Giulias Verschwinden
Sex mit Wadenkrampf
Ruprecht Skasa-Weiß, veröffentlicht am 04.02.2010
Filmbeschreibung
Wie lockt man ältere Leute ins Kino? Emporgerissen aus der Trübsal diverser Alzheimerfilme, hat ein überreifes Kinovolk erstmals bei Andreas Dresen wieder das Schmunzeln gelernt, schwebend auf "Wolke 9". Seitdem weiß das Publikum, dass In-die-Jahre-Kommen kein Fluch ist, sondern Erfahrungsgewinn von erörterungswürdiger Drastik, mithin ein wunderbarer Kinostoff. Man muss ihn nur auftischen können.
Der Schweizer Christoph Schaub und sein Autor Martin Suter können es exzellent. Ihr Ensemblefilm umkreist stur ein einziges Thema, das Altern, lässlicher gesagt, das Älterwerden. Aber wie unterhaltsam, wie facettenreich die sanfte Schmach hier umspielt wird, mit welch geharnischten Aperçus und situationskomisch durchblitzten Tiraden sich die Gästeschar darauf einlässt, das ist vergnüglich, lehrreich, rührend. Die Gäste, versammelt im Restaurant, harren der lieben Freundin Giulia, deren Fünfzigsten sie feiern würden - wenn die zu Feiernde sich nicht gedrückt hätte.
Als der Film beginnt, sitzt Giulia in der Straßenbahn, versonnen lächelnd. Draußen Großstadtstraßen, nachtdunkel, drin eingezogenes Licht, drangvolle Enge. Kids quatschen, und eine alte Dame setzt sich neben Giulia, die im echten Leben Corinna Harfouch heißt. "Uns Alte sieht man nicht mehr; wir sind unsichtbar", sagt die Alte.
Was es auf sich hat mit dem Satz, auch mit der Alten, auch mit den Kids, davon erzählt Schaubs Film in kunstvoll verschränkten Episoden, scharf ausgeleuchtet, als wären's Sketche. Wir sehen: ein Herrenpaar in gereizter Verfassung vorm Aufbruch. Der Ältere schaut auf sein Handgelenk. Er solle nicht ständig auf die Uhr sehen, tadelt der Jüngere, und der Ältere korrigiert: er habe nur nach seinem Leberfleck geschaut, ob er den immer schon hatte? "Immer kenne ich dich noch nicht", sagt der Jüngere.
Szenenwechsel, wieder Bahn, Kids, Giulia, kühl-elegant. Schnitt: steht ein älteres Paar vorm Toilettetisch, plötzlich überfällt ihn ein Begehren, er schleppt sie aufs Doppelbett, macht sich über sie her, erfolgreich, wie ihrem Gestöhn zu entnehmen ist - da bekommt sie den Wadenkrampf. "Tief und regelmäßig atmen", empfiehlt der Mann, die Frau folgt, erfolgreich, wie ihrem tiefen regelmäßigen Atmen zu entnehmen ist, und: "Das Gefühl danach ist fast das gleiche", sagt der Mann.
Klar, es geht ums Altgewordensein, um Sex mit Wadenkrampf, um Leberflecke. Der Film gleicht einem Dramolett am Rand der Märchenhaftigkeit, harmlos, aber nie klamaukig, auch wenn Tortenstücke fliegen. Am Ende wird Giulia einen betuchten Charmeur kennengelernt haben (Bruno Ganz) und mit ihm romantisch versackt sein an einer Hotelbar. Aber zur Feier ihres Ehrentags erscheint sie dann doch.
Der Schweizer Christoph Schaub und sein Autor Martin Suter können es exzellent. Ihr Ensemblefilm umkreist stur ein einziges Thema, das Altern, lässlicher gesagt, das Älterwerden. Aber wie unterhaltsam, wie facettenreich die sanfte Schmach hier umspielt wird, mit welch geharnischten Aperçus und situationskomisch durchblitzten Tiraden sich die Gästeschar darauf einlässt, das ist vergnüglich, lehrreich, rührend. Die Gäste, versammelt im Restaurant, harren der lieben Freundin Giulia, deren Fünfzigsten sie feiern würden - wenn die zu Feiernde sich nicht gedrückt hätte.
Als der Film beginnt, sitzt Giulia in der Straßenbahn, versonnen lächelnd. Draußen Großstadtstraßen, nachtdunkel, drin eingezogenes Licht, drangvolle Enge. Kids quatschen, und eine alte Dame setzt sich neben Giulia, die im echten Leben Corinna Harfouch heißt. "Uns Alte sieht man nicht mehr; wir sind unsichtbar", sagt die Alte.
Was es auf sich hat mit dem Satz, auch mit der Alten, auch mit den Kids, davon erzählt Schaubs Film in kunstvoll verschränkten Episoden, scharf ausgeleuchtet, als wären's Sketche. Wir sehen: ein Herrenpaar in gereizter Verfassung vorm Aufbruch. Der Ältere schaut auf sein Handgelenk. Er solle nicht ständig auf die Uhr sehen, tadelt der Jüngere, und der Ältere korrigiert: er habe nur nach seinem Leberfleck geschaut, ob er den immer schon hatte? "Immer kenne ich dich noch nicht", sagt der Jüngere.
Szenenwechsel, wieder Bahn, Kids, Giulia, kühl-elegant. Schnitt: steht ein älteres Paar vorm Toilettetisch, plötzlich überfällt ihn ein Begehren, er schleppt sie aufs Doppelbett, macht sich über sie her, erfolgreich, wie ihrem Gestöhn zu entnehmen ist - da bekommt sie den Wadenkrampf. "Tief und regelmäßig atmen", empfiehlt der Mann, die Frau folgt, erfolgreich, wie ihrem tiefen regelmäßigen Atmen zu entnehmen ist, und: "Das Gefühl danach ist fast das gleiche", sagt der Mann.
Klar, es geht ums Altgewordensein, um Sex mit Wadenkrampf, um Leberflecke. Der Film gleicht einem Dramolett am Rand der Märchenhaftigkeit, harmlos, aber nie klamaukig, auch wenn Tortenstücke fliegen. Am Ende wird Giulia einen betuchten Charmeur kennengelernt haben (Bruno Ganz) und mit ihm romantisch versackt sein an einer Hotelbar. Aber zur Feier ihres Ehrentags erscheint sie dann doch.
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