Lottozettel gefährden Ihre Gesundheit

Artikel aus der vom 29.01.2010

Die Gefahr scheint allgegenwärtig. Und niemand kann den Regierenden vorwerfen, sie hätten nicht gewarnt. Auf Lottozetteln ist zu lesen: "Glücksspiel kann süchtig machen". Deswegen darf die Aktion Mensch nicht mehr für ihre Lotterielose werben. RTL ist verboten worden, die Gewinnshow der Süddeutschen Klassenlotterie auszustrahlen. Kioskbesitzer, die Lottoscheine ausgeben, müssen sie streng von Süßigkeiten trennen - Kinder könnten der Gier nach sechs Richtigen verfallen. Alles wider die Spielsucht, beschlossen vom Staat gegen den Staat. Denn der Staat ist der einzige Anbieter, der Glücksspiele veranstalten darf - theoretisch jedenfalls.

"Als Wissenschaftler fasst man sich da ein bisschen an den Kopf", sagt Tilman Becker. Er meint damit nicht, dass die Fürsorge übertrieben ist. Becker ist Professor an der Universität Hohenheim. Dort leitet er die Forschungsstelle Glücksspiel und ist damit einer der führenden Wissenschaftler der Republik in einem Forschungszweig, den es vor zehn Jahren noch nichtmal gab. An diesem Abend spricht er vor rund 40 Plieningern, die Spielsucht in ihrem Flecken fürchten, weil eine Spielhalle an ihrer Hauptstraße eröffnet hat. Was der Forscher sagt, wird ihre Furcht mehren.

Die Warnung auf Lottoscheinen "ist irreführend", sagt er, "das sind Unsinnigkeiten der Politik". Spielsucht ist eine anerkannte Krankheit, aber niemand ist süchtig nach dem Lottotipp. Deswegen fasst Becker sich tatsächlich an den Kopf, gelegentlich wedelt er mit seiner Hand vor seiner Stirn herum - Autofahrers Empörungsgeste: Führerschein im Lotto gewonnen oder was? Mit derlei Gestik und manch" klarem Wort setzt Becker Aufträge und Renommee aufs Spiel. Er berät diejenigen, die beschließen, was er für Unsinn hält: Politiker.

Wenn sie nur auf ihn hören würden. Oder wenn sie wieder so klug würden, wie sie 1872 schon waren. Damals wurden Spielbanken in Deutschland verboten. Dostojewski hatte ein paar Jahre zuvor seinen "Spieler" niedergeschrieben, seine eigene Erfahrung mit der Spielsucht, und die Regierenden hielten es für sündig, das Volk mit der Verlockung des Reichtums in den Ruin zu treiben. Becker geht es nicht um ein Verbot, es geht ihm um strengere Regeln. Es geht ihm auch nicht um Spielbanken. Es geht ihm um die Spielhallen.

"Glücksspielsucht wächst", titelte die Ärztezeitung vor zwei Monaten. Die Mediziner müssen es wissen. Über die Unterzeile "Staat ist größter Dealer" lässt sich hingegen streiten. Je nach Schätzung sind 100 000 bis 300 000 Deutsche so spielsüchtig, dass sie zwanghaft ihr gesamtes Geld verzocken. Nur eine Minderzahl von ihnen sitzt am Roulette-Tisch, kein einziger vor einem Stapel Gewinnscheine. Vier von fünf Süchtigen spielen an Automaten. Gegen die unternimmt der Staat zu wenig. Das ist, was Becker meint.

"In den nächsten fünf Jahren erwarte ich 25 Prozent Wachstum." So sagte es Paul Gauselmann Anfang 2005 der FAZ, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Branche, der er die sonnige Zukunft prophezeite, war die der Spielhallenbetreiber. Geht es um die, ist Gauselmann gewohnt, Recht zu behalten, denn in Deutschland ist er die Branche. Er behielt Recht. Für die Prognose hätte es allerdings keines Experten bedurft. Damals arbeitete die Bundesregierung an einer Änderung der Gesetze für das Automatenspiel. Hernach durften Spielhallenbetreiber mehr Geräte pro Quadratmeter aufstellen, die Zeit, die ein Spiel mindestens dauern muss, wurde verkürzt, die Summe, die ein Spieler pro Stunde verlieren darf, wurde erhöht, die Summe, die er gewinnen darf, gesenkt.

Gauselmanns unternehmerischer Werdegang taugt für eine Hollywood-Schnulze. Anfangs werkelte er nachts an Musikboxen. 1974 eröffnete er im westfälischen Delmenhorst die erste Spielhalle mit seinen eigenen Spielautomaten, Markenname Merkur. Danach wurde er reich und seine Firma zum Zocker-Imperium. Zwischenzeitlich war ihr Markenzeichen - drei Sonnen - zum Symbol für den Spielautomaten geworden.

Mittlerweile sind die Geräte zu vielfältig, als dass ein Markenzeichen für sie stehen könnte. Gauselmann hat das nicht geschadet. Inzwischen ist er 75 Jahre alt. Die Bundesrepublik ehrte ihn für sein Lebenswerk mit ihrem Verdienstkreuz und dem Verdienstorden erster Klasse. Mehrfach verdächtigten Ermittler Gauselmanns Unternehmen, Spielgeräte widerrechtlich manipuliert zu haben. Deren Inneres gleicht längst dem von Computern - samt Internetanschluss. Entsprechend undurchschaubar ist es. Einmal musste Gauselmann 6500 Euro zahlen. Ansonsten endeten die Ermittlungen im Nirgendwo.

Becker, der Glücksspiel-Professor, ereifert sich, weil die Automatenbranche gute Geschäfte mit dem Elend macht, denn zwanghafte Spieler ruinieren sich und ihre Familien. Eine Spielhalle mit zehn Automaten "braucht zum Überleben sechs Spielsüchtige und vierzig, fünfzig Gelegenheitsspieler", sagt er. Die Spielsucht ist inzwischen recht gut erforscht. Vergleichende Studien an ein- und zweieiigen Zwillingen haben ergeben, dass sie zu 50 Prozent genetisch veranlagt ist. Ähnliches gilt für andere Süchte wie Alkohol- oder Zigarettensucht. Manch zwanghafter Zocker kann sich selbst kurieren. "Sie heilen sich selbst, wenn sie älter werden", sagt Becker; so wie Raucher zu Nichtrauchern werden.

Allerdings: Beschaffungskriminalität ist unter Trinkern ähnlich verbreitet wie Lottosucht in der Normalbevölkerung, und Selbstmordgedanken wegen fehlender Kippen quälen Raucher ähnlich häufig wie den Durchschnittsdeutschen das Sehnen nach einem Los der Aktion Mensch. Etwa 5000 Spielsüchtige gehen jedes Jahr in Therapie. Ein Drittel von ihnen hat einen Selbstmordversuch hinter sich. Die Hälfte hat sich illegal Geld beschafft, um Schulden zu zahlen oder - häufiger - um weiterzuzocken: In Metzingen raubte ein Spielsüchtiger eine Geldbotin aus. In Dasing erbeutete ein leitender Angestellter bei einem Banküberfall knapp 20 000 Euro. Gieriger war ein Mitarbeiter der Arbeitsagentur in Konstanz. Er veruntreute 250 000 Euro. Das sind drei willkürlich ausgewählte Beispiele aus den vergangenen Wochen.

Man kann all das ganz anders sehen: Überfälle sind Alltag. Alkoholiker sitzen in jeder Kneipe. In jedem Sportler-Vereinsheim wird gesoffen. Diese Werbung dafür, sich zu ruinieren, heißt zünftig oder Siegesfeier. In Stuttgart gibt es kaum ein Haus, von dem aus der Gang zum Zigarettenautomaten länger dauert als zwei Minuten. Von den 12 000 Plieningern sind zwischen zwölf und fünfzig gefährdet, der Spielsucht zu verfallen. Die Zahl der Alkoholiker ist fünfmal, die der Nikotinsüchtigen zwanzigmal höher - mindestens. Zwar verursacht gemäß einer Studie der Uni Hamburg jeder Spielsüchtige der Gesellschaft jährlich einen Schaden von 9500 Euro. Aber im Vergleich dazu, dass jeden Tag drei Deutsche sterben, weil Betrunkene Auto fahren, erschreckt diese Zahl keineswegs.

Wo ist der Unterschied? Auf Bierflaschen "steht nicht, Alkohol macht süchtig". So sagt es Becker selbst. Auf Spielautomaten warnt ein Hinweis. Worüber also ereifert sich der Herr Professor? Er ereifert sich, weil die Politiker sich beim Geldspiel nicht an die Regeln halten, die sie selbst erlassen haben. Warum, deutet er recht unmissverständlich an: "Die Automatenbetreiber veranstalten Skatturniere für Politiker und laden sie nach Las Vegas ein, damit sie sich das mal angucken können" - gleichsam zum Zweck der Fortbildung.

Merkwürdigkeiten im Verhältnis der Regierenden zur Glücksritter-Branche lassen sich nicht leugnen. Die in Stuttgart allgegenwärtigen Wettbüros sind allesamt für illegal erklärt worden. Die Stadt geht ebenso energisch wie erfolglos gegen sie vor. Noch aussichtsloser sind die staatlichen Attacken gegen die hierzulande ebenfalls illegalen Anbieter jeder Art von Glücksspiel im Internet. Dass für sie in anderen Ländern der europäischen Union freizügigere Gesetze gelten, beschert der Bundesregierung reichlich Ärger vor dem EU-Gerichtshof. Derzeit sammelt die Initiative "right2bet" - übersetzt: das Recht zu wetten - im Internet Unterschriften, um das deutsche Verbot zu kippen. Ziel sind eine Million Namen.

Während der Staat an der Straßenecke und im weltweiten Netz erbittert sein Glücksspiel-Monopol verteidigt, kuscheln sich Politiker an die Automatenbranche. Theo Waigel, einst CSU-Vorsitzender und Bundesfinanzminister, ist Aufsichtsratsvorsitzender der Löwen-Entertainment, des einzigen ernstzunehmenden Konkurrenten für Gauselmann. Der Spielhallenkönig selbst schmückt sich gern mit der Nähe zu Regierenden. In seinen PR-Veröffentlichungen taucht allerlei Politprominenz auf. Der einstige Außenminister Hans-Dietrich Genscher übergab in seinem Namen eine Spende in Höhe von 20 000 Euro. Karl-Theodor zu Guttenberg, zu dieser Zeit noch Bundeswirtschaftsminister, ließ sich für Werbezwecke am Kicker fotografieren, Guido Westerwelle grinste neben einem Merkur-Spielautomaten in die Kamera. Kurt Beck, damals SPD-Vize, übergab Gauselmann den Innovationspreis der sozialdemokratischen Partei. Beck ist auch gelegentlich in den Mitteilungen der Löwen-Entertainment erwähnt.

Der Unterschied zwischen rauchen, trinken und Glückspiel ist: Alkohol und Zigaretten sind erlaubt. Das Spiel um Geld ist verboten. Mit der kuriosen Ausnahme, dass Automaten in Spielhallen und Kneipen nicht als Glücksspiel gelten. Ganz im Gegensatz zu Automaten in staatlichen Spielbanken, für sie sind die Regeln sogar verschärft worden. Früher konnten Spieler sich in Casinos nur fürs große Spiel sperren lassen, also Roulette und Kartenspiele. Inzwischen gilt die gleiche Regel für das Automatenspiel, samt Ausweiskontrolle. Casino-Personal wird speziell geschult, um Spielsüchtige zu erkennen. Dagegen ist es unmöglich, sich für gewerbliche Spielhallen sperren zu lassen. Deren Betreiber haben keine Kontrollpflicht. Wirte, die in ihrer Kneipe Automaten aufstellen, müssen noch weniger Regeln beachten.

Im Vergleich zur privaten Konkurrenz hat der Staat sich die Regeln für seine Spielbanken so verschärft, dass sie ruinös sind. Einst waren Casinos sichere Geldbringer. Inzwischen schuften sie für eine schwarze Null, zunehmend werkeln sie in roten Zahlen. Im Stuttgarter Casino sank der Umsatz an den Automaten allein im vergangenen Jahr um einen zweistelligen Prozentsatz. Im bundesweiten Vergleich gehen die Geschäfte trotzdem noch gut. Die Landesregierung von Sachsen-Anhalt hatte es sogar endgültig satt, die Verluste ihrer drei Spielbanken zu zahlen und bot sie - egal ob legal oder illegal - Privatiers zum Kauf an. Allerdings wollte niemand die Pleiteunternehmen haben, bis ein denkwürdiger Deal zustande kam. Die Sybilgroup mit Sitz in Zypern bot eine Million Euro und übernahm 2,5 Millionen Schulden. Bedingung: Der Konzern darf nahe Dessau ein Hotel bauen - inklusive eines weiteren Casinos.

Wegen der Gesetzesänderungen "haben gewerbliche Spielhallen deutlich an Attraktivität gewonnen". So urteilte Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech in der Antwort auf eine Landtags-Anfrage. "Man stranguliert die ungefährlichen Spiele und lässt die gefährlichen florieren", sagt Becker. Im vergangenen Jahr bat die Bundesregierung den Fachverband Glücksspielsucht um eine Stellungnahme zum Thema. Der forderte: "Keine Glücksspielautomaten außerhalb des staatlichen Monopols." Wieder einmal vergeblich.
 
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