiert: Die Inhalte von 10-11 Semestern eines Diplomstudienganges (davon ein halbes Jahr Praktikum und noch ein halbes Jahr Diplomarbeit) plus 2 nebenher laufende Studienarbeiten mit dem Zeitumfang jeweils eines halben Jahres werden aufgeteilt. Das Basiswissen und die Grundlagen kommen in den Bachelor-Abschluss, die wirklich wichtigen und interessanten Dinge in den Master.
Die Folge: Der Bachelor ist völlig überfrachtet und liefert nur Absolventen mit "gesunden Grundlagen". So etwas ist von der Industrie aber nicht erwünscht. Ein Konstruktionsbüro braucht keinen Absolventen, der Grundlagenwissen besitzt, sondern es möchte Absolventen, die nach kurzer Einarbeitungszeit selbstständig arbeiten können. Selbstständigkeit kann im Bachelor-System nicht entwickelt werden, da hier alles vorgegeben wird und man nur schauen muss, nicht aus dem Studium zu fallen.
Die nächste Hürde für Studenten, die mit dem Basiswissen nicht zufrieden sind, ist die Auswahl für die Masterstudiengänge. Wer weiter studieren darf hängt von Schulnoten ab, und nicht vom Interessensgebiet. Unglaublich, so etwas. Armes Deutschland.
Passendes Motto der Studenten:
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