A serious Man
Wenn der Rabbi zweimal schweigt
Ulrich Kriest, veröffentlicht am 21.01.2010
Filmbeschreibung
Die Regiebrüder Ethan und Joel Coen bleiben unberechenbar. Jahrelang konnte man ihnen vorwerfen, sie produzierten zwar perfekte Filme, aber diese Filme täten kaum etwas anderes, als emotionslos bis zynisch nicht allzu klugen Menschen beim aussichtslosen Kampf gegen die Unbill des Lebens zuzusehen.
Mochte sich die Tonart auch ändern - der ländliche Neo Noir von "Blood Simple", der hysterische Comicstil von "Arizona Junior", die müde Lakonie von "Der Mann, den es nicht gab", der surreale Albtraum von "Barton Fink", der gefriergetrocknete Aberwitz von "Fargo", die Wüstenei von "No Country for old Men" -, immer lief die Handlung darauf hinaus, dass die Figuren ihr Schicksal ereilte, während sie versuchten, ihr Leben selbst zu bestimmen. Die Haltung der klugen Filmemacher erinnerte dabei immer an die Haltung von Harry Lime im "Dritten Mann", wenn er vom Prater-Riesenrad auf die Menschen herunterblickt und fragt, ob es kümmern würde, wenn einer der dunklen Punkte dort unten sich nicht mehr bewegte.
Nach den Studien über menschliche Grausamkeit ("No Country for old Men") und Dummheit ("Burn after Reading") kommt jetzt mit "A serious Man" ein Coen-Film in die Kinos, der vorgibt, verbindlicher zu sein. Die Brüder, die bis jetzt mit jedem neuen Werk das Genre wechselten, sind jetzt beim Autorenfilm angekommen und an die Stätte ihrer Jugend zurückgekehrt: "A serious Man" spielt in einem Vorort von Minneapolis im Mittelwesten, der fest in der Hand der jüdischen Gemeinde zu sein scheint. Erzählt wird die Geschichte von Larry Gopnik und seiner Familie.
Larry (Michael Stuhlbarg) lehrt als Physikprofessor am örtlichen College, hofft auf eine Festanstellung und lebt ansonsten ein unauffälliges Leben. Damit gehört er zum alten Eisen, denn wir schreiben das Jahr 1967, der "Sommer der Liebe" wird mehrheitsfähig, auch in Minneapolis, auch für Larrys Frau Judith (Sari Lennick). Was bislang mit einiger Wahrscheinlichkeit reibungs-, wenngleich auch lieblos funktioniert zu haben scheint, bricht nun mit erstaunlicher Rasanz in Stücke. Die Coen-Brüder registrieren das neutral, was die komisch-sardonischen Momente des Geschehens potenziert. Wir sehen etwas beklommen dabei zu - aber Larry selbst nimmt den Zusammenbruch seiner kleinbürgerlichen Existenz mit stoischer, ja, geradezu fatalistischer Gelassenheit hin, bevor er dann doch die Frage nach dem Widerspruch von Gottes angeblicher Güte und den missratenen Aspekten der Welt zu stellen beginnt.
Hatte der Film nicht eingangs mit dem Sinnspruch eines mittelalterlichen Rabbis irritiert? "Empfange mit Einfachheit alles, was dir passiert!", hieß es da. Und tatsächlich scheint es sich bei "A serious Man" um eine Wiedervorlage der Hiobsgeschichte zu handeln, denn Larrys Glaube wird einer aberwitzigen Probe unterzogen, die aber gleichzeitig auch ein detailgetreues Panorama der gesellschaftlichen Umbrüche der späten sechziger Jahre entwirft. Fassen wir zusammen: Judith Gopnik betrügt ihren Mann mit dessen Freund Sy Ableman (Fred Melamed), der sich aber dennoch weiterhin als Freund versteht und Larry empathisch zu trösten versucht. Larrys Sohn (Aaron Wolff) ist ein notorischer Kiffer, der sich für wenig mehr als fürs Fernsehen und die Musik von Jefferson Airplane zu interessieren scheint. Damit hat er immerhin noch ein Hobby mehr als seine Schwester Sara (Jessica Manus), die nur ans Haarewaschen und an Schönheitsoperationen zu denken scheint. Warum? Es könnte etwas mit der Discothek "The Hole" zu tun haben, in die Sara allabendlich abschwirrt.
Damit nicht genug: am College wird Larry von einem Unbekannten systematisch gemobbt, von einem wohlmeinenden Kollegen aber regelmäßig über den neuesten Stand der internen Debatten über seine Bewerbung unterrichtet. Ein koreanischer Student fühlt sich falsch benotet, versucht Larry zu bestechen und schaltet schließlich seinen einflussreichen Vater ein. Ein Plattenversand bombardiert Larry mit Mahnungen für gar nicht bestellte Platten. Und die schöne Nachbarin, die Larry schließlich zu einem Joint verführt, sieht aus wie eine etwas in die Jahre gekommene Grace Slick, die libertinär-charismatische Sängerin von Jefferson Airplane.
Der Film stellt es dem Zuschauer völlig frei, welchen Reim auf das Gezeigte er sich machen mag. Ist es Pop oder Religionskritik? Soll man den religiösen Anspielungen nachgehen, obwohl "A serious Man" für Nichtjuden bis zu einem gewissen Grad unverständlich bleibt? Wie verbindlich ist diese Ebene des Films überhaupt einzuschätzen, wenn die Coens in Interviews davon sprechen, auf eigene Jugenderinnerungen zurückgegriffen zu haben?
"Akzeptiere das Geheimnis!", lautet ein weiterer Schlüsselsatz des Films, an den sich der schwer gebeutelte Larry allerdings irgendwann nicht mehr halten mag. Er sucht den Rat gleich dreier Rabbis. Ob er allerdings deren Ratschläge für tiefste Kabbala-Weisheiten oder komplett aus dem Ruder laufenden Nonsens halten mag, liegt wiederum ganz beim Betrachter dieses kafkaesken Albtraums.
Mochte sich die Tonart auch ändern - der ländliche Neo Noir von "Blood Simple", der hysterische Comicstil von "Arizona Junior", die müde Lakonie von "Der Mann, den es nicht gab", der surreale Albtraum von "Barton Fink", der gefriergetrocknete Aberwitz von "Fargo", die Wüstenei von "No Country for old Men" -, immer lief die Handlung darauf hinaus, dass die Figuren ihr Schicksal ereilte, während sie versuchten, ihr Leben selbst zu bestimmen. Die Haltung der klugen Filmemacher erinnerte dabei immer an die Haltung von Harry Lime im "Dritten Mann", wenn er vom Prater-Riesenrad auf die Menschen herunterblickt und fragt, ob es kümmern würde, wenn einer der dunklen Punkte dort unten sich nicht mehr bewegte.
Nach den Studien über menschliche Grausamkeit ("No Country for old Men") und Dummheit ("Burn after Reading") kommt jetzt mit "A serious Man" ein Coen-Film in die Kinos, der vorgibt, verbindlicher zu sein. Die Brüder, die bis jetzt mit jedem neuen Werk das Genre wechselten, sind jetzt beim Autorenfilm angekommen und an die Stätte ihrer Jugend zurückgekehrt: "A serious Man" spielt in einem Vorort von Minneapolis im Mittelwesten, der fest in der Hand der jüdischen Gemeinde zu sein scheint. Erzählt wird die Geschichte von Larry Gopnik und seiner Familie.
Larry (Michael Stuhlbarg) lehrt als Physikprofessor am örtlichen College, hofft auf eine Festanstellung und lebt ansonsten ein unauffälliges Leben. Damit gehört er zum alten Eisen, denn wir schreiben das Jahr 1967, der "Sommer der Liebe" wird mehrheitsfähig, auch in Minneapolis, auch für Larrys Frau Judith (Sari Lennick). Was bislang mit einiger Wahrscheinlichkeit reibungs-, wenngleich auch lieblos funktioniert zu haben scheint, bricht nun mit erstaunlicher Rasanz in Stücke. Die Coen-Brüder registrieren das neutral, was die komisch-sardonischen Momente des Geschehens potenziert. Wir sehen etwas beklommen dabei zu - aber Larry selbst nimmt den Zusammenbruch seiner kleinbürgerlichen Existenz mit stoischer, ja, geradezu fatalistischer Gelassenheit hin, bevor er dann doch die Frage nach dem Widerspruch von Gottes angeblicher Güte und den missratenen Aspekten der Welt zu stellen beginnt.
Hatte der Film nicht eingangs mit dem Sinnspruch eines mittelalterlichen Rabbis irritiert? "Empfange mit Einfachheit alles, was dir passiert!", hieß es da. Und tatsächlich scheint es sich bei "A serious Man" um eine Wiedervorlage der Hiobsgeschichte zu handeln, denn Larrys Glaube wird einer aberwitzigen Probe unterzogen, die aber gleichzeitig auch ein detailgetreues Panorama der gesellschaftlichen Umbrüche der späten sechziger Jahre entwirft. Fassen wir zusammen: Judith Gopnik betrügt ihren Mann mit dessen Freund Sy Ableman (Fred Melamed), der sich aber dennoch weiterhin als Freund versteht und Larry empathisch zu trösten versucht. Larrys Sohn (Aaron Wolff) ist ein notorischer Kiffer, der sich für wenig mehr als fürs Fernsehen und die Musik von Jefferson Airplane zu interessieren scheint. Damit hat er immerhin noch ein Hobby mehr als seine Schwester Sara (Jessica Manus), die nur ans Haarewaschen und an Schönheitsoperationen zu denken scheint. Warum? Es könnte etwas mit der Discothek "The Hole" zu tun haben, in die Sara allabendlich abschwirrt.
Damit nicht genug: am College wird Larry von einem Unbekannten systematisch gemobbt, von einem wohlmeinenden Kollegen aber regelmäßig über den neuesten Stand der internen Debatten über seine Bewerbung unterrichtet. Ein koreanischer Student fühlt sich falsch benotet, versucht Larry zu bestechen und schaltet schließlich seinen einflussreichen Vater ein. Ein Plattenversand bombardiert Larry mit Mahnungen für gar nicht bestellte Platten. Und die schöne Nachbarin, die Larry schließlich zu einem Joint verführt, sieht aus wie eine etwas in die Jahre gekommene Grace Slick, die libertinär-charismatische Sängerin von Jefferson Airplane.
Der Film stellt es dem Zuschauer völlig frei, welchen Reim auf das Gezeigte er sich machen mag. Ist es Pop oder Religionskritik? Soll man den religiösen Anspielungen nachgehen, obwohl "A serious Man" für Nichtjuden bis zu einem gewissen Grad unverständlich bleibt? Wie verbindlich ist diese Ebene des Films überhaupt einzuschätzen, wenn die Coens in Interviews davon sprechen, auf eigene Jugenderinnerungen zurückgegriffen zu haben?
"Akzeptiere das Geheimnis!", lautet ein weiterer Schlüsselsatz des Films, an den sich der schwer gebeutelte Larry allerdings irgendwann nicht mehr halten mag. Er sucht den Rat gleich dreier Rabbis. Ob er allerdings deren Ratschläge für tiefste Kabbala-Weisheiten oder komplett aus dem Ruder laufenden Nonsens halten mag, liegt wiederum ganz beim Betrachter dieses kafkaesken Albtraums.
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