Das Vaterspiel

Wie alles mit allem zusammenhängt

Ulrich Kriest, veröffentlicht am 26.11.2009
Filmbeschreibung
Der gebürtige Grazer Michael Glawogger, Jahrgang 1959, arbeitet wechselweise als Dokumentarist und Regisseur von Spielfilmen. Mit seinen hybriden Dokumentationen "Megacities" und "Workingsman's Death" sorgte er für heftige Diskussionen. In seinen Spielfilmen "Nacktschnecken", "Slumming" und "Contact High" hat er mit den Möglichkeiten eines mehrstimmigen Erzählens mit mehreren Protagonisten experimentiert. Diese Erfahrungen nutzt er jetzt bei der Verfilmung von Josef Haslingers Roman "Das Vaterspiel", der zu vier unterschiedlichen Zeiten (1941, 1959, achtziger Jahre, 1999) in vier verschiedenen Ländern (Litauen, BRD, Österreich, USA) spielt.

Es geht um die Vernichtung der europäischen Juden, speziell um die Pogrome 1941 in Litauen, um die Frage des möglichen und verpassten Widerstands, um Schuld und Sühne, um die Echos zu diesen Ereignissen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und um die Energien, die diese Verbrechen freigesetzt haben. Vielleicht ist der Film gar eine gegenstrebige Fortsetzung vom "Weißen Band". Glawogger zäumt die Geschichte nämlich von hinten auf, erzählt von Ratz (Helmut Köpping), der es zu nicht viel gebracht hat, an einem Vaterkomplex laboriert und unvermittelt mit dem Verbrechen des 20. Jahrhunderts konfrontiert wird. Ratz' Vater (Christian Tramitz) ist sozialdemokratischer Minister, der mal als Moralist in die Politik gegangen sein mag, um diese historische Schuld abzutragen, doch längst zum Zyniker der Macht geworden ist. Ratz hat ein Ego-Shooter-Spiel entwickelt, um wenigstens in der Fantasie mit dem Vater abrechnen zu können.

Im Winter 1999 erreicht Ratz ein Anruf aus New York. Seine ehemalige Studienfreundin Mimi (Sabine Timoteo) hat buchstäblich einen alten Nazi im Keller, ihren litauischen Großvater (Otto Tausig), der als Kriegsverbrecher gesucht wird und dessen Versteck jetzt renoviert werden muss. Viele Jahre zuvor hatte ein Mann namens Jonas Shtrom (Ulrich Tukur) in der Ludwigsburger Zentralen Erfassungsstelle für NS-Verbrechen die Geschichte seines in Litauen ermordeten Vaters erzählt.

Glawogger gelingt ein virtuoses Spiel mit den unterschiedlichen Realitäts- und Zeitebenen, er stellt unbequeme Fragen über Dispositionen zur Gewaltausübung, stellt Zusammenhänge und Konstellationen her und beharrt entschieden auf Differenzen. Während die Romanvorlage ein komplexes, aber in sich stimmiges Österreichbild entwarf, löst Glawogger es filmisch wieder auf, indem er unsere Versuche, sich einen Reim auf das Gezeigte zu machen, häufig ins Leere laufen lässt.

Immer wieder wagt der Film irritierende Sprünge aus dem spröden Realismus in die Welt des Virtuellen, mitunter verweilt die Kamera etwas zu lange auf Alltagsobjekten, als hätten sie eine Bedeutung, die sich dann nicht erschließt. Ein türkis bezogener Sessel ist ein türkis bezogener Sessel ist ein türkis bezogener Sessel. Solche visuellen Leerstellen wirken als Störungen innerhalb eines Erzählflusses, der mit großer Geste über mehr als ein halbes Jahrhundert verfügen will. Alles hängt irgendwie miteinander zusammen, behauptet die Erzählung. Man kann das alles aber nicht vergleichen, sagt der Film.

Folglich kippt der Film ins Fragmentarische, Vieldeutige, fragt mehr als zu antworten, bleibt auf Distanz zu den Figuren, die wie Mimi aus einem Computerspiel oder wie Ratz aus der "Lindenstraße" stammen könnten. Familie, Politik, Schuld und Moral - wie hängt das zusammen? Da sind die Vatermord-Fantasien, da ist der Schutz des Großvaters, da ist das Sich-schuldig-Fühlen an der Ermordung des Vaters, da sind die Massenhinrichtungen in Litauen, da sind die virtuellen Erschießungen der digitalen Vater-Avatare. Da sind ausgelöschte Familien, kaputte Familien und Familien, die trotz allem zusammenhalten. Nein, Glawogger hat "Das Vaterspiel" nicht verfilmt, er hat den Roman einer intensiven Re-Lektüre unterzogen. Nach dem Sehen des "Vaterspiels" von Glawogger sollte man "Das Vaterspiel" von Haslinger noch einmal lesen. Um diesen Film bewundern zu lernen.
 
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