Nord
Jomar der Schweiger oder In der Ruhe liegt die Kraft
Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 07.01.2010
Filmbeschreibung
Nur weil einer saufend und wortkarg in der Einöde haust, sollte man ihn noch nicht Menschenfeind nennen. Aber der norwegische Liftwärter Jomar (Anders Baasmo Christiansen) ist durchaus froh, wenn er keine Kunden zu versorgen hat. Der bullig-kompakte, noch recht junge Kerl war mal Sportler, wie uns die Pokale in seinem Holzhaus zeigen. Aber dann hat ein Unfall mehr als ein paar Knochen zerbrochen. Das ganze Leben von Jomar scheint danach nur schlecht wieder zusammengewachsen zu sein. Im Sportfernsehen und auf DVDs sieht er sich an, was die anderen so treiben. Er selbst scheint aus jedem Rennen zu sein.
Dass ihm in Rune Denstad Langlos "Nord" dann ein kleines, alkoholbefeuertes Missgeschick passiert, dass sein Haus und Arbeitsplatz abfackeln nebst Pokalen, Erinnerungsfotos, Fernsehapparat und Funkgerät, das ist vielleicht kein bloßer Unfall, sondern eher das Aufbäumen einer letzten Hoffnung in ihm, ein Ausbruchsversuch.
Auf dem Schneemobil, ohne Plan, Vorräte und Sicherheitsnetz, macht sich der Schweiger Jomar nun auf, seinen vierjährigen Sohn weit oben im Norden zu besuchen, den er noch nie gesehen hat. Und wie er so querwaldein fährt, kann man schon ein wenig Sorge haben, ob dieser Film sich da nicht mit der so beliebten geborgten Lakonie einen Popanz bastelt. Denn Jomars Brummigkeit, Schweigsamkeit, Unbeholfenheit haben ihn bis dahin zu einem gemacht, der sich nicht darstellt, sondern der beobachtet wird. Und in diesem Beobachten ist immer schon ein Feixen integriert.
Aber als Jomar auf seinem Motorschlitten dahintuckert, als der Blick der Kamera sich weitet auf eine Landschaft, deren Gleichmaß und Akzentarmut nicht mehr Leere, sondern Unaufgeregtheit, Toleranz und Freiraum suggeriert, verfliegt dieser Eindruck. Jomar gerät noch in komische Situationen. Er landet im Schneesturm in einer Nothütte, deren einziges Heizmaterial die Hütte selbst ist. Er steht in einem einsamen fremden Haus vor der Küche eines Mannes, der sich, unerwartet hinzukommend, über den Eindringling zwar wundert, aber in einer ruppig taktvollen Mischung aus Gastfreundlichkeit in der Wildnis und Deeskalation gegenüber einem potenziell Verrückten die Situation meistert. Jomar muss auch mit einem jungen Kerl zurechtkommen, der ihm zwar mit einem riesigen Geländefahrzeug aus der Patsche hilft, dann aber mit einem mindest genauso großen sexuellen Orientierungsproblem zu Leibe rückt. Aber jetzt erleben wir das vermeintlich ungelenk Eigenbrötlerische von Jomar als durchaus robuste Art, mit Herausforderungen fertig zu werden. Dieser Klotz hat kein eitles Bild von sich, das er beständig wahren und verbessern muss. "Nord" wird gerade in den turbulenten Momenten der Reise ein Film von echter Lakonie, also nach außen dringender innerer Ruhe, dessen Spott sich in Zuneigung und Anteilnahme verwandelt.
Dass ihm in Rune Denstad Langlos "Nord" dann ein kleines, alkoholbefeuertes Missgeschick passiert, dass sein Haus und Arbeitsplatz abfackeln nebst Pokalen, Erinnerungsfotos, Fernsehapparat und Funkgerät, das ist vielleicht kein bloßer Unfall, sondern eher das Aufbäumen einer letzten Hoffnung in ihm, ein Ausbruchsversuch.
Auf dem Schneemobil, ohne Plan, Vorräte und Sicherheitsnetz, macht sich der Schweiger Jomar nun auf, seinen vierjährigen Sohn weit oben im Norden zu besuchen, den er noch nie gesehen hat. Und wie er so querwaldein fährt, kann man schon ein wenig Sorge haben, ob dieser Film sich da nicht mit der so beliebten geborgten Lakonie einen Popanz bastelt. Denn Jomars Brummigkeit, Schweigsamkeit, Unbeholfenheit haben ihn bis dahin zu einem gemacht, der sich nicht darstellt, sondern der beobachtet wird. Und in diesem Beobachten ist immer schon ein Feixen integriert.
Aber als Jomar auf seinem Motorschlitten dahintuckert, als der Blick der Kamera sich weitet auf eine Landschaft, deren Gleichmaß und Akzentarmut nicht mehr Leere, sondern Unaufgeregtheit, Toleranz und Freiraum suggeriert, verfliegt dieser Eindruck. Jomar gerät noch in komische Situationen. Er landet im Schneesturm in einer Nothütte, deren einziges Heizmaterial die Hütte selbst ist. Er steht in einem einsamen fremden Haus vor der Küche eines Mannes, der sich, unerwartet hinzukommend, über den Eindringling zwar wundert, aber in einer ruppig taktvollen Mischung aus Gastfreundlichkeit in der Wildnis und Deeskalation gegenüber einem potenziell Verrückten die Situation meistert. Jomar muss auch mit einem jungen Kerl zurechtkommen, der ihm zwar mit einem riesigen Geländefahrzeug aus der Patsche hilft, dann aber mit einem mindest genauso großen sexuellen Orientierungsproblem zu Leibe rückt. Aber jetzt erleben wir das vermeintlich ungelenk Eigenbrötlerische von Jomar als durchaus robuste Art, mit Herausforderungen fertig zu werden. Dieser Klotz hat kein eitles Bild von sich, das er beständig wahren und verbessern muss. "Nord" wird gerade in den turbulenten Momenten der Reise ein Film von echter Lakonie, also nach außen dringender innerer Ruhe, dessen Spott sich in Zuneigung und Anteilnahme verwandelt.
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