Ein russischer Sommer

Die zerbrechliche Balance von Utopie und Gier

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 28.01.2010
Filmbeschreibung
Einen wahrhaft großen Geist, hat der "Gullivers Reisen"-Autor Jonathan Swift einst befunden, könne man verlässlich schon daran erkennen, dass sich alle Dummköpfe gegen ihn verbünden. Man darf Swift vielleicht dahingehend ergänzen, dass es für einen erfolgreichen großen Geist ein weiteres Erkennungsmerkmal gibt: einen Schwarm Schmarotzer, Heuchler, Intriganten und Erbschleicher, die sich um ihn ansammeln werden wie Fliegen um einen Pferdehintern.

Der ehrwürdige Leo Nikolajewitsch Tolstoi (1828-1910), der Autor von "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina", war ein großer Geist. Der russische Adlige lebte im Alter auf seinem Gut Jasnaja Poljana vor, wie er sich eine reformierte Welt vorstellte: abstinent, vegetarisch, wohlwollend patriarchalisch, dem philosophischen Plaudern hingegeben, nicht der Herrschaftsausübung oder Besitzvermehrung. Die Idee, dass er sich spätestens per Testament von allem trennen sollte, was ihm als Eigentum zugefallen war und was er sich geschaffen hatte, den Rechten an seinen Werken also, zog etliche Leute an, die am geplanten Akt der Menschheitsbeglückung gern in erster Reihe mit der ganz großen Auffangschüssel partizipiert hätten.

Michael Hoffmans "Ein russischer Sommer", die Verfilmung von Jay Parinis Roman, zeigt uns die zerbrechliche Balance von Utopie und Gier. Der achtzigjährige Christopher Plummer hat enormen Spaß daran, Tolstoi als Mischung aus Faun und Heiligem zu spielen, als Mann, der vielleicht einmal zu stolz war auf seine Bescheidenheit, mittlerweile seinen eigenen Grillen und Lehrmeinungen aber mit weniger Ehrfurcht begegnet als die schlimmsten seiner Jünger. Helen Mirren gibt mit diffiziler Gereiztheit die besorgte Ehefrau, die keineswegs vom sterbenden Grafen ins Experiment Armut gestoßen werden will, die sich aber auch ernsthafte Sorgen um Frieden und Werk ihres Mannes macht. Der Intrigant, der sie beiseite drängt, erhält von Paul Giamatti ein glaubwürdiges Gesicht. Er übertreibt die Schmierigkeit seiner Figur nicht, er lässt ihr ein wenig Fanatikercharme und Überzeugungskraft, jenem Wladimir Chertkow, der aus Tolstois Ideen eine Sekte gezimmert und ein Modelldorf der christlich-anarchistisch-vegetarischen Pazifisten unter seiner Knute hat.

Wir lernen diese Welt durch einen neuen Sekretär (James McAvoy) kennen, der zwischen all ihre Fronten gerät. Das heißt aber nicht, dass der Amerikaner Hoffman ("Tage wie dieser"), der auch das Drehbuch verfasst hat, uns mitten hineinführte ins Geschehen. Sein in Mitteldeutschland gedrehter Film behält auch in intimen Momenten, engen Räumen, hitzigeren Situationen Distanz zum Geschehen. Man kann als dramaturgische Schwäche tadeln, dass er die Konflikte nicht hollywoodgerecht zuspitzt, dass da im Endkampf um Geld und Nachruhm immer Offenheit, Unentschiedenheit, fast so etwas wie leicht befremdete Heiterkeit bleiben. Man kann das aber auch als Stärke des Film sehen, der sich in einigen Szenen an historischen Filmaufnahmen von Tolstois Geburtstag 1908 orientiert. "Ein russischer Sommer" ist eine Spekulation über einen historischen Moment und lässt uns immer spüren, dass er sich nicht als Wahrheit aufspielen will.
 
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