Portugal

Eine Nacht in Lissabon

Soak, veröffentlicht am 10.02.2010
Foto: Chris Warren

Traurig? Nein. Genervt? Nein. Verzweifelt? Auch nicht. Sergio wirkt müde, schüttelt den Kopf und schaut übers Wasser. Im Vergleich zu Heinrich dem Seefahrer, seinem dynamisch dreinblickenden Landsmann, ähnelt Sergios Gesicht einem liegen gebliebenen Vanilletörtchen im Café Pastéis de Belém, süße Legenden, die allein die Reise nach Lissabon lohnen.

Die tief stehende Sonne bestrahlt das Denkmal der Entdeckungen in der Vorstadt, den Pãdrao dos Descobrimentos, dessen bugförmiger Keil sich über den vom Abendwind erzitternden Tejo erhebt. In Stein gemeißelt führt an seiner Spitze der große portugiesische Entdecker des 15. Jahrhunderts eine 32-köpfige Heldentruppe an: Kartografen, Eroberer, Gelehrte. Tapfere Alpha-Männer wie Vasco da Gama und Ferdinand Magellan, denen Portugal seine einstige Weltmachtstellung verdankte. "Nein, das ist kein Gefühl von Trauer", so Sergio, "es ist Saudade." Saudade? Eine Vanilletörtchen-Allergie? "Nein. Das kann man nicht erklären", antwortet Sergio. "Saudade muss man fühlen. Wie Fado."

So geht das schon den ganzen Tag mit ihm. Obwohl Sergio in der Nähe von Düsseldorf aufgewachsen ist und einwandfrei Deutsch spricht, verweigert er bei den Schlüsselbegriffen seiner Muttersprache regelmäßig den Dolmetscherdienst. Irgendwann denkt man nur noch: Portugiesisch ist ein anderes Wort für pathetisch. Für verwitternde Pracht. Für eine blaue Stunde am Tejo. Sergios Lektionen haben es in sich: Immer soll man sich in dieser Stadt hingeben (dem Fado). Sich ergeben (Gott). Lieben (die eigene Fußballmannschaft). Hassen (alle anderen Mannschaften). Klingt nach Klischee. Doch in jedem Klischee steckt meistens auch ein bisschen Wahrheit.

Die Einführung in die höhere Lissabonner Lebenskunst begann im ehrwürdigen Martinho da Arcada. Es war das Stammlokal von Fernando Pessoa, dem großen Dichter Portugals, der mit "Das Buch der Unruhe" in den Olymp der Weltliteratur aufgestiegen ist. Mit einem stets unbesetzten, aber fein eingedeckten Tisch hält dieses kleine Restaurant an der Praça do Comércio seinen berühmtesten Gast in bester Erinnerung. Und natürlich begegnet man hier, in der geschäftigen Unterstadt Baixa, einer weiteren Spezialität von nationalem Rang: einer der unzähligen Varianten des Bacalhau. Immerhin kann man das übersetzen: Kabeljau. Sergio sagt, es gebe so viele Kabeljau-Rezepte wie Tage im Jahr. Dieses luftige Gratin vom Bacalhau jedenfalls ist die perfekte Grundierung für den anstrengenden Ausflug in die Vorstadt Belém, das älteste Viertel Lissabons, wo es die saftigen Vanilletörtchen gibt und einen Steinwurf vom Denkmal der Entdeckungen entfernt das kalkweiß schimmernde Hieronymuskloster. Das Unesco-Weltkulturerbe, das wie das 300 Meter lange Gerippe eines Riesen parallel zum Tejo augebahrt scheint, ist ein imponierendes Beispiel für die Manuelinik, dieser portugiesischen Spielart der Spätgotik. Tatsächlich spürt man hier wie nirgends sonst die verblichene Ära kolonialer Herrlichkeit.

Doch der Abend ist noch jung, zu jung für ein geschichtliches Saudadieren. Sergio verabschiedet sich, man verabredet sich für später. Die Straßenbahn ins Zentrum ist voll. Gleich mehrere Jungs tragen Trikots mit dem Namen von Cristiano Ronaldo – der internationale Fußballstar von Real Madrid als allerletzter Nachfahr der Welteroberer. Den Aufstieg in die Oberstadt, zum Bairro Alto, erledigen die Faulen mit dem 45 Meter hohen Stahlaufzug namens Elevador de Santa Justa, den ein Schüler Gustave Eiffels Anfang des 20. Jahrhunderts konstruiert hat. Der Ingenieur wusste, was er tat: Das Marschpensum im traditionellen Ausgehviertel ist anstrengend, man schleppt sich wie eine Bergziege den nächsten Hügel hoch und nutzt jede sich bietende Ausrede zur Rast: im Café Brasileira etwa, wo einem zum Fin-de-siècle-Dekor, Pessoa-Skulptur und dem Gequietsche der berühmten Straßenbahnlinie28 einer der besten Kaffees serviert wird.

Den hat man auch dringend nötig. Denn in in der Rua da Atalaia, im Conceptstore von Fátima Lopes sollte man gestärkt auftauchen, schließlich trifft man hier auf hübsch arrangierten Jugendstil. Lusitanische Schönheiten überall. Der Laden von Lopes, der bekanntesten Modedesignerin des Landes, erinnert an das wummernde Pariser Kaufhaus Colette: mehr Club als Modegeschäft ist er, nervös zuckender Konsumtempel und Tummelplatz aller Gentrifizierten zugleich. Jeder ist hier alles gleichzeitig: Model, Werber, Journalist, DJ. Das Leben? Ein cooler Sampler.
 

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