Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Samstag, 11. Februar 2012

Lokalausgaben


Das Gefühl von Fremdheit bleibt

Artikel aus der Filder-Zeitung vom 21.01.2010

Der junge Mann balanciert versonnen auf den Schienen, auf denen rund 60 Jahre zuvor Zehntausende von Menschen in den Tod gefahren worden sind. Er trägt Chucks - modisch angesagte Turnschuhe. Ihr leuchtendes Rot sticht vor dem Grau des Stacheldrahts, des Wachturms und der Baracken ins Auge des Betrachters. Die Farbe des Lebens gegen das Grauen der Vergangenheit und den Tod - mit diesem Kontrast spielt die Ausstellung, die am Sonntag, 24. Januar, in der Esslinger Galerie im Heppächer von Oberbürgermeister Jürgen Zieger eröffnet wird.

"Man nannte sie unerziehbar" haben die Fotografin Angelika Beck und die Autorin Gesine Kulcke ihre Installation genannt, die in Bild- und Tondokumenten die Reise einer Schulklasse ins Konzentrationslager Auschwitz nachzeichnet. Die beiden Künstlerinnen geben den jungen Menschen, die von der Stiftung Jugendhilfe betreut werden, bei ihrem Ausflug in die Vergangenheit Stimme und Gesicht. Es sind benachteiligte junge Menschen, die das Gefühl von Fremdheit im eigenen Land nur zu gut kennen und deren Blick auf die deutsche Geschichte gleichzeitig auch ein Blick auf die deutsche Gegenwart ist. Und auch der Bogen nach Esslingen ist leicht geschlagen: Auch hier, im Waisenhaus des Theodor Rothschild, hatte der nationalsozialistische Mob Kinder gejagt, die in seinen Augen als minderwertig gegolten hatten.

Während Angelika Beck die Stimmung des Besuchs mit der Kamera eingefangen hat und in 40 großformatigen Bildern widerspiegelt, ist die Journalistin Gesine Kulcke mit dem Tonband auf Spurensuche gewesen. "Es ist vielleicht gar nicht so entscheidend, was die Jugendlichen sagen, sondern wie sie es sagen", so begründet sie ihre bewusste Entscheidung gegen die Schrift und für die gesprochene Sprache. Eine halbe Stunde lang wechseln sich Zeitzeugen-Schilderungen und die Einschätzungen der jungen Menschen ab. "Die Beiträge zeichnen das Bild einer Jugend, die entgegen der landläufigen Vorstellung sehr wohl in der Lage ist, das Geschehen zu reflektieren", fasst Gesine Kulcke zusammen. Die Erkenntnis eines Jugendlichen, wonach "das für die Juden ja hammerschlimm" gewesen sein müsse, entspricht vielleicht nicht der landläufigen Diktion, zeugt jedoch von unverfälschter Empathie.

"Die Ausstellung öffne den sonst am Rand der Gesellschaft stehenden Jugendlichen einen Raum, den sie sonst nicht haben", sagt Gesine Kulcke. In diesem Fall sogar einen historischen Raum - das jetzt zur Galerie ausgebauten Haus im Heppächer 3 diente einst als Synagoge.
 
Mehr Filder-Zeitung
Kläranlage arbeitet gut, aber nicht wirtschaftlich
Hexenball im Bürgerhaus
Hallenbad geschlossen
Von Bonlanden in einer Viertelstunde nach Ochsenwang?
IKR-Sanierung: Bald ziehen die Schüler in Container um
Stiftung hilft Jugendlichen bei der Berufswahl auf die Sprünge
Unterstützung für die Musik im Ort
Bauhof streut 21 Tonnen Salz
Hellmuth Karasek zu Gast in der HdM
Philipp Weber gastiert im Hexle
Alle Artikel des Ressorts
Stuttgart 21
Alle Infos zum Bahnprojekt
Stuttgart 21 finden Sie hier »
Aktuelle Videos
Anzeigen
Veranstaltungen

11.02. | Bis Ende des Jahres im Haus des Waldes

Märchenwald

Märchen, Mythen und Geschichten mehr
Finden Sie
Heute können Sie aus 458 Veranstaltungsterminen auswählen

Sie suchen eine neues Zuhause?

Wir haben Sie alle! Mieten oder kaufen, Wohnung oder Haus. In Baden-Württembergs bedeutendstem Immobilienmarkt finden Sie Angebote aus Stuttgart, der Region und dem Rest der Republik.
zur Immobiliensuche
StZ ePaper
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten

Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.
 
nach oben