Fettleibigkeit ist eine Folge des Fortschritts

Artikel aus der vom 20.01.2010

Dicke Kinder sind selbst schuld an ihrem Elend. Sie haben sich die überflüssigen Pfunde eigenständig und mühevoll angefuttert und müssen dann auch mit den krankheitsbedingten Folgen der Fettleibigkeit - wissenschaftlich Adipositas - leben können. Falsch: "Diese Verkürzung auf ein individuelles Fehlverhalten wird dem Problem nicht gerecht", sagt Michael Zwick.

Und der wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für Technik- und Umweltsoziologie der Universität Stuttgart muss es wissen, schließlich befasst er sich schon seit 2006 mit dem Thema und zwar in einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekt mit dem Titel "Übergewicht und Adipositas bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen als systemisches Risiko".

Statt das Problem der Fettsucht bei Kindern und Jugendlichen auf eine zu große Energieaufnahme bei zu geringer Energieabgabe zu verknappen, betrachtet der Soziologe in seinem Projekt, das im Mai enden wird, "das Zusammenspiel gesellschaftlicher, institutioneller und individueller Faktoren". Dafür hat er Statistiken erhoben oder ausgewertet und Interviews geführt. Mit fettleibigen Kindern und Jugendlichen, aber auch mit Erwachsenen, mit Türken, die in Deutschland leben und mit anderen Experten.

Seine Erkenntnisse erklärte er am Dienstag in der Universität Hohenheim. Demnach ist Fettleibigkeit nur in der Nebensache ein gesundheitliches Problem. Fettleibige haben in erster Linie mit Hänseleien zu kämpfen - und mit gesellschaftlichen Nachteilen. "Nicht die Begleiterkrankungen sind das Problem, sondern hauptsächlich die ästhetischen Probleme, denen die Adipösen ausgesetzt sind", sagt Zwick.

Aber der Experte geht noch weiter: "Die realen gesellschaftlichen Folgen werden überschätzt und dramatisiert." Statt durch Folgeerkrankungen Kosten zu verursachen, beispielsweise für die Krankenkassen, "gibt es auch viele, die von Fettleibigen profitieren, beispielsweise die Ernährungs-, die Pharma- und die Buchindustrie". Aber wie kommt es dazu, dass immer mehr Kinder übermäßig dick sind?

Zwick hat darauf mehrere Antworten, und er kann eine Ursache fast vollständig ausschließen: "Die Adipositas ist nicht oder nur in Ausnahmen genetisch bedingt. Sie ist vielmehr umweltbedingt." Statt also erbliche Vorbelastungen verantwortlich zu machen, sind seine Hauptfaktoren eine veränderte Gesellschaft und ein veränderter Lebensstil. "Bei den Untersuchungen kristallisierten sich über 70 Ursachen heraus. Trotzdem dominierten die beiden Punkte eindeutig."

Diese Erkenntnis nutzt Zwick, um eine weitere These aufzustellen, nämlich die, dass die Adipositas eine normale Folge gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse ist und demnach in allen Industrienationen zu finden. Nach dem Krieg gab es keine dicken Menschen. Doch aus der Knappheits-, ist eine Überflussgesellschaft geworden. "Wer es sich leisten konnte, der war nach dem Krieg dick, um damit seinen Wohlstand nach außen zu zeigen", sagt der Soziologe. Bei den Türken sei das heute noch so. Ihnen gelten dicke Kinder als glückliche Kinder. "Durch Interviews kam heraus, dass türkische Frauen schlank und schön sind, bis sie heiraten. Dann sind sie weg vom Markt und können dick werden."

Neben diesen Erkenntnissen führt Zwick auf, dass die Ernährung ungesünder geworden ist, der Alltag bequemer und die Familie nicht mehr ist, was sie mal war. "Aus der Hausfrauenehe ist eine Doppelverdienerehe geworden." Kinder sind immer mehr sich selbst überlassen. Sie essen, was sie wollen und sitzen fast nur noch. Als Lösung schlägt Zwick zum einen mehr Gesundheitsförderung an Schulen vor. Zum anderen müsse kalorienreiche Kost als solche ausgewiesen werden und dürfe nicht länger an Schulen verkauft werden. "Wichtig ist, dass diese Lösungsvorschläge zielgruppengerecht umgesetzt werden."
 
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