In meinem Himmel

Das alte Dasein wird es nie mehr geben

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 18.02.2010
Filmbeschreibung
Die Leichen kommen frei Haus. Jeden Abend werden sie von fast allen Fernsehsendern in unsere Wohnzimmer geschoben, Mordopfer um Mordopfer, ein Überangebot des Grauens. Die Inflation der Geschundenen senkt den Wert des Verbrechens an sich. Ein Mord ist gar nichts, er muss schon besonders grausam sein, oder besser noch: das Katz-und-Mausspiel eines perversen Täters mit seinem verängstigten Opfer besonders perfide hingezogen werden, damit wir das Ganze noch zur Kenntnis nehmen. Opfer, Täter, Folterqualen, Schindereien, sexuelle Gewalt und seelischer Missbrauch, Angst, Panik und Schmerz werden allmählich bloße Tapetenmuster im Spielzimmer unserer Fantasie. Auf diesen Prozess reagiert Peter Jacksons Film "In meinem Himmel", ein Krimi, aber was für einer.

Erzählt wird "The lovely Bones", so der Originaltitel, von einem Mordopfer. Nicht auf die Tat hin, so dass der Film mit dem Verstummen der Erzählerin enden könnte, sondern nach dem Verbrechen. Die 14-jährige Susie (die großartig spielende Saoirse Ronan), die in einer idyllischen Ecke Pennsylvanias gelebt hat, in einer Gegend, in der man den Nachbarn noch nach Zucker fragen könnte und dessen Haustür vielleicht nicht einmal abgeschlossen wäre - sie ist schon tot, als sie zu uns zu sprechen beginnt, vergewaltigt und ermordet.

Ein Toter als Erzähler ist kein ganz neuer Kniff. Aber bei Jackson stellt sich nicht das Gefühl von Untergenre und Mustervariation ein. Schon deshalb nicht, weil Susie eben nicht aus einem unbestimmten Jenseits heraus einzig über das Irdische redet. Jackson thematisiert das Gespensterleben des Mordopfers. Er zeigt uns ein Zwischenreich, halb unberührbar gewordene alte Wirklichkeit, halb wuchernde Fantasie. Die Verunsicherung in diesem Schattenreich, die Isolation, die Verlorenheit sind wirkungsvoller als noch so dramatische Bilder einer Leiche. Susie kann ihre Eltern (Rachel Weisz, Mark Wahlberg) noch erahnen, aber nie mehr kontaktieren. In Jacksons Film werden Schmerz und Anklage wieder spürbar: Was, fragen Susie und die Hinterbliebenen, wurde uns da angetan? Warum? Und was wäre jetzt Gerechtigkeit, wo doch eine Wiederherstellung des alten gemeinsamen Lebens für immer ausgeschlossen ist?

Susie zeigt uns, was geschehen ist. Und wir sehen wirklich wieder hin. Der Mörder plant und tüftelt. Er ist kein impulsives Augenblicksmonster, von den eigenen Trieben plötzlich hingerissen. Er beobachtet Susie. Und er gräbt eine Falle für sie wie ein Jäger für ein Tier, draußen auf dem Feld. Ein Erdbunker entsteht hier, bretterverschalt, nicht weit vom Schulweg der Kinder, ausgestattet wie ein archetypisches Rasselbandenhauptquartier, ein Kindercliquenversteck, ein Baumhaus, das sich in der Richtung geirrt hat. Wenn die Kamera oben steht, auf dem Feld, sieht man von unten hinauf die Lichter im Versteck leuchten, aber das wirkt eben nicht putzig, sondern so, als sei hier zwischen Hölle und Erde die Trennschicht viel zu dünn geworden.

Der Neuseeländer Peter Jackson hat mit Horrorfilmen begonnen, mit selbst gemachter Grusel- und Metzelgaudi wie "Bad Taste" (1987), mit dem Versuch eines Fans ohne viel Geld, die Illusionsmaschine der anderen, die Geld hatten, zu übertrumpfen und ironisch auszuhebeln. Später, als Jacksons Talent sich herumgesprochen hatte, wurde er selbst ein Spezialist für superteure Illusionsmaschinen wie die "Herr der Ringe"-Trilogie und "King Kong", weil diese bei ihm unter all ihren Effekten und Kulissen noch ein Herz bewahrten. Aber 1994 hat Jackson seinen ungewöhnlichsten, stilsichersten Film gedreht, "Heavenly Creatures", auch das eine Geschichte um ein Verbrechen, junge Mädchen, Fantasiewelten und Grenzübertritte.

"In meinem Himmel" knüpft mit seiner Sensibilität und Neugier direkt an "Heavenly Creatures" an. Jackson und der Kameramann Andrew Lesnie malen Bilder, die halb dem Horrorfilm und halb der Kinderbuchillustration angehören und die stets nur ein Ziel verfolgen: uns das Ungeheuerliche eines Mordes wieder begreifen zu lassen, das Einmalige, das Unkorrigierbare. Dieser Film rettet eine oft wegrutschende Erkenntnis: dass es jenseits des Krimispiels nicht um Täter und nicht um Polizisten, sondern um die Opfer geht.
 
Mehr StZ Filmkritiken

Alle Artikel anzeigen
Anzeigen

Was möchten Sie unternehmen?
Wann möchten Sie etwas unternehmen?
vorheriger Monat
Monat
kommender Monat
Heute Morgen Akt. Woche
MODIMIDOFRSASO
0123456
0123456
0123456
0123456
0123456
0123456
Aktuelle Videos


Sie suchen eine neues Zuhause?

Wir haben Sie alle! Mieten oder kaufen, Wohnung oder Haus. In Baden-Württembergs bedeutendstem Immobilienmarkt finden Sie Angebote aus Stuttgart, der Region und dem Rest der Republik.
zur Immobiliensuche
StZ digital
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten

Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.
Trailer oder Video auf filmstarts.de