Wo die wilden Kerle wohnen

Einander zu fressen ist auch keine Lösung

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 17.12.2009
Filmbeschreibung
Vielleicht sollte ein schreckliches Monster wirklich ein kleines bisschen schrecklich sein. Das ist nicht bloß eine Grundannahme der Ungeheuerkunde, es ist ein historischer Einwand. Wenn man in den siebziger oder achtziger Jahren, als Jim Hensons Muppet-Studios aus Plastik und Flokati fantastische Kreaturen schufen, Kinofreunde gefragt hätte, ob sie sich eine Verfilmung von Maurice Sendaks Kinderbuch "Wo die wilden Kerle wohnen" wünschten, mit dem sie alle aufgewachsen waren, hätten die vermutlich zwei Sorgen formuliert. Die erste: Ist das Buch mit zwanzig Bildern und wenigen Sätzen Text nicht viel zu kurz für einen Spielfilm, würde es durch Ausschmückung nicht völlig verfremdet? Die zweite: Würden die Monster, die ein kleiner Junge bei seinem nächtlichen Ausflug ins Fantasieland trifft, als lebensgroße Fellfiguren nicht zu früh schon zu gemütlich und knuffig aussehen?

Solche Einwände haben auch Hollywood immer wieder von dem verlockend auflagenstarken Buch abgeschreckt, um das irgendein Produzent dann doch wieder herumschlich. Der Regisseur Spike Jonze endlich schien der Richtige für den Stoff: Werbe- und Musikvideomacher, Erfinder des "Jackass"-Formats, Regisseur der Spielfilme "Being John Malkovich" (1999) und "Adaptation" (2002), die viel Spaß am Surrealen haben. Jonze, Jahrgang 1969, schien der Mann fürs einfallsreich respektlose Ummodeln, fürs knallbunte Dazufabulieren, und obendrein vertraut mit Computerbildern, die Sendaks Fellkolossen schon Glaubhaftigkeit verschaffen würden.

Als Jonze verkündete, er wolle das Projekt mit echten Kostümen durchziehen, mit monströsen Ganzkörperverhüllungen, deren Mimik von Elektronik und Motoren gesteuert werden sollte, erklärten ihn viele für verrückt. Ein jahrelanges Gerangel, vor und zurück, Blockieren und Monieren, begann. Die sprichwörtliche Produktionshölle heizte ihre Kessel.

Dem fertigen Film, einem Glücksfall nicht nur dieses Kinojahres, merkt man davon nichts an. Man käme auch nicht auf den Gedanken, dass Jonze bei den Dreharbeiten sein zuvor hartnäckig durchgefochtenes Retrokonzept über den Haufen werfen musste. Die Schauspieler kamen mit den schweren, heftig kopflastigen Kostümen nicht zurecht, sie stürzten regelmäßig. Die Visagen der Monster mussten nun doch im Computer geschaffen werden. Aber der Autor Dave Eggers hat ein brillantes Drehbuch geschrieben, und Jonze hat es eindringlich umgesetzt.

Sendaks Kinderbuch, schon 1964 ein Bestseller, erzählt eine Ermutigungsgeschichte. Der kleine Max, wegen übermäßigen Tobens früh ins Bett geschickt, reist fort ins Monsterland. Dessen Bewohner sehen aus wie jene Schreckgestalten, die Kinder im Keller, unterm Bett oder hinterm nachts unheimlich werdenden Schrank vermuten. Aber Max schaut den brüllenden Kerlen fest in die Augen, und schon ordnen sie sich unter, machen ihn zu ihrem König, tollen mit ihm durch die Wälder. Du musst keine Angst vor deiner eigenen Fantasie haben, lehrt Sendak. Du bist der Herr der Ungeheuer, du kannst dich mit ihnen vergnügen.

Jonze und Eggers werten das Abenteuer von Max (Max Records) nun um. Der kleine Junge bemerkt am Abend vor seinem Abenteuer die Brüche im Leben der Erwachsenen, das Unglück, die Existenzsorgen, die Ohnmacht seiner Mutter (Catherine Keener) vor manchen Herausforderungen. Diese Eindrücke nimmt er mit in die Monsterwelt. Die Ungeheuer dort sehen getreulich aus wie jene von Sendak. Sie tragen ein paar kindliche Züge, sind albern, tobebedürftig und kuschelgeneigt. Aber sie brodeln auch vor echter Aggressivität. Sie kehren destruktive Züge hervor, deren Gefährlichkeit Max nicht hoch genug einschätzen kann. Wenn sie "Ich fress dich" sagen, dann steht das Leben des Angesprochenen auf dem Spiel.

Vor allem aber sind manche Monster zeitweise, andere dauernd depressiv, unsicher, auf Liebe angewiesen und doch unfähig, dauerhaft bindend miteinander zu kommunizieren. Fast zwanghaft verletzen sie einander. Sie wollen aufeinander zugehen und gehen doch nur aneinander hoch. Max reist hier nicht zu den Monstern, er reist zu den Erwachsenen. Er sieht, was auf ihn zukommen wird. Die wilden Kerle, das sind die vom Leben Überforderten, also Ungeheuer wie du und ich. Max lernt, dass es Situationen gibt, in denen es kein richtig und kein falsch als Auswahl gibt, nur die größere Verletzung für diese oder für jene Seele. Aber er ist Kind. Er kann noch einmal zurückreisen.
 
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