Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Freitag, 10. Februar 2012

Leonberger Kreiszeitung


Freiheit für Bögen mit großer Spannweite

veröffentlicht am 24.12.2009

Fünf CDs von Tilman Krämer hat das in Leonberg beheimatete Label Venus Music herausgebracht. Darunter auch die in der Fachpresse sehr beachtete und gelobte Einspielung der Sonate Nr. 3 f-moll (op. 5) von Johannes Brahms sowie seiner Balladen (op. 5). Nun ist bei dem Label Coviello Classics eine neue CD erschienen, auf welcher der 36-Jährige die Sonate Nr. 1 C-Dur (op. 1), die Sonate Nr. 2 fis-moll (op. 2) und das Scherzo es-moll (op. 4) von Johannes Brahms eingespielt hat. Die Aufnahme entstand als Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk im September 2008.




Tilman Krämer, der seit 2007 als Dozent eine Klavierklasse an der Hochschule für Musik leitet und seine musikalische Ausbildung vor allem an den Musikhochschulen in Lübeck und Wien erhalten hat, spannt akustisch die Weite zwischen Extremen auf: Rückhaltlos heftiges, selbst schroffes Spiel scheut er ebenso wenig wie selbstvergessen hingehauchte Momente lyrischer Versunkenheit. Nichts wirkt dabei aufgesetzt oder überzogen, alles ist echt und unprätentiös. Berückend sind dabei Klarheit und Transparenz seines Spiels, welches die komplexe satztechnische Struktur klar erkennen lässt. Der Zuhörende durchläuft bei Brahms’ beiden ersten Sonaten Opus 1 und Opus 2 eine unerschrockene Achterbahnfahrt der Gefühle. Die emotionale Qualität lässt in Dichte und Intensität niemals nach und der vitale Gehalt der Musik berührt unmittelbar. Obwohl weder der Komponist noch der Interpret Extreme scheuen, ist alles stets durchdrungen von Ästhetik und Formbewusstsein. Krämer artikuliert die Töne mit großes Finesse und Präzision, zugleich atmet seine Musik Freiheit, gelingt es ihm, Bögen mit der notwendigen Spannweite zu schlagen, um die emotionalen und satztechnischen Extreme organisch miteinander zu vereinen.



Das Booklet zur CD ist mit dem Cover auf kluge Weise fest verbunden, was es einerseits daran hindert, verloren zu gehen - und zum anderen dem Zuhörer das Aufblättern und Lesen leichter macht. Janina Klassen hat die überwiegend gut verständlichen und informativen Texte geschrieben, welche dem Zuhörer interessante Hintergrundinformationen zu den Stücken bieten. So wurde beispielsweise die C-Dur Sonate (op. 1) als in Wirklichkeit letztes der drei Werke auf der CD komponiert: 1853 vom damals gerade einmal zwanzigjährigen Johannes Brahms. Klassen weist auf die starke Reminiszenz an Beethovens Sonate für "Hammerklavier" am Beginn des Kopfsatzes hin. Die Sonate Nr. 2 (op. 2) spielte Brahms selbst im Oktober 1853 in Düsseldorf. Sie entstand ein Jahr früher als die C-Dur-Sonate. Bemerkenswert ist, wie Brahms hier die Sätze durch Thementransformationen miteinander vernetzt: Das ist ein neues Verfahren, das allerdings zuerst durch Franz Liszt bekannt wurde.



Der Charakter dieser Komposition changiert zwischen Sonate und Fantasie, wobei dieser improvisatorische Eindruck, wie Klassen treffend bemerkt, durch die vielen unterschiedlichen Einfälle und den hohen Aufwand an Virtuosität entsteht. Leicht und zugleich voll ursprünglicher Kraft ist diese Musik.



Das Scherzo (op. 4) hat der junge Komponist bereits im August 1851 geschrieben. Es ist seine früheste erhaltene Komposition. Kecke, agile Einwürfe kehren hier als strukturbildendes Element immer wieder. Johannes Brahms hatte wohl vorher schon andere Werke komponiert, wollte mit ihnen jedoch nicht an die Öffentlichkeit treten und hat sie vernichtet - eine radikale Qualitätsauslese, die er lebenslang praktiziert hat.



Die CD ist beim Label Coviello Classics erschienen unter der Nummer COV 50913.



Weitere Informationen unter



http://www.covielloclassics.de




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