Unternehmensgründerinnen
Lebenserfahrung als größtes Plus
StZ/StN, veröffentlicht am 09.02.2010
Jede dritte Unternehmensgründerin ist heute älter als 45 Jahre - und viele sind damit erfolgreich. Zu dieser neuen Gründerinnengeneration gehört auch Birgit Jensen. Die 60-Jährige betreibt seit knapp zwei Jahren ein Reisebüro in Neuhausen auf den Fildern, spezialisiert auf Skandinavien und die Polarregion. Das ist ihr Glück: Sie konnte sich so in einer Nische einrichten. Und die weiß sie mit individuellen Angeboten auch auszunutzen. Jensen nennt ein Beispiel: "Man muss nicht unbedingt in die Karibik, um formlos zu heiraten." Für eine Trauung unterm Polarlicht organisiert sie alles von A bis Z, etwa vom (Blumen-)Arrangement über den Standesbeamten, den Fotografen bis zu den Trauzeugen.
Ältere Existenzgründerinnen und -gründer müssen den Mut zur Marktlücke haben, denn nach allen bisherigen Erfahrungen und Statistiken haben sie hier die größten Chancen, etwas zu erreichen. Und die gebürtige Dänin kann auf ihrem Spezialgebiet sehr wohl mit ihren Pfunden wuchern. Nicht nur, dass sie seit rund 30 Jahren in der Touristikbranche tätig ist - anfangs als Flugbegleiterin -, sie kennt und liebt den Norden. Neben Dänisch spricht sie Norwegisch und Schwedisch. Deutsch natürlich perfekt. Kleine Versprecher à la Wencke Myhre machen die kommunikationsfreudige Frau nur noch sympathischer.
Klar ist Birgit Jensen blond und blauäugig. So wie wir uns hierzulande eben Däninnen vorstellen. Und wahrscheinlich hat sie bei ihrem ersten Job in Deutschland als Hostess im Stuttgarter Verkehrsbüro manche Verehrerblicke auf sich gezogen. Der Liebe wegen ist sie vor gut drei Jahrzehnten in die baden-württembergische Landeshauptstadt gekommen. Doch nach der Geburt ihres Sohnes wurde ihr recht schnell klar, dass sie ihre Arbeit nicht mehr ausüben konnte. Jensen: "In Dänemark sind wir damals schon viel weiter gewesen, da hätte ich keine solchen Schwierigkeiten mit der Kinderbetreuung gehabt."
Weil sie aber trotz Kind weiterhin arbeiten wollte und Not bekanntlich erfinderisch macht, machte sie sich 1983 zum ersten Mal selbstständig und vermittelte fortan Ferienhäuser und -wohnungen in Skandinavien. Dennoch konnte sie im Jahr 2000 dem Angebot des Skandinavischen Reisebüros nicht widerstehen, das ihr Geschäft übernehmen wollte. Birgit Jensen ist heute noch überzeugt, dass dies damals der richtige Schritt war. "Viele buchten ja inzwischen schon übers Internet, und niemand konnte die weitere Entwicklung voraussehen."
Das ganze Team - Birgit Jensen beschäftigte noch drei Frauen - wurde auch gleich vom Skandinavischen Reisebüro übernommen. Doch zum Jahresende 2007 schloss die Zentrale in Hamburg die Filialen in Stuttgart, Berlin und Düsseldorf. Jensen: "Nach Hamburg zu ziehen, war für mich natürlich keine Alternative." Und eine Anstellung in einem Reisebüro war für die bereits 57-Jährige mit ihren spezifischen Kenntnissen ohnehin illusorisch.
Im Ferienhaus in Dänemark hat sich die Familie dann beraten. "Mein Mann und meine beiden Kinder haben mich darin bestärkt, den Schritt in die Selbstständigkeit noch einmal zu wagen", erzählt Birgit Jensen. Gerade mal drei Tage war sie dann arbeitslos, bevor sie im Januar 2008 ihr Gewerbe anmeldete und das ehemalige Zimmer ihres Sohnes zum Büro umfunktionierte.
Das erste halbe Jahr konnte Birgit Jensen relativ gelassen angehen, da sie als Existenzgründerin von der Bundesagentur für Arbeit neun Monate lang einen Zuschuss in Höhe des ihr zustehenden Arbeitslosengeldes bekam. Plus 300 Euro für die Krankenversicherung als Selbstständige. Vorlegen musste sie zunächst nur eine verbindliche Auskunft ihrer Bank über ihre Zahlungsfähigkeit. Einen zusätzlichen Verdienst bringt ihr "zweites Standbein". Mehrmals im Jahr ist sie für Hurtigruten in Skandinavien und der Arktis unterwegs.
Jetzt kann sie auf zwei "relativ gute" Jahre zurückblicken. Und Einsatz und Risiko wurden kürzlich auch noch belohnt. Sehr gefreut hat sie sich, dass sie bei der Verleihung der letztjährigen Hurtigruten-Trollpokale den kleinen, witzigen Kobold in der Sparte Newcomer 2009 bekommen hat.
Birgit Jensen ist dabei in guter Gesellschaft: Eine Million Unternehmen in Deutschland sind in der Hand von Frauen. Das ist eine enorme Wirtschaftskraft. Margarita Tchouvakhina, die der volkswirtschaftlichen Abteilung der KfW-Bankengruppe vorsteht, bestätigt: "Die Zahl der selbstständigen Frauen steigt kontinuierlich an. Im Zeitraum von 1991 bis 2002 ist bei den Frauen eine Steigerung von über 30 Prozent und bei den Männer lediglich um 16 Prozent zu beobachten." Die höchsten Zuwächse lägen in den Bereichen Dienstleistungen und im Gesundheitssektor. Interessanterweise habe man festgestellt, dass Unternehmen selbstständiger Frauen im Schnitt eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben. Unternehmen von Männern hätten zwar häufig ein höheres Wachstum. Aber, so Tchouvakhina: "Da stellt sich die Frage: Was ist besser? Schneller zu wachsen oder länger zu leben?"
Insgesamt dürfte die Zahl der Existenzgründungen durch die über 50-Jährigen in den nächsten Jahren in Deutschland tendenziell steigen, so eine Prognose des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie. Während die Lebenserwartung zunimmt, sinken in Deutschland die Geburtenzahlen. Die geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten Baby-Boomer, kommen "in die Fünfziger". Mit der abnehmenden Zahl junger Erwerbstätiger und damit auch potenzieller junger Existenzgründer geht eine steigende Zahl älterer Bürgerinnen und Bürger einher, die als Existenzgründer in Betracht kommen.
Eine Erscheinung, die sich bereits in anderen Industrienationen zeigt: In den USA ist die Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen heute schon diejenige, welche die meisten Gründer hervorbringt.
Diese Entwicklung widerspricht dem in Deutschland noch bei manchen verbreiteten Bild, nach dem ältere Mitarbeiter als weniger leistungsfähig gelten. Diese Anschauung ist wissenschaftlich längst überholt. Ältere verfügen über zahlreiche Startvorteile gegenüber Jüngeren: Ihre größere Erfahrung in der Arbeitsorganisation, ihre Kommunikations- und Teamfähigkeit und vor allem ihre Lebenserfahrung schlagen sich häufig in einer zielgerichteten Vorgehensweise in den verschiedenen Gründungsphasen nieder. Insbesondere ältere Frauen verfügen aufgrund des Familienlebens über eine große Planungs- und Führungserfahrung und eine gute Menschenkenntnis. Ältere schätzen zudem Risiken oft realistischer ein.
Auch Birgit Jensen kennt ihren Wert. "Ich weiß, worüber ich rede, wenn ich etwas verkaufe." Besonders glücklich ist sie darüber, dass sie bisher noch keine unzufriedene Reisende hatte. Im Gegenteil. Sie zeigt auf eine kleines Fotobuch auf ihrem Schreibtisch, das drei Teilnehmer über ihre Grönlandreise für sie zusammengestellt haben: "Liebe Birgit, Du hast uns so toll begleitet. Dafür ein herzliches Dankeschön. Dagmar, Gerhard und Bärbel."
Kein Wunder, denn wenn Birgit Jensen vom Winter im Norden schwärmt, möchte man gleich die Koffer packen und glaubt ihr aufs Wort, wenn sie sagt: "Solange mir mein Job so viel Spaß macht wie im Moment und ich fit bleibe, denke ich nicht daran aufzuhören."
Ältere Existenzgründerinnen und -gründer müssen den Mut zur Marktlücke haben, denn nach allen bisherigen Erfahrungen und Statistiken haben sie hier die größten Chancen, etwas zu erreichen. Und die gebürtige Dänin kann auf ihrem Spezialgebiet sehr wohl mit ihren Pfunden wuchern. Nicht nur, dass sie seit rund 30 Jahren in der Touristikbranche tätig ist - anfangs als Flugbegleiterin -, sie kennt und liebt den Norden. Neben Dänisch spricht sie Norwegisch und Schwedisch. Deutsch natürlich perfekt. Kleine Versprecher à la Wencke Myhre machen die kommunikationsfreudige Frau nur noch sympathischer.
Klar ist Birgit Jensen blond und blauäugig. So wie wir uns hierzulande eben Däninnen vorstellen. Und wahrscheinlich hat sie bei ihrem ersten Job in Deutschland als Hostess im Stuttgarter Verkehrsbüro manche Verehrerblicke auf sich gezogen. Der Liebe wegen ist sie vor gut drei Jahrzehnten in die baden-württembergische Landeshauptstadt gekommen. Doch nach der Geburt ihres Sohnes wurde ihr recht schnell klar, dass sie ihre Arbeit nicht mehr ausüben konnte. Jensen: "In Dänemark sind wir damals schon viel weiter gewesen, da hätte ich keine solchen Schwierigkeiten mit der Kinderbetreuung gehabt."
Weil sie aber trotz Kind weiterhin arbeiten wollte und Not bekanntlich erfinderisch macht, machte sie sich 1983 zum ersten Mal selbstständig und vermittelte fortan Ferienhäuser und -wohnungen in Skandinavien. Dennoch konnte sie im Jahr 2000 dem Angebot des Skandinavischen Reisebüros nicht widerstehen, das ihr Geschäft übernehmen wollte. Birgit Jensen ist heute noch überzeugt, dass dies damals der richtige Schritt war. "Viele buchten ja inzwischen schon übers Internet, und niemand konnte die weitere Entwicklung voraussehen."
Das ganze Team - Birgit Jensen beschäftigte noch drei Frauen - wurde auch gleich vom Skandinavischen Reisebüro übernommen. Doch zum Jahresende 2007 schloss die Zentrale in Hamburg die Filialen in Stuttgart, Berlin und Düsseldorf. Jensen: "Nach Hamburg zu ziehen, war für mich natürlich keine Alternative." Und eine Anstellung in einem Reisebüro war für die bereits 57-Jährige mit ihren spezifischen Kenntnissen ohnehin illusorisch.
Im Ferienhaus in Dänemark hat sich die Familie dann beraten. "Mein Mann und meine beiden Kinder haben mich darin bestärkt, den Schritt in die Selbstständigkeit noch einmal zu wagen", erzählt Birgit Jensen. Gerade mal drei Tage war sie dann arbeitslos, bevor sie im Januar 2008 ihr Gewerbe anmeldete und das ehemalige Zimmer ihres Sohnes zum Büro umfunktionierte.
Das erste halbe Jahr konnte Birgit Jensen relativ gelassen angehen, da sie als Existenzgründerin von der Bundesagentur für Arbeit neun Monate lang einen Zuschuss in Höhe des ihr zustehenden Arbeitslosengeldes bekam. Plus 300 Euro für die Krankenversicherung als Selbstständige. Vorlegen musste sie zunächst nur eine verbindliche Auskunft ihrer Bank über ihre Zahlungsfähigkeit. Einen zusätzlichen Verdienst bringt ihr "zweites Standbein". Mehrmals im Jahr ist sie für Hurtigruten in Skandinavien und der Arktis unterwegs.
Jetzt kann sie auf zwei "relativ gute" Jahre zurückblicken. Und Einsatz und Risiko wurden kürzlich auch noch belohnt. Sehr gefreut hat sie sich, dass sie bei der Verleihung der letztjährigen Hurtigruten-Trollpokale den kleinen, witzigen Kobold in der Sparte Newcomer 2009 bekommen hat.
Birgit Jensen ist dabei in guter Gesellschaft: Eine Million Unternehmen in Deutschland sind in der Hand von Frauen. Das ist eine enorme Wirtschaftskraft. Margarita Tchouvakhina, die der volkswirtschaftlichen Abteilung der KfW-Bankengruppe vorsteht, bestätigt: "Die Zahl der selbstständigen Frauen steigt kontinuierlich an. Im Zeitraum von 1991 bis 2002 ist bei den Frauen eine Steigerung von über 30 Prozent und bei den Männer lediglich um 16 Prozent zu beobachten." Die höchsten Zuwächse lägen in den Bereichen Dienstleistungen und im Gesundheitssektor. Interessanterweise habe man festgestellt, dass Unternehmen selbstständiger Frauen im Schnitt eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben. Unternehmen von Männern hätten zwar häufig ein höheres Wachstum. Aber, so Tchouvakhina: "Da stellt sich die Frage: Was ist besser? Schneller zu wachsen oder länger zu leben?"
Insgesamt dürfte die Zahl der Existenzgründungen durch die über 50-Jährigen in den nächsten Jahren in Deutschland tendenziell steigen, so eine Prognose des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie. Während die Lebenserwartung zunimmt, sinken in Deutschland die Geburtenzahlen. Die geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten Baby-Boomer, kommen "in die Fünfziger". Mit der abnehmenden Zahl junger Erwerbstätiger und damit auch potenzieller junger Existenzgründer geht eine steigende Zahl älterer Bürgerinnen und Bürger einher, die als Existenzgründer in Betracht kommen.
Eine Erscheinung, die sich bereits in anderen Industrienationen zeigt: In den USA ist die Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen heute schon diejenige, welche die meisten Gründer hervorbringt.
Diese Entwicklung widerspricht dem in Deutschland noch bei manchen verbreiteten Bild, nach dem ältere Mitarbeiter als weniger leistungsfähig gelten. Diese Anschauung ist wissenschaftlich längst überholt. Ältere verfügen über zahlreiche Startvorteile gegenüber Jüngeren: Ihre größere Erfahrung in der Arbeitsorganisation, ihre Kommunikations- und Teamfähigkeit und vor allem ihre Lebenserfahrung schlagen sich häufig in einer zielgerichteten Vorgehensweise in den verschiedenen Gründungsphasen nieder. Insbesondere ältere Frauen verfügen aufgrund des Familienlebens über eine große Planungs- und Führungserfahrung und eine gute Menschenkenntnis. Ältere schätzen zudem Risiken oft realistischer ein.
Auch Birgit Jensen kennt ihren Wert. "Ich weiß, worüber ich rede, wenn ich etwas verkaufe." Besonders glücklich ist sie darüber, dass sie bisher noch keine unzufriedene Reisende hatte. Im Gegenteil. Sie zeigt auf eine kleines Fotobuch auf ihrem Schreibtisch, das drei Teilnehmer über ihre Grönlandreise für sie zusammengestellt haben: "Liebe Birgit, Du hast uns so toll begleitet. Dafür ein herzliches Dankeschön. Dagmar, Gerhard und Bärbel."
Kein Wunder, denn wenn Birgit Jensen vom Winter im Norden schwärmt, möchte man gleich die Koffer packen und glaubt ihr aufs Wort, wenn sie sagt: "Solange mir mein Job so viel Spaß macht wie im Moment und ich fit bleibe, denke ich nicht daran aufzuhören."
Anzeigen
Anzeige
Anzeige
Veranstaltungen
Finden Sie
Heute können Sie aus 359 Veranstaltungsterminen auswählen
StZ ePaper
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten
Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.
Abonnement-Prämien
Werben Sie einen Freund als Abonnent der Stuttgarter Zeitung.
Für jede Empfehlung erhalten Sie eine Prämie aus unserem Shop.








