Nanga Parbat

Ungehorsam beim Angriff auf den Berg

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 14.01.2010
Filmbeschreibung
Ohne Gipfelfieber geht es nicht. Im Bergfilm dürfen die Berge nicht einfach im Hintergrund stehen. Es muss jemanden geben, der hinauf will, am besten: hinauf um jeden Preis. Der Bergfilm ist keine Variante des Heimatfilms, bei der einfach der Boden senkrecht gestellt wird. Der Bergfilm handelt von Besessenheit und Wahn, von Vernichtungsschlachten und Unterwerfungsversuchen. Ein Mensch will eine Natur bezwingen, die so groß ist, dass sie ihn gar nicht zur Kenntnis nehmen müsste. Und diese Natur sammelt ihre Macht und lässt sie im Sturm losheulen auf diesen Wicht, um ihn zu zerschmettern. Joseph Vilsmaier hat mit "Nanga Parbat" einen Bergfilm drehen wollen.

Es geht um ein reales Ereignis, um eine Kernlegende der modernen Bergsteigerei. Es geht um die vom Bergbezwingungsveteranen Karl Maria Herrligkoffer (1916-1991) geführte Himalaya-Expedition von 1970, die endlich die höchste Steilwand überhaupt, die Südwand des Nanga Parbat, meistern wollte. Es war eine jener klassischen Touren, die militärischen Operationen ähnelten. Gegen den Berg rückte man mit möglichst vielen Basislagern und einer Kette von Notstationen vor. Man griff ihn abschnittsweise an, mit möglichst vielen Haken und Sicherungsseilen, mit wechselnden Vorauskommandos und ausgeruhten Sicherungstrupps. Herrligkoffer, der im Basislager blieb, sah sich als Feldherr und Stratege, der seine jungen Bergsteiger wie Soldaten in den Fels schickte, sie lenkte, umgruppierte und zurückzog. Sie sollten nur Funktionen seines Willens sein, und der Ruhm - sowie alle Verwertungsrechte - sollten ihm alleine gehören.

An der Expedition 1970 nahmen aber auch die Brüder Günther und Reinhold Messner teil. Und die begriffen sich nicht als Teile der Maschine, sondern als Individualisten auf Grenzerfahrungssuche. Als Herrligkoffer bei schlechtem Wetter den Befehl zum Verharren gab, stieg Reinhold weiter - und Günther folgte ihm schließlich. Eine Woche später fand man den völlig erschöpften Reinhold mit schweren Erfrierungen auf der anderen Seite des Berges im Tal. Günther blieb verschollen. Was auf dem Nanga Parbat geschehen war, blieb umstritten. Messner gab an, er habe tagelang vergeblich nach seinem Bruder gesucht, als sie den Kontakt zueinander verloren hatten. Zweifler warfen Messner vor, den Bruder schlicht im Stich gelassen zu haben, im Wettlauf um die erste Nanga-Parbat-Überquerung.

Joseph Vilsmaier hat mit Messner zusammengearbeitet und zeigt die Geschehnisse in dessen Variante (die vielen glaubhafter scheint, seit im Jahr 2005 die sterblichen Überreste des Bruders auf der Abstiegs- statt der Aufstiegsseite gefunden wurden). Vilsmaier erkennt aber auch, was diese Expedition jenseits der Frage nach Günthers Ende interessant macht.

Herrligkoffers eigener Halbbruder Willy Merkl war 1934 am Nanga Parbat ums Leben gekommen. 1953 war einer Herrligkoffer-Expedition die Erstbesteigung gelungen. Aber auch damals war ein Teilnehmer, Hermann Buhl, gegen Herrligkoffers Weisung im Alleingang zum Gipfel gestürmt und hatte den Ruhm geerntet. Das alles klingt, als sei es direkt dem Zuspitzungswillen des Kinos entsprungen.

Tatsächlich hat "Nanga Parbat" seine stärksten Szenen immer dann, wenn der von Karl Markovics markant als eitel-autoritärer Abenteuerbürokrat gespielte Herrligkoffer im Bild ist. Aber Vilsmaier und seine Autoren haben sich eben einen Film über die hier von Florian Stetter und Andreas Tobias gespielten Messners vorgenommen. Sie wollen deren Besessenheit, Ehrgeiz und Leiden zeigen. Nur gelingt ihnen die Mischung aus Heldenporträt und Fallstudie weit weniger als die Skizze des Widersachers.

Vier Schwächen prägen den Film. Er kann den ideologischen Ballast der Bergsteiger nicht so gut im Blick halten wie etwa Philipp Stölzls "Nordwand" (2008). Er wirkt in seiner Furcht vorm Dialekt, in seinem zaghaften, künstlichen Geschmacksprobentirolern schal. Er kommt in seinen Kletteraufnahmen nicht an die spektakulären Bilder heran, die das Kino in den letzten Jahren geboten hat, in Pepe Danquarts "Am Limit" etwa. Vor allem aber muss "Nanga Parbat" mit Reinhold Messner eine Person von einigem Charisma nachstellen, ein medienpräsentes Original. Dieser Aufgabe ist Florian Stetter nicht gewachsen.

Joseph Vilsmaier will nicht aus dem Kopf, sondern aus dem Herzen drehen. Das muss kein Fehler sein. Aber zwischen dem Freundlichsein gegenüber Reinhold Messner, dem Versuch, ein Rührstück zu inszenieren, und der Versuchung, dem Dämonischen des Bergfilms nachzugeben, verirrt sich "Nanga Parbat" im Nichts. Wir sehen ihn an und verlieren ihn dabei aus den Augen. Das ärgert aber nicht, das berührt einen seltsam, weil man merkt, dass er einen Weg sucht, ein spannender, ein anständiger, ein fairer und ein ungeheuerlicher Film zugleich zu sein.
 
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