Der Ghostwriter
Der Premierminister hat Leichen im Keller
Tim Schleider, veröffentlicht am 18.02.2010
Filmbeschreibung
Ja doch, gleich erzählen wir was über den neuen Film von Roman Polanski, der auf der Berlinale im Wettbewerb läuft, gestern Premiere hatte und über den alle so wahnsinnig aufgeregt sind, weil der Regisseur seit September in Quasiauslieferungshaft in der Schweiz sitzt und womöglich irgendwann demnächst in Amerika vor Gericht stehen und ins Gefängnis wandern wird. Was ja alles wirklich nicht lustig ist.
Zunächst aber möchten wir hier einen ganz anderen Künstler per Filmzitat zu Wort kommen lassen: "My name is Khan and I am not a terrorist", zu Deutsch: Ich heiße Khan und ich bin kein Terrorist. Nicht über den Polanski-Film herrschte nämlich gestern in Berlin helle Aufregung, sondern auch über den indischen Bollywood-Superstar Shah Rukh Khan. Was der beinahe drei Stunden lang unter dem Motto "My Name is Khan" und unter der Regie des indischen Regisseurs Karan Johar ablieferte, ist wirklich so ziemlich das Unglaublichste, was wir in jünger Zeit auf einer Kinoleinwand gesehen haben: Bollywoods patschulisüße Abrechnung mit George W. Bush.
Aber kann man mit den Mitteln und in der Logik des indischen Bollywood-Musicals einen Film drehen, der von den Anfeindungen und der Diskriminierung der Muslime in den USA nach dem 11. September 2001 erzählt? Also mit Musik, Gesang, Liebesschmalz, Herzschmerz, Drama, Tanz, schönen Menschen und einer Landschaft nebst passenden Wohungseinrichtungen, die beinahe durchweg in perfekt zuckersüßen Bonbonfarben erstrahlen? Nur Karan Johar und sein Star Shah Rukh Khan können das. Sie lassen auch den Bollywood-ungeübten mitteleuropäischen Zuschauer zum Schluss mit dem Gefühl zurück: eigentlich ist dieses ganze Werk komplett gegen den aufrecht-kritischen abendländischen Geschmack, aber klasse ist es trotzdem.
Denn Khan spielt hier ja nicht einfach nur einen aus Indien eingewanderten Muslim, der sich in San Francisco in eine bildhübische Hindu-Inderin verliebt. Das wäre ja einfach. Nein, er spielt einen schwer behinderten aus Indien eingewanderten Muslim, der die ganze Zeit stottert, mit dem Kopf wackelt und beim Reden das Gesicht schief hält, und dem es trotzdem gelingt, in San Francisco die Liebe besagter bildhübscher Hindu-Inderin zu gewinnen. Khan macht das so durchweg gut, ohne einen Anflug der Verharmlosung, aber auch ohne jede Spur der Überdramatisierung, dass wir darauf wetten wollen, dass er kommendes Jahr um diese Zeit für diese Leistung mit einer Oscarnominierung belohnt wird.
Wie gesagt, was hier alles geboten wird an zeithistorischen Zitaten von Nine Eleven über Afghanistan- und Irakeinsätze und den Wirbelsturm Katrina bis hin zur Wahl eines gewissen Barack Obama (dem Khan zum Schluss tatsächlich persönlich mitteilen kann, wie er heißt und dass er trotzdem kein Terrorist ist), das ist manchmal zu Tränen rührend und manchmal zum Haareraufen. Aber es ist ganz offenbar authentischer Ausdruck des innigen Wunsches aller an diesem Werk Beteiligten nach einer Welt, in der ein Mensch nicht einfach nur nach seiner Religion beurteilt wird. Es ist ein einziges großes Kinomärchen. Die Kritiker werden es verachten. Das Popcornpublikum (besonders das weibliche) wird es lieben.
Und damit endlich zu Roman Polanskis jüngstem Film "The Ghostwriter", den wir nun allesamt schön einträchtig lieben können, weil nicht nur große Stars wie Ewan McGregor, Kim Cattrall und Pierce Brosnan die Hauptrollen spielen, sondern der auch formal eine Wucht ist. Polanski liefert hier den reinsten, den klarsten und mit Verlaub auch den spannendsten Politthriller seit langer, langer Zeit. Ohne Mätzchen. Ohne Pyrotechnik. Ganz à la Hitchcock.
Ewan McGregor spielt einen jungen, etwas naiven Autor, der vom Verlag als Ghostwriter zum britischen Expremierminister in dessen Inselferienhaus beordert wird. In vier Wochen sollen die politischen Memoiren auf den Markt, McGregors Vorgänger ist über dieser Aufgabe leider tragisch verstorben. Doch aus dem lukrativen Job wird eine Geisterbahnfahrt. Denn nicht nur, dass plötzlich Demonstranten das Anwesen belagern, weil der Expremier während des Irakkriegs offenbar britische Staatsbürger foltern ließ. Nein, es wird auch klar, dass der Exghostwriter höchst unfreiwillig in den Tod gegangen zu sein scheint.
Wie der junge, markante "Ghost" nun Puzzleteilchen für Puzzleteilchen zusammensetzt, wie er in den wachsenden Beziehungskrieg zwischen Tony und Cherie, oh pardon: zwischen Adam (Pierce Brosnan) und Amelia (Kim Cattrall) gerät, wie die britische Geschichte der vergangenen zwanzig, dreißig Jahre plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheint und wie es zum Schluss dann auch noch eine bitterböse Pointe gibt, das rehabilitiert für viele Beobachter vielleicht nicht den Menschen Polanski, aber das unterstreicht dreimal ganz fett seine herausragende Bedeutung als Filmregisseur.
Von den Details der Handlung sei hier nichts verraten, denn der von den Filmstudios Babelsberg koproduzierte Thriller kommt ja schon am Donnerstag in die Kinos und soll da ungetrübte Freude hervorrufen. Nur dies noch: wenn wir britischer Expremierminister wären, dann würden wir uns über diesen Film ganz schön ärgern. Andererseits: jene Stelle im "Ghostwriter", da der Expremier vor laufenden Kameras bekundet, bestimmt keinen Grund zur Reue zu haben, erinnert derart stark an den jüngsten Auftritt des britischen Expremiers Adam, oh, pardon: Tony Blair vor dem Irak-Untersuchungsausschuss, dass die unmittelbar Angesprochenen vielleicht sogar noch stolz sind?
Zwei weitere gute Filme zum Berlinale-Auftakt. Nicht schlecht, Herr Kosslick. Dabei haben wir noch gar nichts erzählt von der amerikanischen Dokufiktion "Howl", einem äußerst anregenden Neunzigminüter, mit dem Robert Epstein und Jeffrey Friedman vom Kampf des Beatnik-Dichters Allen Ginsberg mittels schöner, ja schweinischer Verse gegen die US-Kaltkriegsgesellschaft erzählen. Und mit dem sie ihr Langzeitprojekt zur Aufarbeitung schwuler Kulturgeschichte fortsetzen. War auch gut.
Es ist eiskalt in Berlin, aber mit solchen Filmen wird uns gleich warm ums Herz. Das Kino als politisch-ästhetische Zeitansage gerade auch im Mainstream. Da zittern und glitschen wir gern zum nächsten Termin. Und übrigens: My name is Schleider and I am not a terrorist.
Zunächst aber möchten wir hier einen ganz anderen Künstler per Filmzitat zu Wort kommen lassen: "My name is Khan and I am not a terrorist", zu Deutsch: Ich heiße Khan und ich bin kein Terrorist. Nicht über den Polanski-Film herrschte nämlich gestern in Berlin helle Aufregung, sondern auch über den indischen Bollywood-Superstar Shah Rukh Khan. Was der beinahe drei Stunden lang unter dem Motto "My Name is Khan" und unter der Regie des indischen Regisseurs Karan Johar ablieferte, ist wirklich so ziemlich das Unglaublichste, was wir in jünger Zeit auf einer Kinoleinwand gesehen haben: Bollywoods patschulisüße Abrechnung mit George W. Bush.
Aber kann man mit den Mitteln und in der Logik des indischen Bollywood-Musicals einen Film drehen, der von den Anfeindungen und der Diskriminierung der Muslime in den USA nach dem 11. September 2001 erzählt? Also mit Musik, Gesang, Liebesschmalz, Herzschmerz, Drama, Tanz, schönen Menschen und einer Landschaft nebst passenden Wohungseinrichtungen, die beinahe durchweg in perfekt zuckersüßen Bonbonfarben erstrahlen? Nur Karan Johar und sein Star Shah Rukh Khan können das. Sie lassen auch den Bollywood-ungeübten mitteleuropäischen Zuschauer zum Schluss mit dem Gefühl zurück: eigentlich ist dieses ganze Werk komplett gegen den aufrecht-kritischen abendländischen Geschmack, aber klasse ist es trotzdem.
Denn Khan spielt hier ja nicht einfach nur einen aus Indien eingewanderten Muslim, der sich in San Francisco in eine bildhübische Hindu-Inderin verliebt. Das wäre ja einfach. Nein, er spielt einen schwer behinderten aus Indien eingewanderten Muslim, der die ganze Zeit stottert, mit dem Kopf wackelt und beim Reden das Gesicht schief hält, und dem es trotzdem gelingt, in San Francisco die Liebe besagter bildhübscher Hindu-Inderin zu gewinnen. Khan macht das so durchweg gut, ohne einen Anflug der Verharmlosung, aber auch ohne jede Spur der Überdramatisierung, dass wir darauf wetten wollen, dass er kommendes Jahr um diese Zeit für diese Leistung mit einer Oscarnominierung belohnt wird.
Wie gesagt, was hier alles geboten wird an zeithistorischen Zitaten von Nine Eleven über Afghanistan- und Irakeinsätze und den Wirbelsturm Katrina bis hin zur Wahl eines gewissen Barack Obama (dem Khan zum Schluss tatsächlich persönlich mitteilen kann, wie er heißt und dass er trotzdem kein Terrorist ist), das ist manchmal zu Tränen rührend und manchmal zum Haareraufen. Aber es ist ganz offenbar authentischer Ausdruck des innigen Wunsches aller an diesem Werk Beteiligten nach einer Welt, in der ein Mensch nicht einfach nur nach seiner Religion beurteilt wird. Es ist ein einziges großes Kinomärchen. Die Kritiker werden es verachten. Das Popcornpublikum (besonders das weibliche) wird es lieben.
Und damit endlich zu Roman Polanskis jüngstem Film "The Ghostwriter", den wir nun allesamt schön einträchtig lieben können, weil nicht nur große Stars wie Ewan McGregor, Kim Cattrall und Pierce Brosnan die Hauptrollen spielen, sondern der auch formal eine Wucht ist. Polanski liefert hier den reinsten, den klarsten und mit Verlaub auch den spannendsten Politthriller seit langer, langer Zeit. Ohne Mätzchen. Ohne Pyrotechnik. Ganz à la Hitchcock.
Ewan McGregor spielt einen jungen, etwas naiven Autor, der vom Verlag als Ghostwriter zum britischen Expremierminister in dessen Inselferienhaus beordert wird. In vier Wochen sollen die politischen Memoiren auf den Markt, McGregors Vorgänger ist über dieser Aufgabe leider tragisch verstorben. Doch aus dem lukrativen Job wird eine Geisterbahnfahrt. Denn nicht nur, dass plötzlich Demonstranten das Anwesen belagern, weil der Expremier während des Irakkriegs offenbar britische Staatsbürger foltern ließ. Nein, es wird auch klar, dass der Exghostwriter höchst unfreiwillig in den Tod gegangen zu sein scheint.
Wie der junge, markante "Ghost" nun Puzzleteilchen für Puzzleteilchen zusammensetzt, wie er in den wachsenden Beziehungskrieg zwischen Tony und Cherie, oh pardon: zwischen Adam (Pierce Brosnan) und Amelia (Kim Cattrall) gerät, wie die britische Geschichte der vergangenen zwanzig, dreißig Jahre plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheint und wie es zum Schluss dann auch noch eine bitterböse Pointe gibt, das rehabilitiert für viele Beobachter vielleicht nicht den Menschen Polanski, aber das unterstreicht dreimal ganz fett seine herausragende Bedeutung als Filmregisseur.
Von den Details der Handlung sei hier nichts verraten, denn der von den Filmstudios Babelsberg koproduzierte Thriller kommt ja schon am Donnerstag in die Kinos und soll da ungetrübte Freude hervorrufen. Nur dies noch: wenn wir britischer Expremierminister wären, dann würden wir uns über diesen Film ganz schön ärgern. Andererseits: jene Stelle im "Ghostwriter", da der Expremier vor laufenden Kameras bekundet, bestimmt keinen Grund zur Reue zu haben, erinnert derart stark an den jüngsten Auftritt des britischen Expremiers Adam, oh, pardon: Tony Blair vor dem Irak-Untersuchungsausschuss, dass die unmittelbar Angesprochenen vielleicht sogar noch stolz sind?
Zwei weitere gute Filme zum Berlinale-Auftakt. Nicht schlecht, Herr Kosslick. Dabei haben wir noch gar nichts erzählt von der amerikanischen Dokufiktion "Howl", einem äußerst anregenden Neunzigminüter, mit dem Robert Epstein und Jeffrey Friedman vom Kampf des Beatnik-Dichters Allen Ginsberg mittels schöner, ja schweinischer Verse gegen die US-Kaltkriegsgesellschaft erzählen. Und mit dem sie ihr Langzeitprojekt zur Aufarbeitung schwuler Kulturgeschichte fortsetzen. War auch gut.
Es ist eiskalt in Berlin, aber mit solchen Filmen wird uns gleich warm ums Herz. Das Kino als politisch-ästhetische Zeitansage gerade auch im Mainstream. Da zittern und glitschen wir gern zum nächsten Termin. Und übrigens: My name is Schleider and I am not a terrorist.
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