Zärtlicher Schmerz
Artikel aus der vom 25.01.2010
Luzidus soll ein weißer Bauer sein. Auf dem Schachbrett, gewiss zehn mal zehn Meter, ist eben diese Position unbesetzt. Er schaut sich die restlichen Bauern genauer an. Sie "waren sowohl männlich als auch weiblich und gänzlich nackt", erzählt Luzidus. Etwas später sieht er die schwarze Frau. "Eine ebenholzfarbene Schönheit, die seltsam durch hasserfüllte Augen zerstört wurde."
"Das Schachspiel" ist eines von fünf Kapiteln einer Novelle. Geschrieben von dem Schwieberdinger Künstler Woschofius. Zusammen mit Musik und Schwarz-Weiß-Fotografien ergibt jene Novelle "Das Höllentor". Ein Gesamtwerk, das sich der Sadomaso-Szene widmet. Seit Samstag stellt Woschofius in der Galerie Nieser aus.
Breitbeinig steht sie auf dem Spielbrett, die schwarze Dame. Oben ohne, um die Taille ein Lederschurz, der bis zum Boden reicht. In der Hand eine Peitsche, ihr Blick herausfordernd, arrogant, bedrohlich. "Das Spiel beginnt", sagt eine Stimme. Woher sie kommt, weiß keiner. Es ist ein Spiel, in dem Luzius der schwarzen Dame sexuell Untertan sein wird. Später wird er fliehen, aus Angst, dass sich die Domina seiner vollends bemächtigt. "Mein Überlebenswille stach mitten hinein in meinen Lustwahn."
Für Woschofius ist "Das Höllentor" mehr als eine Geschichte. Es ist ein Teil von ihm. "Ich kenne die Szene", sagt er. Er gehört ihr seit Jahren an. Wenn er, recht unverblümt, darüber spricht, überrascht er. Er überrascht beispielsweise, wenn er sagt, dass Sadomaso zärtlich sei. Oha. Stellt sich der Laie den Sadomasochismus doch vor allem als sexuelle Spielart vor, bei der es hart und brutal zur Sache geht. Frauen peitschen auf Männer ein, Männer schlingen Seile um Frauenkörper, erregen sich am Schmerz. Der eine, weil er ihn empfindet, der andere, weil er ihn ausüben darf.
"Es geht um Vertrauen", sagt Woschofius. Sadomaso bedeute, sich einer Situation auszuliefern, nicht zu wissen, was passiert. Es handelt sich um eine einvernehmliche Sexpraktik. Anderes gilt für psychische sadomasochistische Störungen.
Da ist der apokalyptische Reiter mit Totenkopffratze, der ein Pärchen an den Haaren hinter sich herschleift. Da ist die Kontur einer Frauenbrust, an die sich ein Stacheldraht schmiegt. Er sticht die Brustwarze auf. Da ist die Frau, die gefesselt Spaghetti isst, mit dem Mund, wie ein Tier. Woschofius sagt: Die Leute sollen auf seine Fotos reagieren. Egal wie. "Ich bin ein Feedback-Junkie." Bizarrerweise möchte er nicht provozieren. Provokation, sagt er, sei so negativ belegt. "Ich will die Seele der Menschen berühren."
Das Naheliegende ist falsch. Woschofius - seinen bürgerlichen Name behält er für sich - verarbeitet nicht seine eigene Biografie mit dem Höllentor. Er ist nicht Luzidus, der auf einer Wiese ein Tor sieht, durch das er geht - von der Neugierde getrieben. Er ist nicht Luzidus, der hinter dem Tor eine Welt vorfindet, die ihn erschreckt, gruselt, ängstigt, aber dennoch in ihren erotischen Bann zieht. In der Welt hinter dem Höllentor gelten andere Regeln. Moral und Sitte haben dort nichts zu suchen. Woschofius ist schon allein deshalb kein Luzidus, weil er mit seiner Sexualität seit jeher gut klar kam, sagt er. "Ich weiß eigentlich schon immer, dass ich anders bin." Und er steht zu seiner Neigung.
Es war 2002, als Woschofius, heute 47 Jahre alt, das erste Mal bei Norbert Nieser ausgestellt hat. Ebenfalls Sadomaso-Motive. Jene Bilderschau war die erste, mit der er an die Öffentlichkeit gegangen ist. Ärger gab es nie, sagt er. "Es wäre für mich ja fast schon Werbung, wenn jemand meine Fotos zerschlagen würde"; er grinst. Blick nach Möhringen: Dort hatte jüngst Aktmalerei die Gemüter erregt. Zwei der Bilder von Ernst Dreher, die im Bürgerhaus ausgestellt sind, mussten verhüllt werden. Der Vertrag zwischen dem Bezirksrathaus und dem örtlichen Kunstkreis untersagt Nacktmalereien.
Der Galerist Norbert Nieser ist gelassen. Ihm geht es "um gute Fotografie", sagt er. Dass ihm jemand Probleme wegen der Sadomaso-Bilder macht, glaubt er nicht. Es ist nicht das erste Mal, dass er Anrüchiges ausstellt. Beispielsweise Jan Savua, erzählt er. Dieser in Ungarn geborene Künstler war dreimal in Degerloch. 2001 hängte er Motive an die Wand, für die er Frauen in den Schritt fotografiert hatte.
Die Ausstellung "Das Höllentor" ist bis zum 5. März in der Galerie Nieser zu sehen. Diese ist an der Großen Falterstraße 31/3. Die Öffnungszeiten sind mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr sowie samstags von 10 bis 13 Uhr.
"Das Schachspiel" ist eines von fünf Kapiteln einer Novelle. Geschrieben von dem Schwieberdinger Künstler Woschofius. Zusammen mit Musik und Schwarz-Weiß-Fotografien ergibt jene Novelle "Das Höllentor". Ein Gesamtwerk, das sich der Sadomaso-Szene widmet. Seit Samstag stellt Woschofius in der Galerie Nieser aus.
Breitbeinig steht sie auf dem Spielbrett, die schwarze Dame. Oben ohne, um die Taille ein Lederschurz, der bis zum Boden reicht. In der Hand eine Peitsche, ihr Blick herausfordernd, arrogant, bedrohlich. "Das Spiel beginnt", sagt eine Stimme. Woher sie kommt, weiß keiner. Es ist ein Spiel, in dem Luzius der schwarzen Dame sexuell Untertan sein wird. Später wird er fliehen, aus Angst, dass sich die Domina seiner vollends bemächtigt. "Mein Überlebenswille stach mitten hinein in meinen Lustwahn."
Für Woschofius ist "Das Höllentor" mehr als eine Geschichte. Es ist ein Teil von ihm. "Ich kenne die Szene", sagt er. Er gehört ihr seit Jahren an. Wenn er, recht unverblümt, darüber spricht, überrascht er. Er überrascht beispielsweise, wenn er sagt, dass Sadomaso zärtlich sei. Oha. Stellt sich der Laie den Sadomasochismus doch vor allem als sexuelle Spielart vor, bei der es hart und brutal zur Sache geht. Frauen peitschen auf Männer ein, Männer schlingen Seile um Frauenkörper, erregen sich am Schmerz. Der eine, weil er ihn empfindet, der andere, weil er ihn ausüben darf.
"Es geht um Vertrauen", sagt Woschofius. Sadomaso bedeute, sich einer Situation auszuliefern, nicht zu wissen, was passiert. Es handelt sich um eine einvernehmliche Sexpraktik. Anderes gilt für psychische sadomasochistische Störungen.
Da ist der apokalyptische Reiter mit Totenkopffratze, der ein Pärchen an den Haaren hinter sich herschleift. Da ist die Kontur einer Frauenbrust, an die sich ein Stacheldraht schmiegt. Er sticht die Brustwarze auf. Da ist die Frau, die gefesselt Spaghetti isst, mit dem Mund, wie ein Tier. Woschofius sagt: Die Leute sollen auf seine Fotos reagieren. Egal wie. "Ich bin ein Feedback-Junkie." Bizarrerweise möchte er nicht provozieren. Provokation, sagt er, sei so negativ belegt. "Ich will die Seele der Menschen berühren."
Das Naheliegende ist falsch. Woschofius - seinen bürgerlichen Name behält er für sich - verarbeitet nicht seine eigene Biografie mit dem Höllentor. Er ist nicht Luzidus, der auf einer Wiese ein Tor sieht, durch das er geht - von der Neugierde getrieben. Er ist nicht Luzidus, der hinter dem Tor eine Welt vorfindet, die ihn erschreckt, gruselt, ängstigt, aber dennoch in ihren erotischen Bann zieht. In der Welt hinter dem Höllentor gelten andere Regeln. Moral und Sitte haben dort nichts zu suchen. Woschofius ist schon allein deshalb kein Luzidus, weil er mit seiner Sexualität seit jeher gut klar kam, sagt er. "Ich weiß eigentlich schon immer, dass ich anders bin." Und er steht zu seiner Neigung.
Es war 2002, als Woschofius, heute 47 Jahre alt, das erste Mal bei Norbert Nieser ausgestellt hat. Ebenfalls Sadomaso-Motive. Jene Bilderschau war die erste, mit der er an die Öffentlichkeit gegangen ist. Ärger gab es nie, sagt er. "Es wäre für mich ja fast schon Werbung, wenn jemand meine Fotos zerschlagen würde"; er grinst. Blick nach Möhringen: Dort hatte jüngst Aktmalerei die Gemüter erregt. Zwei der Bilder von Ernst Dreher, die im Bürgerhaus ausgestellt sind, mussten verhüllt werden. Der Vertrag zwischen dem Bezirksrathaus und dem örtlichen Kunstkreis untersagt Nacktmalereien.
Der Galerist Norbert Nieser ist gelassen. Ihm geht es "um gute Fotografie", sagt er. Dass ihm jemand Probleme wegen der Sadomaso-Bilder macht, glaubt er nicht. Es ist nicht das erste Mal, dass er Anrüchiges ausstellt. Beispielsweise Jan Savua, erzählt er. Dieser in Ungarn geborene Künstler war dreimal in Degerloch. 2001 hängte er Motive an die Wand, für die er Frauen in den Schritt fotografiert hatte.
Die Ausstellung "Das Höllentor" ist bis zum 5. März in der Galerie Nieser zu sehen. Diese ist an der Großen Falterstraße 31/3. Die Öffnungszeiten sind mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr sowie samstags von 10 bis 13 Uhr.
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