Internetpionier Jaron Lanier Der abgefallene Prophet
Markus Reiter, veröffentlicht am 30.01.2010
New York - Jaron Lanier kann man nun wirklich nicht nachsagen, dass er etwas gegen das Internet an sich habe oder ein zurückgebliebener Trottel sei, der die Segnungen des weltweiten Netzes verschlafe. Der amerikanische Informatiker und Musiker, Jahrgang 1960, hat in den achtziger Jahren den Begriff der "virtuellen Realität" geprägt; er hat eines der ersten Computerspiele erfunden, früh internetbasierte Netzwerke vorgeschlagen und von einer digitalen Erlösung der Welt geträumt. Und nun ist Jaron Lanier, der Netzpionier, zu einem der schärfsten Kritiker der Fehlentwicklungen des Internets geworden.
Vor wenigen Tagen ist in den USA sein Buch "You are not a Gadget" ("Du bist keine technische Spielerei") erschienen. Mit dem Werk - Untertitel "Ein Manifest" - hat er sich unter den technikverliebten Internetevangelisten des kalifornischen Silicon Valley keine Freunde gemacht. In einem Interview gestand Lanier, dass er sich nicht mehr traue, sich unter seinem echten Namen beim sozialen Internetnetzwerk Facebook einzuloggen. Um zu schauen, was dort abgehe, schmuggle er sich über ein Profil seiner Hauskatze ein.
Was bringt die Internetgemeinde so gegen jemanden auf, der einst einer der ihren war? Zwei Thesen durchziehen das Buch, das zum Teil aus früher veröffentlichten Kolumnen besteht und sich deshalb nicht immer kohärent liest.
Erste These: Schwarmintelligenz ist eine Illusion. So bezeichnen Internettheoretiker die Hoffnung, dass viele einzelne Menschen, die in einem Netz zusammengeschlossen sind, ihr Wissen und ihre Intelligenz zusammenführen. So entstehe am Ende die "Weisheit der Massen", die größer sei als alles, was ein einzelner Mensch leisten könne. Wikipedia, die Internetenzyklopädie mit Tausenden freiwilliger Autoren, gilt ihnen als Vorbild. Allerdings wird in Wikipedia nicht Intelligenz zusammengetragen, sondern Wissen. Wo es hingegen um Ideen geht, versagen die Massen. Originalität entsteht nicht durch das Verklumpen zahlloser Wiederholungen längst gedachter Gedanken.
Die Anonymität, die das Internet zu garantieren scheint, spült zudem die dunklen Neigungen der Menschen nach oben. Im Internetforum einer großen Tageszeitung kommentierte kürzlich ein Leser die Diskussion über Quoten für Migranten im öffentlichen Dienst mit folgenden Sätzen (Rechtschreibung wie im Original): "Mal sehen welchr Quote ich beim Abschuß von kriminellem Pack erreiche, wenn hier die Sinnflut los geht. Da mach ich mir bei jedem Abschuß ne Kerbe in mein Gewehr! Politiker bekommen gleich 2 Kerben!" Ein anderer sprach davon, dass er sich auf dem Amt nicht von "Kameltreibern" herumkommandieren lassen wolle. "Einige meiner Kollegen glauben", schreibt Jaron Lanier, "dass einige Millionen, vielleicht eine Milliarde dieser Beleidigungsfragmente sich letztlich zu einer Weisheit zusammenfinden werden, die jedes wohldurchdachte Essay übersteigt - weil ein kluger, geheimnisvoller Algorithmus die Einzelteile neu ordnet." Für Lanier sind die Anhänger einer solchen Ideologie "digitale Maoisten", die sich die Herrschaft des Mobs im Netz schönredeten. "Kollektive können genauso dumm sein wie ein Einzelner und - in wichtigen Fällen - dümmer", schreibt der einstige Computerpionier.
Zweite These: Das Internet gibt vielen eine Plattform, auf der sie sich und ihre künstlerischen Werke Millionen anderer Menschen präsentieren können. Leider, hat Lanier beobachtet, gibt es dabei zwei Probleme. Zum einen ist der größte Teil dessen, was im Internet verbreitet wird, recycelter Schrott. Und zum anderen können diese Kulturschaffenden von ihrer Kunst nicht leben, weil kaum noch jemand bereit ist, dafür zu bezahlen. Lanier schreibt, er könne in den ganzen Vereinigten Staaten jene Künstler an den Fingern einer Hand abzählen, die trotz der Kostenlosmentalität der Netznutzer von ihrer Arbeit leben könnten. Deshalb müsse geistiges Eigentum im Internet wieder ordentlich geschützt und dessen Diebstahl bestraft werden. Natürlich weiß der Programmierer, dass ein Hacker jeden elektronischen Schutzcode knacken kann. Aber das gelte schließlich auch für Türschlösser: "Schlösser sind nur Amulette, deren Lästigkeit uns an ein soziales Übereinkommen erinnert, von dem wir am Ende alle profitieren."
Laniers Lösungsvorschlag gilt vielen Netzgläubigen als Teufelswerk. Zu sehr haben sich die Nutzer daran gewöhnt, die Früchte der geistigen Arbeit anderer zu ernten. Aber wenn nichts geschieht, wird es bald niemanden mehr geben, der es sich leisten kann, geistige Werke zu schaffen. Die Gesellschaft muss sich also fragen, ob sie sich in Zukunft mit den Ergüssen aufmerksamkeitssüchtiger Spätpubertierender zufriedengeben will, die ihren Müll auf Portalen wie Youtube abladen.
Laniers Intervention ist ein weiteres Zeichen dafür, dass die Debatte über die Zukunft des Internets nicht mehr allein von Netzenthusiasten wie dem amerikanischen Journalisten Jeff Jarvis beherrscht wird. John Tierney, technikfreundlicher Redakteur Webthemen bei der "New York Times", bekannte in einem Artikel, inzwischen zu einer ähnlich skeptischen Haltung wie Lanier gefunden zu haben. Das Online-Magazin "Slate" wirft Lanier hingegen verletzte Eitelkeit vor. Er ärgere sich, dass das Internet nicht mehr Spielplatz für ein paar Technikfreaks wie ihn sei, sondern Medium der Massen. Nur könnte ja genau das dazu geführt haben, dass aus vernetzten Individuen ein Mob geworden ist.
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"Kollektive können genauso dumm sein wie ein Einzelner."
Jaron Lanier glaubt nicht an Schwarmintelligenz im Netz.
Was bringt die Internetgemeinde so gegen jemanden auf, der einst einer der ihren war? Zwei Thesen durchziehen das Buch, das zum Teil aus früher veröffentlichten Kolumnen besteht und sich deshalb nicht immer kohärent liest.
Schwarmintelligenz ist eine Illusion
Erste These: Schwarmintelligenz ist eine Illusion. So bezeichnen Internettheoretiker die Hoffnung, dass viele einzelne Menschen, die in einem Netz zusammengeschlossen sind, ihr Wissen und ihre Intelligenz zusammenführen. So entstehe am Ende die "Weisheit der Massen", die größer sei als alles, was ein einzelner Mensch leisten könne. Wikipedia, die Internetenzyklopädie mit Tausenden freiwilliger Autoren, gilt ihnen als Vorbild. Allerdings wird in Wikipedia nicht Intelligenz zusammengetragen, sondern Wissen. Wo es hingegen um Ideen geht, versagen die Massen. Originalität entsteht nicht durch das Verklumpen zahlloser Wiederholungen längst gedachter Gedanken.
Die Anonymität, die das Internet zu garantieren scheint, spült zudem die dunklen Neigungen der Menschen nach oben. Im Internetforum einer großen Tageszeitung kommentierte kürzlich ein Leser die Diskussion über Quoten für Migranten im öffentlichen Dienst mit folgenden Sätzen (Rechtschreibung wie im Original): "Mal sehen welchr Quote ich beim Abschuß von kriminellem Pack erreiche, wenn hier die Sinnflut los geht. Da mach ich mir bei jedem Abschuß ne Kerbe in mein Gewehr! Politiker bekommen gleich 2 Kerben!" Ein anderer sprach davon, dass er sich auf dem Amt nicht von "Kameltreibern" herumkommandieren lassen wolle. "Einige meiner Kollegen glauben", schreibt Jaron Lanier, "dass einige Millionen, vielleicht eine Milliarde dieser Beleidigungsfragmente sich letztlich zu einer Weisheit zusammenfinden werden, die jedes wohldurchdachte Essay übersteigt - weil ein kluger, geheimnisvoller Algorithmus die Einzelteile neu ordnet." Für Lanier sind die Anhänger einer solchen Ideologie "digitale Maoisten", die sich die Herrschaft des Mobs im Netz schönredeten. "Kollektive können genauso dumm sein wie ein Einzelner und - in wichtigen Fällen - dümmer", schreibt der einstige Computerpionier.
Recycelter Schrott
Zweite These: Das Internet gibt vielen eine Plattform, auf der sie sich und ihre künstlerischen Werke Millionen anderer Menschen präsentieren können. Leider, hat Lanier beobachtet, gibt es dabei zwei Probleme. Zum einen ist der größte Teil dessen, was im Internet verbreitet wird, recycelter Schrott. Und zum anderen können diese Kulturschaffenden von ihrer Kunst nicht leben, weil kaum noch jemand bereit ist, dafür zu bezahlen. Lanier schreibt, er könne in den ganzen Vereinigten Staaten jene Künstler an den Fingern einer Hand abzählen, die trotz der Kostenlosmentalität der Netznutzer von ihrer Arbeit leben könnten. Deshalb müsse geistiges Eigentum im Internet wieder ordentlich geschützt und dessen Diebstahl bestraft werden. Natürlich weiß der Programmierer, dass ein Hacker jeden elektronischen Schutzcode knacken kann. Aber das gelte schließlich auch für Türschlösser: "Schlösser sind nur Amulette, deren Lästigkeit uns an ein soziales Übereinkommen erinnert, von dem wir am Ende alle profitieren."
Laniers Lösungsvorschlag gilt vielen Netzgläubigen als Teufelswerk. Zu sehr haben sich die Nutzer daran gewöhnt, die Früchte der geistigen Arbeit anderer zu ernten. Aber wenn nichts geschieht, wird es bald niemanden mehr geben, der es sich leisten kann, geistige Werke zu schaffen. Die Gesellschaft muss sich also fragen, ob sie sich in Zukunft mit den Ergüssen aufmerksamkeitssüchtiger Spätpubertierender zufriedengeben will, die ihren Müll auf Portalen wie Youtube abladen.
Laniers Intervention ist ein weiteres Zeichen dafür, dass die Debatte über die Zukunft des Internets nicht mehr allein von Netzenthusiasten wie dem amerikanischen Journalisten Jeff Jarvis beherrscht wird. John Tierney, technikfreundlicher Redakteur Webthemen bei der "New York Times", bekannte in einem Artikel, inzwischen zu einer ähnlich skeptischen Haltung wie Lanier gefunden zu haben. Das Online-Magazin "Slate" wirft Lanier hingegen verletzte Eitelkeit vor. Er ärgere sich, dass das Internet nicht mehr Spielplatz für ein paar Technikfreaks wie ihn sei, sondern Medium der Massen. Nur könnte ja genau das dazu geführt haben, dass aus vernetzten Individuen ein Mob geworden ist.
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