Avatar 3D - Aufbruch nach Pandora
Sie brennt für uns, die schöne fremde Welt
Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 17.12.2009
Filmbeschreibung
Er dämmert schmatzfeucht grün. Er leuchtet schimmelsilbern dunstig. Er glubscht und stulpt und kelcht aus Ketten, Teppichen und Klumpen vielgestaltiger Farne, Pilze, Moose, Blumen, Ranken einem fernen, brausigen Himmel entgegen, der auf knorrig-wuchtigen, sich windend und klammernd ineinander verästelten und verwurzelten, erhaben patriarchenstolz ihre Blattwerkkronen um sich aufspannenden Baumriesen ruht. Wir sehen einen Zauberwald, der innerhalb der Logik von James Camerons Spielfilm "Avatar" nichts Verhextes an sich hat, der einfach Biosphäre ist: die eines fremden Planeten namens Pandora.
Der irdische Exmarine Jake Sully (Sam Worthington) ist hier und doch nicht hier. Er läuft am Boden dieses vielgeschossigen Dschungels umher, springt über Wurzeln, schiebt sich durch Dornen, tupft große, porzellanzarte, rosa gerippte Wendelkelche an, die mit einem jungfernartig empörten Ruck im Bruchteil einer Sekunde in sich zusammenschnellen. Sully tollt mittendrin im Jauchzen einer ursprünglichen Natur, erregt auch von der Möglichkeit, er könnte im nächsten Moment um sein Leben laufen müssen. Denn der Wald birgt sehnige, muskulöse Räuber mit Säbelzähnen, Schlitzerkrallen und und Fetzermuskeln.
Sully liegt aber auch reglos in einem Metalltank, einer Mischung aus Sonnenbank, Designersarg und Rechenzentrum. Er kann von hier kaum aufstehen, denn Sullys Menschenkörper ist querschnittgelähmt. Neben dem Sarg voller Lebenssimulation wartet der Rollstuhl. Drinnen hängt Sully an einer Verbindungselektronik, die ihn einen zweiten Körper steuern und erleben lässt, seinen Avatar. Herangezüchtet in Klontanks, sind die Avatare den Eingeborenen von Pandora nachgebildet und ihrem jeweiligen menschlichen Lenker durch eine komplizierte genetische Verschlüsselung eindeutig zugeordnet. Die Eingeborenen, die Na'vi, sind drei Meter große, geschwänzte Kreaturen, die an aufrecht gehende Raubkatzen erinnern. Weil die sehr viel kleineren Menschen die Atmosphäre von Pandora nicht vertragen und hinter Luftschleusen und Atemmasken verharren müssen, aber auch, weil der Kulturkontakt nicht funktioniert, kommen die Zweitkörper zum Einsatz. Die naturnahen Na'vi misstrauen den Menschen und deren Technik. Viele hassen die Avatare.
Die Na'vi haben allen Grund zum Misstrauen. Die ungebetene menschliche Enklave auf ihrem Planeten ist keine ungeschickt eingefädelte Maßnahme der Diplomatieanbahnung. Eine stattliche Truppe hochgerüsteter Soldaten hütet hier gigantische Schürf- und Rodungsmaschinen. Die Menschen wollen dem Wald, den die Eingeborenen als Lebensnetzwerk begreifen, Bodenschätze entreißen. Dabei würde vom Wald nicht viel übrig bleiben.
Jake Sully hat zwar den Auftrag, im Guten auszukundschaften, wie sich die Na'vi zur Räumung ihrer Heimat überreden ließen. Aber er wird noch merken, dass er eigentlich nur Spion in einer kalt geplanten Völkermordoperation ist. James Cameron erzählt also eine bitter vertraute Geschichte: die vom Krieger, der sich den ehemaligen Feind zum Freund macht, der die fremde Kultur verstehen und schätzen lernt, der Vertrauen erringt, wo nur Ablehnung war und hofft, diese Aussöhnung werde zum Muster für die verfeindeten Völker. Der dann aber erleben muss, dass die Seite, die er früher für die seine hielt, die Aussöhnung nicht will, dass sie böse Absichten hegt und verwirklicht.
Im Kino ist diese Geschichte bisher wohl am erfolgreichsten von Kevin Costners Film "Der mit dem Wolf tanzt" erzählt worden. Doch so berechenbar Camerons Film ist, so wenig wirkt er je geschäftsmäßig. "Avatar" hat mehr Zorn und Schrecken in seinen Bildern, als man vom Versuch eines globalen Megahits erwarten dürfte. Unsere Rücksichtslosigkeit gegenüber Natur und Naturvölkern verdichtet Cameron zu Actionbildern, die immer ein wenig mehr liefern als Spektakel. Wie die Na'vi beim Angriff der Menschen durch den Wald geschleudert werden, wie über Jahrhunderte gewachsene Bäume unterm Beschuss mit Napalmgranaten schmorend und blakend niederstürzen, wie brennende Tiere in vergeblichen Fluchtversuchen dieser Hölle der Profiterwirtschaftung zu entkommen versuchen, das ist mehr als Ventilkrawall. Das tut weh und beschämt. Der technisch aufwendigste Film der Computerära, der teuerste aller Zeiten, die aufwendige und sorgfältige Verschmelzung realer und virtueller Komponenten, wendet sich paradoxerweise sehr glaubhaft gegen eine Technozivilisation mit einem Aktienkurs als Seele.
"Avatar" darum als virtuos gemachtes message movie zu sehen, als Film gewordenes Anliegen, wäre aber falsch. Der 1954 in Kanada geborene Cameron hat im Lauf seiner Karriere stets die allerneueste Filmtechnik eingesetzt, die beim Beginn seiner Projekte regelmäßig noch nicht da war, wo sie mittendrin unbedingt sein musste. Denn Cameron hat uns in "Terminator" (1984) und "Terminator 2" (1991), in "Aliens" (1986) und "The Abyss" (1989), in "True Lies" (1994) und "Titanic" (1997) immer etwas zeigen wollen, was wir mit eigenen Augen so im Leben nie erhaschen könnten. Sein Grundanliegen ist also das der Science- Fiction - zu der man außer "Titanic" (ironischerweise sein größter Erfolg) alle Filme Camerons zählen kann.
Die SF hat es im Kino immer schwer gehabt. Autoren malten mit ein paar Worten Gigantisches, Bizarres, Ungeheuerliches aus, dem über Generationen weder Filmtechnik noch Filmbudgets gewachsen waren. Der Erfolg von "Star Wars" beruhte einst auch darauf, dass wenigstens ein paar Filmszenen so souverän anderweltlich aussahen wie die Cover von Science-Fiction-Romanen. Der New Yorker SF-Illustrator Wayne Barlowe, Sohn zweier Naturzeichner, hat seine Bilder denn auch schon länger losgelöst von Texten und zu Führern durch erfundene Ökosysteme zusammengestellt, wie "Expedition" und "The Alien Life of Wayne Barlowe".
Für "Avatar" hat Cameron genau diese Souveränität, Geschlossenheit, Überzeugungskraft aus Buchstaben und Tusche angestrebt - und Wayne Barlowe angeheuert, um Geschöpfe für Pandora zu erfinden. Es geht "Avatar" ganz altmodisch um Entrückung, um die Kraft des Kinos, uns einen anderen Ort erleben, eine andere Vitalität spüren zu lassen. Das gelingt so, als seien wir nicht längst mit digitalen Bildentwürfen vollgestopft, es gelingt so gut, dass wir uns tatsächlich krümmen, wenn diese schöne neue Welt zerstört wird.
Der irdische Exmarine Jake Sully (Sam Worthington) ist hier und doch nicht hier. Er läuft am Boden dieses vielgeschossigen Dschungels umher, springt über Wurzeln, schiebt sich durch Dornen, tupft große, porzellanzarte, rosa gerippte Wendelkelche an, die mit einem jungfernartig empörten Ruck im Bruchteil einer Sekunde in sich zusammenschnellen. Sully tollt mittendrin im Jauchzen einer ursprünglichen Natur, erregt auch von der Möglichkeit, er könnte im nächsten Moment um sein Leben laufen müssen. Denn der Wald birgt sehnige, muskulöse Räuber mit Säbelzähnen, Schlitzerkrallen und und Fetzermuskeln.
Sully liegt aber auch reglos in einem Metalltank, einer Mischung aus Sonnenbank, Designersarg und Rechenzentrum. Er kann von hier kaum aufstehen, denn Sullys Menschenkörper ist querschnittgelähmt. Neben dem Sarg voller Lebenssimulation wartet der Rollstuhl. Drinnen hängt Sully an einer Verbindungselektronik, die ihn einen zweiten Körper steuern und erleben lässt, seinen Avatar. Herangezüchtet in Klontanks, sind die Avatare den Eingeborenen von Pandora nachgebildet und ihrem jeweiligen menschlichen Lenker durch eine komplizierte genetische Verschlüsselung eindeutig zugeordnet. Die Eingeborenen, die Na'vi, sind drei Meter große, geschwänzte Kreaturen, die an aufrecht gehende Raubkatzen erinnern. Weil die sehr viel kleineren Menschen die Atmosphäre von Pandora nicht vertragen und hinter Luftschleusen und Atemmasken verharren müssen, aber auch, weil der Kulturkontakt nicht funktioniert, kommen die Zweitkörper zum Einsatz. Die naturnahen Na'vi misstrauen den Menschen und deren Technik. Viele hassen die Avatare.
Die Na'vi haben allen Grund zum Misstrauen. Die ungebetene menschliche Enklave auf ihrem Planeten ist keine ungeschickt eingefädelte Maßnahme der Diplomatieanbahnung. Eine stattliche Truppe hochgerüsteter Soldaten hütet hier gigantische Schürf- und Rodungsmaschinen. Die Menschen wollen dem Wald, den die Eingeborenen als Lebensnetzwerk begreifen, Bodenschätze entreißen. Dabei würde vom Wald nicht viel übrig bleiben.
Jake Sully hat zwar den Auftrag, im Guten auszukundschaften, wie sich die Na'vi zur Räumung ihrer Heimat überreden ließen. Aber er wird noch merken, dass er eigentlich nur Spion in einer kalt geplanten Völkermordoperation ist. James Cameron erzählt also eine bitter vertraute Geschichte: die vom Krieger, der sich den ehemaligen Feind zum Freund macht, der die fremde Kultur verstehen und schätzen lernt, der Vertrauen erringt, wo nur Ablehnung war und hofft, diese Aussöhnung werde zum Muster für die verfeindeten Völker. Der dann aber erleben muss, dass die Seite, die er früher für die seine hielt, die Aussöhnung nicht will, dass sie böse Absichten hegt und verwirklicht.
Im Kino ist diese Geschichte bisher wohl am erfolgreichsten von Kevin Costners Film "Der mit dem Wolf tanzt" erzählt worden. Doch so berechenbar Camerons Film ist, so wenig wirkt er je geschäftsmäßig. "Avatar" hat mehr Zorn und Schrecken in seinen Bildern, als man vom Versuch eines globalen Megahits erwarten dürfte. Unsere Rücksichtslosigkeit gegenüber Natur und Naturvölkern verdichtet Cameron zu Actionbildern, die immer ein wenig mehr liefern als Spektakel. Wie die Na'vi beim Angriff der Menschen durch den Wald geschleudert werden, wie über Jahrhunderte gewachsene Bäume unterm Beschuss mit Napalmgranaten schmorend und blakend niederstürzen, wie brennende Tiere in vergeblichen Fluchtversuchen dieser Hölle der Profiterwirtschaftung zu entkommen versuchen, das ist mehr als Ventilkrawall. Das tut weh und beschämt. Der technisch aufwendigste Film der Computerära, der teuerste aller Zeiten, die aufwendige und sorgfältige Verschmelzung realer und virtueller Komponenten, wendet sich paradoxerweise sehr glaubhaft gegen eine Technozivilisation mit einem Aktienkurs als Seele.
"Avatar" darum als virtuos gemachtes message movie zu sehen, als Film gewordenes Anliegen, wäre aber falsch. Der 1954 in Kanada geborene Cameron hat im Lauf seiner Karriere stets die allerneueste Filmtechnik eingesetzt, die beim Beginn seiner Projekte regelmäßig noch nicht da war, wo sie mittendrin unbedingt sein musste. Denn Cameron hat uns in "Terminator" (1984) und "Terminator 2" (1991), in "Aliens" (1986) und "The Abyss" (1989), in "True Lies" (1994) und "Titanic" (1997) immer etwas zeigen wollen, was wir mit eigenen Augen so im Leben nie erhaschen könnten. Sein Grundanliegen ist also das der Science- Fiction - zu der man außer "Titanic" (ironischerweise sein größter Erfolg) alle Filme Camerons zählen kann.
Die SF hat es im Kino immer schwer gehabt. Autoren malten mit ein paar Worten Gigantisches, Bizarres, Ungeheuerliches aus, dem über Generationen weder Filmtechnik noch Filmbudgets gewachsen waren. Der Erfolg von "Star Wars" beruhte einst auch darauf, dass wenigstens ein paar Filmszenen so souverän anderweltlich aussahen wie die Cover von Science-Fiction-Romanen. Der New Yorker SF-Illustrator Wayne Barlowe, Sohn zweier Naturzeichner, hat seine Bilder denn auch schon länger losgelöst von Texten und zu Führern durch erfundene Ökosysteme zusammengestellt, wie "Expedition" und "The Alien Life of Wayne Barlowe".
Für "Avatar" hat Cameron genau diese Souveränität, Geschlossenheit, Überzeugungskraft aus Buchstaben und Tusche angestrebt - und Wayne Barlowe angeheuert, um Geschöpfe für Pandora zu erfinden. Es geht "Avatar" ganz altmodisch um Entrückung, um die Kraft des Kinos, uns einen anderen Ort erleben, eine andere Vitalität spüren zu lassen. Das gelingt so, als seien wir nicht längst mit digitalen Bildentwürfen vollgestopft, es gelingt so gut, dass wir uns tatsächlich krümmen, wenn diese schöne neue Welt zerstört wird.
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