Surrogates - Mein zweites Ich

Haltbares Plastik statt gammelndes Fleisch

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 21.01.2010
Filmbeschreibung
Warum fahren Menschen mit dem Auto überallhin und bewegen noch die klobigsten Zivilpanzer auf winzigen Strecken, Parkplatznot hin, Benzinpreise her? Zum einen, weil das Auto von Werbespezialisten so mit Bedeutung und Attributen aufgeladen wurde, dass der Fahrer es als Wunsch-Ich nutzt, als zweiten, besseren Körper, der permanent markante Signale aussendet. Zum anderen, weil der Fahrer sich in der Welt draußen so unsicher fühlt, weil er sich als Fußgänger klein, verletzlich, langsam vorkommt, sich aber im vierrädrigen Kunstkörper eindrucksvoller, geschützter, fluchtfähiger empfindet. Dumm nur, dass wir irgendwann aus diesem Auto wieder aussteigen müssen, um unserem Leben zwischen den Fahrten nachzugehen.

Jonathan Mostows Science-Fiction-Thriller "Surrogates - Mein zweites Ich" erzählt aus einer Zukunft, in der Kokon und Aussteigproblematik zu Ende gedacht werden. Das Auto ist von den Rädern auf die Beine gestellt worden: Die Firma Virtual Self liefert Maschinen in Menschengestalt. Für die weniger zahlungskräftigen Kunden gibt es simple Basismodelle, die einfachen Plastikmarionetten ähneln, für die Betuchteren aber lebensechte, mit allen Raffinessen individualisierte Prachtkörper. Der Nutzer lümmelt zu Hause in einem Spezialsessel, ist mittels eines kybernetischen Helms und Breitbandübertragung mit seinem Stellvertreter verknüpft, sieht, hört und fühlt, was sein Surrogat erlebt und lenkt dessen Bewegungen. So geht er zur Arbeit, zum Einkauf und in die Kneipe, so erlebt er die Welt.

Andere Menschen kennen bald nur noch die geschönte Maschine, die man gegen neuere Modelle tauschen kann, während der Körper zu Hause altert. Die wirklich Abhängigen treten selbst dem Ehepartner zu Hause nur noch im Kunstkörper entgegen. Das Zimmer, in dem der Echtkörper gammelt, ist der Intimbereich, den sie von niemandem mehr betreten lassen und den sie nur sehr ungern verlassen möchten.

"Surrogates", der auf einer Graphic Novel von Robert Venditti und Brett Weldele basiert (siehe unten stehende Besprechung), erzählt eine Mord- und Intrigengeschichte, obwohl er doch auf der naiven Annahme basiert, die Surrogatgesellschaft sei dank der größeren Distanz zwischen echten Menschen weitgehend frei von Verbrechen. Trotzdem wird ein Paar vor einer Bar attackiert. Normalerweise wäre das nur noch Sachbeschädigung, Vandalismus, Spielverderberei. Der Surrie, wie man die Avatare nennt, müsste zur Reparatur, der Besitzer ein paar Tage mit Fleisch und Blut klarkommen. Doch in diesem Fall werden die Kunstkörper mit einer neuen Waffe malträtiert, deren Energiestöße das Gehirn der Lenker gleich mitzerstören.

Wie die verschmorten und entseelten Surries auf dem Asphalt liegen: dieses Bild können wir als Zeugnis von Unrecht empfinden. Aber genauso beunruhigend ist, wie der Polizist Tom Greer auftritt. Er ist mit Bruce Willis genial besetzt, denn jeder von uns weiß, wie Willis aussieht: nicht so. Viele haben den 1955 geborenen Schauspieler schließlich beim Älterwerden beobachtet. Willis hatte früh, was sich ein männlicher Held nicht leisten darf, nämlich schütteres Fronthaar, das sich zur Stirnglatze auswuchs. Aber er hat dann, von "Die Hard" bis "Sin City", gezeigt, dass es auf Normerfüllung nicht unbedingt ankommt. Hier aber walzt Willis scheinbar zwanzig Jahre jünger vor die Kamera, mit voller Fönfrisur und einem Ich-mach-das-schon-Gesicht, das knitterfreier scheint als die besten Fasern seines Anzugs. Dieses Auftreten scheint uns von Anfang an falsch zu sein, ja, empörend. Auch Greer wird dann zum Entsetzen seiner Frau (Radha Mitchell) Abschied vom Kunstkörper nehmen und sich wieder als echter Mensch unter die Surries mischen.

Jonathan Mostow ("U-571", "Terminator 3") ist bisher nicht als sensibler Regisseur aufgefallen. In "Surrogates" aber lässt er die Details zu ihrem Recht kommen, lässt die Ausstattung, die Maske, die Kleinigkeiten am Rande Wichtiges erzählen. Man kann diesem Film durchaus vorwerfen, er verfalle zu schnell in Krimiroutine, spule Verfolgungsjagden, Verhöre, Schleichereien ab, statt zum Kern der Surrogatgesellschaft vorzudringen. Zudem ist seine Zukunftsvision auch nicht radikal genug. Er zeigt uns ja nur, was wir von Scheinidentitäten im Internet längst kennen: dass Hänflinge als Muskelpakete auftreten und dicke männliche Deomuffel sich als schmollmündige Erotikgötter tarnen.

Aber wie "Surrogates" die Ladeschalen der Surries zeigt, als Hinweis auf die Endlichkeit des Zweitlebens, wie er die Straßen der Stadt mit Ken- und Barbie-Typen füllt und mittendrin Greer wie ein Tier zwischen fahrenden Autos umherlaufen lässt, wie er uns jenseits des Krimis also den Normalzustand der Virtual-Self-Welt zeigt, das packt. Das ist die eigentliche Geschichte.
 
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