Südafrika Aus der Tiefe der Gefängniszellen

Johannes Dieterich, Kapstadt, veröffentlicht am 26.12.2009
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Die Südafrikaner freuen sich auf die WM...  Foto: apd

Kapstadt - Wie er über den Bolzplatz schlurft, in den Knien weich federnd, die Schultern hochgezogen, glaubt man sofort zu erkennen: Dieser Mann ist kein Sportler, noch war er jemals einer. Tatsächlich hat Sedick Isaacs in seiner Karriere als Fußballspieler kein einziges Tor erzielt, wie er lachend einräumt. Und trotzdem hat sich der Mathematiker um den südafrikanischen Fußball verdient gemacht wie kaum ein anderer.


"Es war eine Frage der Würde, die
ihnen die Wärter nicht gewährten."
Der Historiker Charles Korr über die Motive der Insassen
Dass 2010 erstmals eine Fußballweltmeisterschaft in Afrika ausgetragen wird, genauer gesagt am Kap der Guten Hoffnung, ist nämlich eher Isaacs & Co als den glücklosen südafrikanischen Berufskickern zuzuschreiben: Der einstige politische Häftling und seine "Comrades" haben das einst rassistische Südafrika wieder salonfähig gemacht und dabei auch gleich noch den Fußballsport als Instrument des Befreiungskampfes, der Selbstbehauptung und der Menschenwürde geadelt. "Sie haben der Welt eine Lektion in Humanität erteilt", sagte Joseph Blatter, der Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa, kürzlich, als er mit der Fifa-Exekutive auf der Gefängnisinsel Robben Island zu Gast war.

Vor mehr als 40 Jahren hämmerte hier Sedick Isaacs wie Hunderte von politischen Häftlingen auf Robben Island Tag für Tag Felsbrocken klein oder schob sinnlos tonnenschwere Stahlwalzen durchs Gelände, wenn die Gefangenen nicht - wie die meiste Zeit - in ihren überfüllten Zellen schmorten. Auf der berüchtigten Gefängnisinsel vor Kapstadts Küste hat auch Nelson Mandela einen Großteil seiner 27 Haftjahre verbracht. Woche für Woche richteten die Gefangenen Eingaben an die Anstaltsleitung, man möge sie doch bitte Fußballspielen lassen. Der Oberwärter pflegte alle Petitionen unter Hohngelächter im Schreibtisch verschwinden zu lassen. "Es schien ein aussichtsloses Unterfangen", erinnert sich Isaacs.

Fußballliga im Gefängnis geplant


Doch plötzlich - Sedick Isaacs hatte inzwischen drei der ihm wegen Sabotage aufgebrummten 13 Jahre abgesessen - änderte sich die Strategie der weißen Wärter. Das sei wohl einerseits dem Bemühen des Apartheidregimes zuzuschreiben gewesen, seinen Ruf im Ausland aufzubessern und dafür erstmals das Rote Kreuz zur Inspektion der Gefängnisse ins Land zu lassen, sagt Isaacs: Andererseits hätten sich die Kerkermeister auch ausgerechnet, mit dem Zugeständnis ein Faustpfand zur Erpressung der Häftlinge in der Hand zu haben. Ein Irrtum, wie sich später zeigte.

Jedenfalls war der Jubel groß, als man den Häftlingen an einem Samstagmorgen im Dezember 1967 einen Lederball gegeben hatte - auch wenn das erste Match bereits nach einer halben Stunde wieder abgepfiffen wurde. In nächtlichen Marathonsitzungen machte sich ein Komitee daran, die Satzung für einen Fußballverband, Regeln für eine Liga und selbst einen Kodex für Schiedsrichter auszuarbeiten.

Bis ins kleinste Detail wurde alles festgeschrieben. "Die Häftlinge waren davon überzeugt, dass sie eines Tages Südafrika regieren würden", sagt der US-Sporthistoriker Charles Korr, der ein ganzes Buch über den Fußball auf der Gefängnisinsel schrieb ("More Than Just a Game"): "Sie wollten beweisen, dass sie dazu auch organisatorisch in der Lage sind."

Tore aus alten Fischernetzen


Es war die Stunde des Gefangenen mit der Häftlingsnummer 883-64, die Stunde von Sedick Isaacs. Gemeinsam mit einer Handvoll anderer Intellektueller, zu denen auch der heutige Vizepräsident des Verfassungsgerichts gehörte, studierte das Komitee eine ins Gefängnis geschmuggelte Fifa-Satzung. Später gründeten sie schließlich den nach einem von der britischen Kolonialmacht auf Robben Island inhaftierten Xhosa-Häuptling benannten Fußballverband "Makana FA". "Zwar widersetzten wir uns jeder Regel der Apartheidsherren", sagt der ehemalige Stürmer und heutige Wohnungsbauminister Tokyo Sexwale: "Die Regeln der Fifa waren uns jedoch heilig."

Schiedsrichter mussten eine Prüfung ablegen, besonders harte Spieler wurden vor ein Disziplinarkomitee gezogen. Die Manager der Teams arrangierten ihre Begegnungen schriftlich, selbst wenn sie in derselben Gemeinschaftszelle saßen. "Sie hielten sich an jeden Buchstaben ihrer Regeln", sagt der Sporthistoriker Korr: "Es war eine Frage der Würde, die ihnen die Wärtern nicht gewährten." Manche Disziplinarverfahren zogen sich über Monate hin: "Die Häftlinge wollten sicher gehen, dass Beschuldigte einen fairen Prozess erhielten", sagt Korr, "und nicht wie sie selbst im Gerichtssaal vorschnell abgeurteilt wurden."

Aus alten Fischernetzen und angeschwemmten Bohlen fertigten die Gefangenen Tore, nachträglich sollte sich sogar das stumpfsinnige Herumgeschiebe der Metallwalze als nützlich erweisen: Auf dem so planierten Grund steckten die Häftlinge ihren ersten Bolzplatz ab. Besonders Beflissene brannten Stollen in ihre Gummisandalen, später wurden die Gefängniskicker von ausländischen Hilfsorganisationen mit Trikots, Schienbeinschützern und Fußballschuhen versorgt. Die Liga wurde von vier Teams bestritten, die jeweils in drei Klassen - A, B und C - aufgeteilt waren.

Lichtblick des tristen Gefängnisalltags


Sedick Isaacs musste sich aus den bekannten Gründen mit der C-Klasse begnügen. Er könne zwar die Bewegung von Objekten mühelos berechnen, machten sich seine Mithäftlinge damals über Nummer 883-64 lustig, aber das Objekt Fußball überhaupt nicht passabel in Bewegung setzen. Dafür spielte der Mathematiker auf intellektuellen Feldern in der ersten Liga: Während der Haftzeit erwarb er drei Universitätsabschlüsse und brachte dem Schulabbrecher und heutigen Staatspräsidenten Jacob Zuma nebenbei Lesen und Schreiben bei.

Beim Gefängnisfußball machte sich Zuma vor allem als Schiedsrichter einen Namen: Er soll, zumindest damals, unbestechlich und fair gewesen sein. Mandela durfte als Führungspersönlichkeit der Befreiungsbewegung an den Samstagsturnieren nicht teilnehmen, schaute den Spielen jedoch vom Fenster seiner Einzelzelle in Block B aus zu: Bis die Anstaltsleitung eine Mauer als Sichtschutz baute.

Schnell wurde die Liga zum Lichtblick des tristen Gefängnisalltags. "Von Samstag bis Dienstag redeten wir über die vergangenen Spiele", erinnert sich der damalige Fußballstar Anthony Suze, "und von Mittwoch bis Freitag ging es um die nächsten Begegnungen." Die Teams, die Atlantic Raiders, Gunners oder Blue Rocks hießen, hatten sich entlang der Trennungslinien zwischen den Befreiungsbewegungen PAC und ANC gebildet, die sich auch hinter Gittern noch argwöhnisch gegenüberstanden. Lediglich der Club Manong überwand die politischen Differenzen und nahm Spieler aller Couleur auf. "Kein Wunder, dass dieser Club der beste war", sagt Charles Korr: "Er konnte seine Mitglieder nach Gesichtspunkten der Qualität aussuchen." Auf diese Weise wurde Manong zum Modell der Regenbogennation, die die Häftlinge nach der Niederlage der Rassentrenner in Südafrika errichten wollten.

Gründungsmythos für die erste WM in Afrika


Es sollte nicht lange dauern, bis die weißen Wärter ihre Fußballlizenz auch als Faustpfand zu nutzen suchten. Immer häufiger wurde den Häftlingen der samstägliche Spieltag verwehrt: Wann immer die Anstaltsleitung etwas bestrafen zu müssen glaubte, fiel die Liga aus. Womit die Schließer allerdings nicht gerechnet hatten: die gut organisierten Gefangenen durchschauten das Zuckerbrot-und-Peitschen-Spiel - und stellten kurzentschlossen ihrerseits das Kicken ein. Die um ihr internationales Ansehen besorgte Gefängnisleitung bat die Häftlinge schließlich inständig, doch bitte mit dem Fußballspielen wieder anzufangen: Einer der größten Triumphe, den die cleveren Gefangenen gegen ihre tumben Wärter zu erringen wussten.

Mehr oder weniger ungestört trugen die Häftlinge ihre Ligaspiele dann noch bis zum Jahr 1991 aus. Dann war der Versuch der weißen Bevölkerungsminderheit endgültig gescheitert, sich auf alle Ewigkeit als Herrenrasse am Kap der Guten Hoffnung einzunisten: Das Gefängnis auf Robben Island wurde endgültig aufgelöst.

In den anschließenden politischen Wirren geriet die schönste Nebensache der inhaftierten Insulaner in Vergessenheit - erst als Charles Korr während eines Forschungsaufenthaltes in Kapstadt auf Kisten voller Dokumente der Makana FA gestoßen war, fiel wieder Licht auf eines der eindrucksvollsten Kapitel der Fußballgeschichte. Auch die Fifa wurde auf die stolzen Kicker aufmerksam: Einen besseren Gründungsmythos für die erste Weltmeisterschaft in Afrika konnte es gar nicht geben.

Ehrenmitglied der Fifa


Posthum wurde der Gefängnisfußballverband Makana FA zum Ehrenmitglied der Fifa ernannt. Zweimal hielt der Weltfußballverband auch seine Exekutivratssitzung auf der inzwischen zum Museum umgewandelten Insel ab. Jedes Mal, wenn er hierher komme, sei er tiefer bewegt, sagte Joseph Blatter beim jüngsten Besuch Anfang Dezember und weinte dabei fast.

Nicht jeder traut jedoch den großen Tönen. Sedick Isaacs findet den Rummel etwas obszön, den die Fifa um die Insel mache: "Viele fragen sich, welche Motive wohl wirklich dahinter stecken." Marcus Solomon, Isaacs Freund und Makana-Partner, fehlte bei dem von 350 Journalisten begleiteten Massenauftrieb der Fifa auf der Insel ganz. "Mir geht der Trubel um die WM gewaltig auf die Nerven", sagte der Koordinator eines Kapstädter Kinderzentrums.

Südafrika werde für die Austragung des Mega-Ereignisses zu enormen Ausgaben gezwungen, die der Entwicklungsstaat an anderen Stellen sehr viel nötiger habe. "Es ist, als ob wir uns eine nagelneue Küche kaufen müssen, nur weil Herr Blatter eine Tasse Tee trinken will", schimpft Marcus Solomon und empfiehlt, was damals schon im Machtkampf mit den Wärtern Wunder wirkte: den Boykott der WM.


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