She, a Chinese
Zwischen allen Welten
Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 04.02.2010
Filmbeschreibung
Es gab einmal eine Zeit, da dachten Cineasten im Westen, ein Film aus China erkläre ihnen dieses Land. Als sei diese riesige Nation ein monolithischer Klotz und gut symbolisch abhandelbar. Es waren aber auch chinesische Filme, die uns dann darauf gestoßen haben, dass es dort vielerlei Lebensentwürfe, Milieus und Gesinnungen gibt, die sich selbst im raschen Wandel befinden. Aktuelles chinesisches Kino bekommt bereits im Moment des Entstehens museale Qualitäten und hält einen flüchtigen Moment gesellschaftlicher Entwicklung für Analyse und spätere Vergleiche fest. Verlässlich blieb über die Jahre aber tatsächlich eines: die unsichere Lage der chinesischen Filmemacher unter der Knute der Zensur.
"She, a Chinese" von Guo Xiaolu, die Schilderung des Aufbruchs einer jungen Frau aus der Provinz in die Stadt und des Weggangs aus China nach Europa, liefert ein wunderbares Beispiel für die kosmopolitische Wendigkeit des neuen chinesischen Kinos. Das zeigt sich schon daran, dass man "She, a Chinese" finanztechnisch einen britisch-französisch-deutschen Film nennen muss. Guo Xiaolu ist eine junge Schriftstellerin, deren Roman "Stadt der Steine" auch bei uns von der Kritik wahrgenommen wurde. Als sie ihre Ausbildung zur Filmemacherin abschloss, wurde sie von westlichen Produzentinnen angesprochen, ob sie nicht einen Originalstoff entwickeln wolle. Das Geld kam aus Europa, weshalb das ganze Projekt nie der chinesischen Zensur vorlag. In China selbst wurde ohne Drehgenehmigung mit einer flexiblen Digitalausrüstung gearbeitet.
In der ersten Phase von "She, a Chinese" befinden wir uns irgendwo im Hinterland, wo der Wirtschaftsboom nur in einer Form angekommen ist: als Gefühl der Jungen, vom neuen Leben abgehängt zu sein. Die von Huang Lu gespielte Protagonistin Mei hat ständig die Stöpsel ihres MP3-Spielers in den Ohren. Sie will anderswo sein und kapselt sich ab gegen das karge Leben ringsum. Ihr Vater sortiert Müll, der aus dem Westen importiert wird.
Mei will nicht da leben, wo das Kaputte nach Brauchbarem durchsucht wird, sondern dort, wo man Brauchbares wegschmeißen darf. Aber ihre nächste Station ist noch genauso glanzlos, wenn auch typisch für das chinesische Kino. Mei landet bei einem Kleingangster. Die neue Dynamik, das Aufwärtsstreben, die Umverteilung der Macht wird oft pessimistisch in Bildern der Bandenkriminalität, der Erpressung, der bewaffneten Ausbeutung gezeigt. An "She, a Chinese" besticht die Lakonie der Darstellung. Diesen Film könnte man unsynchronisiert und ohne Untertitel anschauen und bliebe doch immer bestens orientiert.
Ein Gewaltakt wird Mei helfen, sich aus der neuen Routine zu lösen. Aber wie sie dann durch London läuft, das ist alles andere als eine Freiheitserfahrung. Sie trägt Isolation, Unzufriedenheit, falsche Hoffnungen mit sich herum, und die Ohrstöpsel signalisieren nun eine grundsätzliche Erwartung: dass das neue Leben irgendwann wie ein Lied heruntergeladen und per Steuerknöpfchen kontrolliert werden kann. Guo Xiaolu zeigt eine junge Chinesin zwischen allen Welten. Was man nicht gleich als Generationenporträt sehen muss, was aber auch kein bloßes Sonderproblem von Mei zu sein scheint.
"She, a Chinese" von Guo Xiaolu, die Schilderung des Aufbruchs einer jungen Frau aus der Provinz in die Stadt und des Weggangs aus China nach Europa, liefert ein wunderbares Beispiel für die kosmopolitische Wendigkeit des neuen chinesischen Kinos. Das zeigt sich schon daran, dass man "She, a Chinese" finanztechnisch einen britisch-französisch-deutschen Film nennen muss. Guo Xiaolu ist eine junge Schriftstellerin, deren Roman "Stadt der Steine" auch bei uns von der Kritik wahrgenommen wurde. Als sie ihre Ausbildung zur Filmemacherin abschloss, wurde sie von westlichen Produzentinnen angesprochen, ob sie nicht einen Originalstoff entwickeln wolle. Das Geld kam aus Europa, weshalb das ganze Projekt nie der chinesischen Zensur vorlag. In China selbst wurde ohne Drehgenehmigung mit einer flexiblen Digitalausrüstung gearbeitet.
In der ersten Phase von "She, a Chinese" befinden wir uns irgendwo im Hinterland, wo der Wirtschaftsboom nur in einer Form angekommen ist: als Gefühl der Jungen, vom neuen Leben abgehängt zu sein. Die von Huang Lu gespielte Protagonistin Mei hat ständig die Stöpsel ihres MP3-Spielers in den Ohren. Sie will anderswo sein und kapselt sich ab gegen das karge Leben ringsum. Ihr Vater sortiert Müll, der aus dem Westen importiert wird.
Mei will nicht da leben, wo das Kaputte nach Brauchbarem durchsucht wird, sondern dort, wo man Brauchbares wegschmeißen darf. Aber ihre nächste Station ist noch genauso glanzlos, wenn auch typisch für das chinesische Kino. Mei landet bei einem Kleingangster. Die neue Dynamik, das Aufwärtsstreben, die Umverteilung der Macht wird oft pessimistisch in Bildern der Bandenkriminalität, der Erpressung, der bewaffneten Ausbeutung gezeigt. An "She, a Chinese" besticht die Lakonie der Darstellung. Diesen Film könnte man unsynchronisiert und ohne Untertitel anschauen und bliebe doch immer bestens orientiert.
Ein Gewaltakt wird Mei helfen, sich aus der neuen Routine zu lösen. Aber wie sie dann durch London läuft, das ist alles andere als eine Freiheitserfahrung. Sie trägt Isolation, Unzufriedenheit, falsche Hoffnungen mit sich herum, und die Ohrstöpsel signalisieren nun eine grundsätzliche Erwartung: dass das neue Leben irgendwann wie ein Lied heruntergeladen und per Steuerknöpfchen kontrolliert werden kann. Guo Xiaolu zeigt eine junge Chinesin zwischen allen Welten. Was man nicht gleich als Generationenporträt sehen muss, was aber auch kein bloßes Sonderproblem von Mei zu sein scheint.
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