Up in the Air
Kann dieser Mann ein knallhartes Ekel sein?
Ruprecht Skasa-Weiß, veröffentlicht am 04.02.2010
Filmbeschreibung
Jeden Tag woanders landen, woanders einchecken, woanders Terminalkontrollen passieren, Prozeduren, so immergleich wie das Dienstleistungslächeln der Stewardessen, die kalte Pracht der Airport-Hotels, die kurzen Absacker an der Bar, die flüchtigen Abenteuer - eventuell - mit einer Hotelbekanntschaft. Na, ist das ein Leben? Mir wär's ein Graus, denkt mancher Leser sich jetzt vielleicht, weil er nicht einsehen mag, was erstrebenswert sein soll an einer Welt, die aus nichts als aus Flughäfen, Hotels, Restaurantketten, Geschenkshops und Zeitungsständern besteht.
Den Vielfliegertyp, der sich besonders obenauf fühlt, wenn er den Boden unter den Füßen verliert, gibt es tatsächlich. Exakt solch einem Kerl hat der US-Schriftsteller Walter Kim vor Jahren einen Roman gewidmet - es ist der Typ, der nicht ruht, bis er zehn Millionen Meilen zusammengeflogen hat, womit er in den Genuss einer Superbonuskarte gelangt: very important hinfort, privilegiert, mit der Lizenz zum Vordrängeln an allen Abfertigungsschaltern. Ein mieser Typ, eigentlich.
Schöner und besser rasiert denn je
Ja, eigentlich. Aber das Hollywoodkino vermag es, selbst solche Leute als unwiderstehlich smarte Charmebolzen unter uns treten zu lassen. Und wenn gar George Clooney den Vielflieger mimt, wird der Typ schier unwiderstehlich. An dieser Stelle daher ein Aufruf: Damen, Herren, Girlies - wer je für George Clooney geschwärmt hat, hinein mit ihm in diesen Film! Schöner (und besser rasiert, da er sich neuerdings doch einen Bart stehen lässt) kriegen Sie ihn nirgends mehr zu sehen. Clooney schlendert so elegant, so kultiviert, so bezwingend verführerisch durch diesen Film, dass nicht nur Werbeleute brüten, welches Potenzial darin steckt, verwertbar für Luxusartikel jeglicher Art, vom Reisesakko bis zum Vollzwirnhemd. Undenkbar fast, dass da ein Frauenherz kalt bleibt, dass es sich keine Begegnung wünscht - wenigstens kurz, einmal intim, um nicht zu sagen: für einen One-Night-Stand.
Ginge es nach der Rolle, die Clooney hier zugedacht ist, müsste der Treff für die Nacht erreichlich sein; denn Hollywoods prominentester Junggeselle darf in dem Wolkenstürmerfilm "Up in the Air" genau das spielen, was er auch im Privatleben halbwegs ist, ein Airport-Jumper, ein Promi in wechselnden Hotelbetten - nur dass die Regie ihn obendrein mit einer suspekten Mission betraut: Ryan Bingham nämlich, dies Clooneys Name im Film, ist Handlungsreisender in Kündigungssachen, ein Mann, der im Auftrag wechselnder Firmen kreuz und quer durch die Staaten fliegt und den leidigen Job des Angestelltenrausschmeißers erledigt, ein Geschäft, das Firmenbosse aus Feigheit und Angst, ihren Mitarbeitern direkt zu begegnen, gern delegieren. Und er macht's prima.
Wie in seinem Debütfilm "Thank you for Smoking" stellt Regisseur Jason Reitman also mal wieder einen unerfreulichen Zeitgenossen als Sympathieträger vor. Der klassische amerikanische Handlungsreisende erlebt in "Up in the Air" seine glanzvolle Wiedergeburt, modern variiert: Statt von Tür zu Tür zu stapfen, reist er von Verkehrsknotenpunkt zu Verkehrsknotenpunkt, ein geschmeidig kultivierter Lebemann, der den Ballast von Beziehungen ebenso scheut wie zu viele Hemden im Rollköfferchen. So einer erledigt die unangenehme Aufgabe des Kündigens lässig, mit smarter Routine, von den Tränenausbrüchen seiner Opfer kaum behelligt, ein Auftragsjobkiller mit dem grau meliertem Charme des soignierten väterlichen Freunds.
Dann aber kommt ihm - ausgerechnet - eine kleine Harvard-Absolventin in die Quere (schmallippig und herrlich ätzend forsch: Anna Kendrick), die in der Firmenzentrale Rationalisierungsmaßnahmen vorschlägt: Wozu noch reisen, wenn's auch Videoansprachen täten? Für Bingham, den lustbetonten Frequent Flyer, eine abscheuliche Idee! Als die Firmenleitung darauf beharrt, ihm die Kleine als Assistentin zur Seite zu geben, hebt dies kaum seine Laune. Leicht genervt bringt er mitten im Gewühl einer Abflughalle dem Mädchen bei, wie man Trolleys patent packt: raus, raus, raus mit allem Überflüssigen, je weniger Gepäck, desto besser kommst du durchs Leben! Für ihn eine Maxime im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Auf der Suche nach dem Zeitfenster
Irgendwann, auch das kommt vor, hat er auf seinen Reisen eine Gleichgestimmte getroffen, eine mondäne Plastikkartenfreundin (umwerfend attraktiv: Vera Farmiga), die seine One-Night-Lebenskunst teilt. "Ich bin die Frau, um die du dir keine Sorgen machen musst", wird sie zu ihm sagen. "Ich bin wie du - nur mit einer Vagina." Wenn die beiden voreinander ihre Bonuskartensammlungen entblättern, knistert die Szene vor erotischer Spannung. Was nicht verhindert, dass sie am anderen Morgen, nun nüchtern, die Notebookdeckel gegeneinander klappen, um "Zeitfenster" zu ermitteln für fernere Treffs.
Der Film - eine feine gallige Komödie in graublauen Hochglanzbildern, projiziert auf den Hintergrund dokumentarisch dazwischengeschnittener Entlassungstragödien - droht in Binghams emotionalen Turbulenzen zuletzt ein wenig zu vertrudeln. Überdeutlich liegt die Botschaft, dass dem Mann zum wahren Lebensglück doch etwas fehle, eine Familie, ein Weib, über den Szenen. Gottlob biegt das Drehbuch den happyendlichen Schluss allerdings um, mit einer lebensnah ertüftelten Pointe.
Weniger lebensnah wirkt, alles in allem, die Kinofigur: Ist Clooney nicht doch zu seriös, zu kultiviert, zu gereift, als dass man ihm die hohle Existenz des Zehnmillionenmeilenfliegers abnehmen könnte? Wer Tausende von Angestellten schasst, Aug in Aug mit den Opfern, mag ja honette Manieren haben. Aber Lachfältchen wie George Clooney hat er bestimmt nicht.
Den Vielfliegertyp, der sich besonders obenauf fühlt, wenn er den Boden unter den Füßen verliert, gibt es tatsächlich. Exakt solch einem Kerl hat der US-Schriftsteller Walter Kim vor Jahren einen Roman gewidmet - es ist der Typ, der nicht ruht, bis er zehn Millionen Meilen zusammengeflogen hat, womit er in den Genuss einer Superbonuskarte gelangt: very important hinfort, privilegiert, mit der Lizenz zum Vordrängeln an allen Abfertigungsschaltern. Ein mieser Typ, eigentlich.
Schöner und besser rasiert denn je
Ja, eigentlich. Aber das Hollywoodkino vermag es, selbst solche Leute als unwiderstehlich smarte Charmebolzen unter uns treten zu lassen. Und wenn gar George Clooney den Vielflieger mimt, wird der Typ schier unwiderstehlich. An dieser Stelle daher ein Aufruf: Damen, Herren, Girlies - wer je für George Clooney geschwärmt hat, hinein mit ihm in diesen Film! Schöner (und besser rasiert, da er sich neuerdings doch einen Bart stehen lässt) kriegen Sie ihn nirgends mehr zu sehen. Clooney schlendert so elegant, so kultiviert, so bezwingend verführerisch durch diesen Film, dass nicht nur Werbeleute brüten, welches Potenzial darin steckt, verwertbar für Luxusartikel jeglicher Art, vom Reisesakko bis zum Vollzwirnhemd. Undenkbar fast, dass da ein Frauenherz kalt bleibt, dass es sich keine Begegnung wünscht - wenigstens kurz, einmal intim, um nicht zu sagen: für einen One-Night-Stand.
Ginge es nach der Rolle, die Clooney hier zugedacht ist, müsste der Treff für die Nacht erreichlich sein; denn Hollywoods prominentester Junggeselle darf in dem Wolkenstürmerfilm "Up in the Air" genau das spielen, was er auch im Privatleben halbwegs ist, ein Airport-Jumper, ein Promi in wechselnden Hotelbetten - nur dass die Regie ihn obendrein mit einer suspekten Mission betraut: Ryan Bingham nämlich, dies Clooneys Name im Film, ist Handlungsreisender in Kündigungssachen, ein Mann, der im Auftrag wechselnder Firmen kreuz und quer durch die Staaten fliegt und den leidigen Job des Angestelltenrausschmeißers erledigt, ein Geschäft, das Firmenbosse aus Feigheit und Angst, ihren Mitarbeitern direkt zu begegnen, gern delegieren. Und er macht's prima.
Wie in seinem Debütfilm "Thank you for Smoking" stellt Regisseur Jason Reitman also mal wieder einen unerfreulichen Zeitgenossen als Sympathieträger vor. Der klassische amerikanische Handlungsreisende erlebt in "Up in the Air" seine glanzvolle Wiedergeburt, modern variiert: Statt von Tür zu Tür zu stapfen, reist er von Verkehrsknotenpunkt zu Verkehrsknotenpunkt, ein geschmeidig kultivierter Lebemann, der den Ballast von Beziehungen ebenso scheut wie zu viele Hemden im Rollköfferchen. So einer erledigt die unangenehme Aufgabe des Kündigens lässig, mit smarter Routine, von den Tränenausbrüchen seiner Opfer kaum behelligt, ein Auftragsjobkiller mit dem grau meliertem Charme des soignierten väterlichen Freunds.
Dann aber kommt ihm - ausgerechnet - eine kleine Harvard-Absolventin in die Quere (schmallippig und herrlich ätzend forsch: Anna Kendrick), die in der Firmenzentrale Rationalisierungsmaßnahmen vorschlägt: Wozu noch reisen, wenn's auch Videoansprachen täten? Für Bingham, den lustbetonten Frequent Flyer, eine abscheuliche Idee! Als die Firmenleitung darauf beharrt, ihm die Kleine als Assistentin zur Seite zu geben, hebt dies kaum seine Laune. Leicht genervt bringt er mitten im Gewühl einer Abflughalle dem Mädchen bei, wie man Trolleys patent packt: raus, raus, raus mit allem Überflüssigen, je weniger Gepäck, desto besser kommst du durchs Leben! Für ihn eine Maxime im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Auf der Suche nach dem Zeitfenster
Irgendwann, auch das kommt vor, hat er auf seinen Reisen eine Gleichgestimmte getroffen, eine mondäne Plastikkartenfreundin (umwerfend attraktiv: Vera Farmiga), die seine One-Night-Lebenskunst teilt. "Ich bin die Frau, um die du dir keine Sorgen machen musst", wird sie zu ihm sagen. "Ich bin wie du - nur mit einer Vagina." Wenn die beiden voreinander ihre Bonuskartensammlungen entblättern, knistert die Szene vor erotischer Spannung. Was nicht verhindert, dass sie am anderen Morgen, nun nüchtern, die Notebookdeckel gegeneinander klappen, um "Zeitfenster" zu ermitteln für fernere Treffs.
Der Film - eine feine gallige Komödie in graublauen Hochglanzbildern, projiziert auf den Hintergrund dokumentarisch dazwischengeschnittener Entlassungstragödien - droht in Binghams emotionalen Turbulenzen zuletzt ein wenig zu vertrudeln. Überdeutlich liegt die Botschaft, dass dem Mann zum wahren Lebensglück doch etwas fehle, eine Familie, ein Weib, über den Szenen. Gottlob biegt das Drehbuch den happyendlichen Schluss allerdings um, mit einer lebensnah ertüftelten Pointe.
Weniger lebensnah wirkt, alles in allem, die Kinofigur: Ist Clooney nicht doch zu seriös, zu kultiviert, zu gereift, als dass man ihm die hohle Existenz des Zehnmillionenmeilenfliegers abnehmen könnte? Wer Tausende von Angestellten schasst, Aug in Aug mit den Opfern, mag ja honette Manieren haben. Aber Lachfältchen wie George Clooney hat er bestimmt nicht.
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Highlights am 27.05.
Nacht der offenen Kirchen: Orgelkino "Schachfieber" - Paul-Gerhardt-Kirche
Premiere: Es gibt noch Restkarten - Renitenztheater
Legendäre Meisterwerke. Kulturgeschichte(n) aus Württemberg - Landesmuseum Württemberg
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