Unter Männern
Artikel aus der vom 04.12.2009
Fehlt noch das Tischgebet. Kevin Bahr stöbert in dem Sprüche-Fächer, den er einst von einem Pfarrer geschenkt bekommen hat. Das Ding ist ganz schön nützlich. Einmal die Woche brauchen die Jungs ein Gebet. Immer mittwochs, beim gemeinsamen Abendessen. Und den religiösen Spruch einfach mal ausfallen lassen, das geht nicht. Bei einer katholischen Studentenverbindung gehört das Tischgebet zum Selbstverständnis.
Kevin Bahr und seine Brüder gehören der Carolingia Hohenheim an, einer von sechs Verbindungen im Dunstkreis der Filder-Uni. Wer zu den Carolingern gehören will, muss deren Prinzipien nicht nur auswendig lernen, sondern zu seinen machen. Über allem steht die Religion. Was nicht bedeutet, dass ein Carolinger in die Kirche gehen muss. Die anderen Prinzipien lauten Amicitia, Scientia und Patria; sie stehen für lebenslange Freundschaft, ewigen Wissensdurst und Interesse an anderen.
Derzeit hat die Verbindung 350 Mitglieder. Sie spalten sich in Aktive und Alte Herren. Neulinge heißen Füxe. Bewährte, noch studierende Bundesbrüder sind Burschen. Zwölf wohnen in dem Haus an der Garbenstraße. Es ist ein Zimmer auf Zeit. Nach zwei Semestern sind die nächsten dran.
Die Alten Herren sind in der Überzahl. Sie arbeiten oder sind Rentner. Der Freundschaftsschwur gebietet ihnen, sich um die Jüngeren zu kümmern - finanziell und ideell. Nutzt einer den Bund zu Studentenzeiten, lässt sich danach jedoch nicht mehr blicken, "wird er an die Pflichten erinnert", notfalls erfolgt der Ausschluss, sagt Ludwig Gekle. Er ist der Consenior der Alten Herren. Das ist so etwas wie Vize-Chef.
In der Carolinger-Küche ist abends immer was los. Mittwochs noch mehr. Dann, wenn einer für alle kocht. Heute heißt der eine Danin Dürrich. Seit eineinhalb Stunden steht er am Herd und rührt mit einem Kochlöffel, der so lang ist wie ein Tennisschläger. 37 Liter Chili con Carne blubbern im Riesentopf. 37 Liter Chili bedeuten siebeneinhalb Kilo Hackfleisch, 16 Dosen Bohnen und zweieinhalb Kilo Kartoffeln. 30 Leute sollen satt werden. Das einzuschätzen ist gar nicht so leicht für jemanden, der bis vor kurzem bei Muttern gegessen hat. Bei Danin Dürrich gibt es keinen Grund zur Sorge. "Wenn er so kocht, wie er tanzt, ist es nicht schlecht", sagt Kevin Bahr.
Die Carolinger sagen von sich selbst, dass sie eine friedliche Verbindung sind. Fechten, Saufen, Raufen - "damit wollen wir nichts zu tun haben", sagt der Bursche Andreas Schimpf. Was nicht heißt, dass die Jungs tagein, tagaus brav im Zimmer büffeln und beten. Sie sind ganz normale Jungs, sagt Andreas Schimpf. Im Fernsehraum hängt das Poster einer spärlich bekleideten Frau, im Partykeller müffelt es nach kaltem Zigarettenrauch, und die Brüder trinken auch mal mehr, als ihnen gut tut. Klar ist: "Wenn einer zehn Bier trinkt und danach noch aufrecht steht, bekommt er von uns keine Belobigung dafür", sagt Ludwig Gekle. Ärger ist wahrscheinlicher.
Hierzulande gehören zwei bis drei Prozent der Studenten einer der etwa 1100 Verbindungen an. Die, die regelmäßig in der Kritik stehen, sind Burschenschaften. Gemeinhin heißt es, sie pflegen rechtslastiges Gedankengut, behandeln Neue wie Sklaven und benehmen sich frauenfeindlich. Obwohl nur die Minderheit negativ von sich reden macht, muss sich die Mehrheit gegen diese Klischees verteidigen.
Die Carolinger sind nicht im Bunde mit Frauen. Die Freundin darf übernachten, doch eine Schwester wird sie nicht. "Es ist eine Männerfreundschaft", sagt Andreas Schimpf. "Das heißt ja überhaupt nicht, dass man gegen etwas ist", sagt Ludwig Gekle. Andersrum. Sie sind für etwas. Nämlich dafür, dass sie bei manchen Anlässen unter sich sein wollen. Unter Männern.
Kaum zu glauben. Drei Jahre ist es her, da wusste Andreas Schimpf nichtmal, was eine Studentenverbindung ist. Dass er es 2006 erfuhr, war Zufall statt Absicht. Er wollte nach Hohenheim zum Studieren. Er hat ein Zimmer gesucht und Brüder gefunden. "Ganz klassisch", sagt er. Heute ist er der Senior der Aktiven. Das ist so etwas wie ein Vereinsvorsitzender. Bei offiziellen Anlässen sitzt er auf dem Chefsessel, der aussieht wie ein Thron.
Auf dem Beistelltisch in der Carolinger-Küche steht ein Tabasco-Fläschchen. Damit das Chili wie Chili schmeckt. Danin Dürrich traut sich nicht, die Blubber-Suppe zu schärfen. "Da soll jeder selbst würzen, sonst geht das in die Hose", sagt er. Der Küchenchef ist gerade farbenlos. Seine Schärpe hängt noch im Zimmer. Nicht, dass er das Band des Bundes mit Tomatensauce verkleckert. Das wäre ähnlich, wie wenn eine Braut ihr Kleid vor der Trauung mit Kaffee befleckt.
Kevin Bahr und seine Brüder gehören der Carolingia Hohenheim an, einer von sechs Verbindungen im Dunstkreis der Filder-Uni. Wer zu den Carolingern gehören will, muss deren Prinzipien nicht nur auswendig lernen, sondern zu seinen machen. Über allem steht die Religion. Was nicht bedeutet, dass ein Carolinger in die Kirche gehen muss. Die anderen Prinzipien lauten Amicitia, Scientia und Patria; sie stehen für lebenslange Freundschaft, ewigen Wissensdurst und Interesse an anderen.
Derzeit hat die Verbindung 350 Mitglieder. Sie spalten sich in Aktive und Alte Herren. Neulinge heißen Füxe. Bewährte, noch studierende Bundesbrüder sind Burschen. Zwölf wohnen in dem Haus an der Garbenstraße. Es ist ein Zimmer auf Zeit. Nach zwei Semestern sind die nächsten dran.
Die Alten Herren sind in der Überzahl. Sie arbeiten oder sind Rentner. Der Freundschaftsschwur gebietet ihnen, sich um die Jüngeren zu kümmern - finanziell und ideell. Nutzt einer den Bund zu Studentenzeiten, lässt sich danach jedoch nicht mehr blicken, "wird er an die Pflichten erinnert", notfalls erfolgt der Ausschluss, sagt Ludwig Gekle. Er ist der Consenior der Alten Herren. Das ist so etwas wie Vize-Chef.
In der Carolinger-Küche ist abends immer was los. Mittwochs noch mehr. Dann, wenn einer für alle kocht. Heute heißt der eine Danin Dürrich. Seit eineinhalb Stunden steht er am Herd und rührt mit einem Kochlöffel, der so lang ist wie ein Tennisschläger. 37 Liter Chili con Carne blubbern im Riesentopf. 37 Liter Chili bedeuten siebeneinhalb Kilo Hackfleisch, 16 Dosen Bohnen und zweieinhalb Kilo Kartoffeln. 30 Leute sollen satt werden. Das einzuschätzen ist gar nicht so leicht für jemanden, der bis vor kurzem bei Muttern gegessen hat. Bei Danin Dürrich gibt es keinen Grund zur Sorge. "Wenn er so kocht, wie er tanzt, ist es nicht schlecht", sagt Kevin Bahr.
Die Carolinger sagen von sich selbst, dass sie eine friedliche Verbindung sind. Fechten, Saufen, Raufen - "damit wollen wir nichts zu tun haben", sagt der Bursche Andreas Schimpf. Was nicht heißt, dass die Jungs tagein, tagaus brav im Zimmer büffeln und beten. Sie sind ganz normale Jungs, sagt Andreas Schimpf. Im Fernsehraum hängt das Poster einer spärlich bekleideten Frau, im Partykeller müffelt es nach kaltem Zigarettenrauch, und die Brüder trinken auch mal mehr, als ihnen gut tut. Klar ist: "Wenn einer zehn Bier trinkt und danach noch aufrecht steht, bekommt er von uns keine Belobigung dafür", sagt Ludwig Gekle. Ärger ist wahrscheinlicher.
Hierzulande gehören zwei bis drei Prozent der Studenten einer der etwa 1100 Verbindungen an. Die, die regelmäßig in der Kritik stehen, sind Burschenschaften. Gemeinhin heißt es, sie pflegen rechtslastiges Gedankengut, behandeln Neue wie Sklaven und benehmen sich frauenfeindlich. Obwohl nur die Minderheit negativ von sich reden macht, muss sich die Mehrheit gegen diese Klischees verteidigen.
Die Carolinger sind nicht im Bunde mit Frauen. Die Freundin darf übernachten, doch eine Schwester wird sie nicht. "Es ist eine Männerfreundschaft", sagt Andreas Schimpf. "Das heißt ja überhaupt nicht, dass man gegen etwas ist", sagt Ludwig Gekle. Andersrum. Sie sind für etwas. Nämlich dafür, dass sie bei manchen Anlässen unter sich sein wollen. Unter Männern.
Kaum zu glauben. Drei Jahre ist es her, da wusste Andreas Schimpf nichtmal, was eine Studentenverbindung ist. Dass er es 2006 erfuhr, war Zufall statt Absicht. Er wollte nach Hohenheim zum Studieren. Er hat ein Zimmer gesucht und Brüder gefunden. "Ganz klassisch", sagt er. Heute ist er der Senior der Aktiven. Das ist so etwas wie ein Vereinsvorsitzender. Bei offiziellen Anlässen sitzt er auf dem Chefsessel, der aussieht wie ein Thron.
Auf dem Beistelltisch in der Carolinger-Küche steht ein Tabasco-Fläschchen. Damit das Chili wie Chili schmeckt. Danin Dürrich traut sich nicht, die Blubber-Suppe zu schärfen. "Da soll jeder selbst würzen, sonst geht das in die Hose", sagt er. Der Küchenchef ist gerade farbenlos. Seine Schärpe hängt noch im Zimmer. Nicht, dass er das Band des Bundes mit Tomatensauce verkleckert. Das wäre ähnlich, wie wenn eine Braut ihr Kleid vor der Trauung mit Kaffee befleckt.
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