Das Kabinett des Dr. Parnassus

Der Gehängte und seine Ersatzspieler

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 07.01.2010
Filmbeschreibung
Es sieht eher aus wie ein paar Raummeter Sperrmüll auf Wackelrädern und kein bisschen wie ein Tor ins Paradies und die Hölle. Aber das altmodische Wandertheater des Dr. Parnassus, dieser schwer mitgenommene Jahrmarktskarren, der sich auf Feldern am Rand der Städte oder auf einem kleinen Platz zwischen den Häusern zum lumpigen Kabinett entfaltet, das nun wirklich aussieht wie eine Hinterwäldlerabzocke, die höchstens einen toten Goldfisch mit angeklebtem Bärtchen zu bieten hat, dieses Theater steckt tatsächlich voll gefährlicher Magie. Ein Wunderspiegel, der nicht mehr zu sein scheint als ein paar Fetzen schlecht verleimter Alufolie, bringt Waghalsige an einen Ort, der ihre inneren Gedanken, Wünsche, Sehnsüchte in Stein und Sand, in Fleisch und Blut, in Tier und Pflanze, in Feuer und Wasser ausformt.

Mit anderen Worten, der Regisseur Terry Gilliam hat der Jahrmarktsbude in seinem neuen Streich "Das Kabinett des Dr. Parnassus" jene Macht mitgegeben, nach der auch seine Filme immer strebten, nämlich die, eine wundersame Fantasiewelt aufzufächern, die mehr Berührungspunkte mit unserer Realität aufweist, als wir beim ersten Blick auf "Brazil", "Münchhausen" oder "12 Monkeys" begreifen.

Aber die Karre in seinem neuen Film ist eben wirklich ein Elend. Sie wirkt eher so, als wäre sie als nicht mehr herzeigbares Kulissenteil von einem anderen Theater ausgemustert worden. Und das Völkchen, das mit diesem Karren umherreist, sieht aus wie eine Bande Verlierer, Kleingauner und Krümelnehmer. Im Lauf des Films wird der erfolglose Parnassus dem Rat folgen, sich nicht am Rand der Städte umherzudrücken, sondern dreist in deren Zentrum vorzustoßen. Er wird mitten in einem frostkalt edlen Einkaufszentrum seine Bühne aufschlagen, ohne dass uns das angenehm vorkommt. Dieser Karren, der Wahrheit und Fantasie, Verspieltheit und Außerseitertum durchs Land trägt, wirkt fehl am Platz vor Glas und Beton, vor Symbolen des Erfolgs und der Geschäftigkeit. Und seine Spaßmacher wirken angesichts der reichen Müßiggängerinnen, die etwas Besonderes erleben möchten, nicht wie schlaue Manipulatoren, sondern wie Missbrauchte. Es steckt ein sehr pessimistischer Kern im "Kabinett des Dr. Parnassus".

Aber der Pessimismus ist eben nicht allein und prägend. Auch Stolz, Humor und Provokationslust prägen Gilliams Bild der Kunst in Zeiten ihrer Ohnmacht. Parnassus (Christopher Plummer) ist kein Schummelgreis, sondern ein Mann mit einigem Hintergrund. Und er hat es nicht mit der Polizei, sondern mit dem Teufel (Tom Waits) zu tun, der hier noch echte Schätze, nicht nur Bankeregos jagen kann, die Seele von Parnassus' Tochter Valentina (Lily Cole) vor allem. Und der seltsame Dandy, den Valentina von einem Strick an einer Brücke schneidet, dieser vom Tod Zurückgeholte, der behauptet, kein Gedächtnis mehr zu haben, dieser mit allen Wassern Gewaschene und offenbar noch dem Galgen Davonschlüpfende, ist ein Habenichts, dem man den Verschwender und Großkotz ansieht, ein Gejagter, der nach Beute sucht, ein Verlierer, der dauernd neue Wetten aufmacht. "Zu spät", diesen Punkt haben diese Figuren hinter sich. Sie bewegen sich in der Zone des "Jetzt erst recht".

Man könnte allein schon Tom Waits, der lange keinen so schönen Auftritt mehr hatte, stundenlang bei seinen Teufeleien zuschauen, beim Charmieren und Verführen, beim Bedrohen und Verhöhnen. Die Wandlungen des Tony getauften Galgenvogels aber sind noch packender. Terry Gilliam hatte die Dreharbeiten mit dem enorm talentierten Heath Ledger begonnen. Nach dessen Tod im Januar 2008 schien das Projekt ruiniert, die Finanzierung geplatzt, das schon Gedrehte ewige Ruine, wie 1999 bei Gilliams "Don Quixote"-Film, der nach einem Unfall des Hauptdarstellers Jean Rochefort Fragment blieb. Diesmal aber hat Gilliam sich mit Einwilligung der Finanziers kreativ aufbäumen dürfen. Jude Law, Johnny Depp und Colin Farrell lösen einander ab in jenen Szenen, die Ledger nicht mehr spielen konnte. Dieser stete Wandel der Figur wirkt nun wie von Anfang an geplant, wie das Porträt des modernen Erfolgsuchers, der sich an alles anpassen und an nichts binden will.

Gewiss, es gibt Momente des altbacken Possierlichen, des sentimental Ermahnenden hier. Aber die passen zu Gilliams Jahrmarktsmärchen. Kunst, sehen wir, muss nicht edel sein. Sie muss uns nur am Hals zu fassen kriegen.
 
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