Invictus - Unbezwungen
Südafrika, ein Sommermärchen
Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 18.02.2010
Filmbeschreibung
Die Sicherheitszentrale von Nelson Mandela ist ein besserer Wandschrank. Aber dieses kleine Zimmer steht symbolisch für die große Improvisation, die mit dem Amtsantritt des jahrzehntelang vom Apartheidsregime in Haft Gehaltenen als Präsident Südafrikas 1994 einhergeht. Clint Eastwoods Spielfilm "Invictus - Unbezwungen" zeigt uns früh, wie ein paar schwarze Leibwächter, Sicherheitsexperten des African National Congress (ANC), die ihr ganzes bisheriges Leben in der Illegalität gearbeitet haben, sich in diesem Büro einrichten wollen. Und wie ihnen plötzlich bullige, herrische Weiße gegenüberstehen, auf ganz engem Raum.
Diese amtlich finster und aggressiv selbstsicher auftretenden Typen sind ihre neuen Kollegen, die alten Sicherheitsexperten der weißen Präsidenten Botha und De Klerk. Die weißen Leibwächter sind Teil der Special Branch, jener Polizeieinheit also, die für Verschleppung, Folter und Ermordung von ANC-Angehörigen verantwortlich war. In dieser Szene auf engem Raum erzählt Eastwood pars pro toto von den Problemen des neuen Südafrika, von der Last der Apartheidsjahrzehnte. Pars pro toto, ein Teil also, der für das Ganze steht, das ist überhaupt das Erzählprinzip von "Invictus".
Der Amerikaner Eastwood erzählt vom Versuch der Versöhnung in einem Land, in dem viele mit dem Ende der weißen Minderheitenherrschaft die Zeit der Rache für gekommen hielten. Der Schauspieler Morgang Freeman spielt den damals 76-jährigen Nelson Mandela so würdevoll und überzeugend, dass Eastwood beliebige Szenen aus dem Alltag des ersten Nach-Apartheids-Präsidenten aneinanderreihen könnte und immer noch einen faszinierenden Film hätte. Unsere Altvorderen glaubten einst, ein Mensch könne seine Kraft, sein Glück, seine Weisheit im Akt des Segnens auf einen anderen Menschen übertragen. Solch ein Gläubiger würde aus "Invictus" wohl den Schluss ziehen, Nelson Mandela habe Morgan Freeman gesegnet.
Aber Eastwood verlässt sich nicht auf das Charisma seines Hauptdarstellers. Er verknappt Mandelas Versöhnungspolitik griffig auf eine besonders unerwartete Anstrengung, auf den Versuch, die Rugby-Nationalmannschaft, die Springboks, zum Anstoßgeber des Zusammenrückens zu machen. 1994, als der Film beginnt, ist Rugby der Vorzeigesport der weißen Oberschicht. Ein einziger schwarzer Spieler gehört zum Nationalteam. Bislang haben die Schwarzen bei Rugby-Turnieren stets für den Gegner gejubelt. Für die Rugby-Weltmeisterschaft 1995 erwarten alle Sportexperten zweierlei: die Fortsetzung der Rassentrennung auf der Fantribüne und ein frühes Ausscheiden der schwachen Springboks.
Eastwood erzählt, wie Mandela auf eine Mannschaft zugeht, deren Mitglieder ihn verachten. Wie er den Mannschaftskapitän Francois Pienaar (Matt Damon) und nach und nach die anderen für sein Projekt gewinnt, eine Mannschaft für das ganze Land zu werden und das Turnier so lange wie möglich durchzuhalten, als Symbol für die Kraft des neuen Südafrika. Und wie er damit zunächst auf Unverständnis bei den Schwarzen stößt.
"Invictus" verbindet Elemente des zwangsoptimistischen Sportfilms und des blauäugigen Politdramas, aber seine Naivität hat nichts routiniert Überzuckertes, sondern etwas durch und durch Idealistisches. Eastwood schildert Etappe um Etappe der Rugby-Meisterschaft. Aber die allmähliche Verwirklichung von Mandelas Vision erscheint eben nicht als schlichter Triumph von Knochen, Muskeln, Taktik und Schläue. Eastwood zeigt eine besondere Form der Selbstüberwindung: die Vergebung als Arbeit, die Verzeihung als zu bewältigende Mühsal, das Handausstrecken im vollen Bewusstsein dessen, was die Hand des Gegenüber alles getan hat.
Ein sportliches Großereignis, das eine ganze Nation anrührt, war auch das Thema von Sönke Wortmanns Fußball-WM-Dokumentation "Deutschland - Ein Sommermärchen". Der Vergleich der Filme und Ereignisse ist erhellend. In Deutschland diente die WM auch der Entpolitisierung einer Gesellschaft, die sich mit einem falschen Wir-Gefühl über reale Konflikte hinwegtrösten durfte. In Südafrika polte Mandela einen immer schon politisierten Sport radikal um und ließ einen Vorgeschmack jenes Wir-Gefühls entstehen, das realpolitische Spalter auf allen Seiten für unmöglich erklärt hatten. Wortmanns Film zeigt das Volk als Jubelkulisse der Helden. Eastwood schaut auf die Menschen im Stadion im Bewusstsein, dass es um sie geht.
Diese amtlich finster und aggressiv selbstsicher auftretenden Typen sind ihre neuen Kollegen, die alten Sicherheitsexperten der weißen Präsidenten Botha und De Klerk. Die weißen Leibwächter sind Teil der Special Branch, jener Polizeieinheit also, die für Verschleppung, Folter und Ermordung von ANC-Angehörigen verantwortlich war. In dieser Szene auf engem Raum erzählt Eastwood pars pro toto von den Problemen des neuen Südafrika, von der Last der Apartheidsjahrzehnte. Pars pro toto, ein Teil also, der für das Ganze steht, das ist überhaupt das Erzählprinzip von "Invictus".
Der Amerikaner Eastwood erzählt vom Versuch der Versöhnung in einem Land, in dem viele mit dem Ende der weißen Minderheitenherrschaft die Zeit der Rache für gekommen hielten. Der Schauspieler Morgang Freeman spielt den damals 76-jährigen Nelson Mandela so würdevoll und überzeugend, dass Eastwood beliebige Szenen aus dem Alltag des ersten Nach-Apartheids-Präsidenten aneinanderreihen könnte und immer noch einen faszinierenden Film hätte. Unsere Altvorderen glaubten einst, ein Mensch könne seine Kraft, sein Glück, seine Weisheit im Akt des Segnens auf einen anderen Menschen übertragen. Solch ein Gläubiger würde aus "Invictus" wohl den Schluss ziehen, Nelson Mandela habe Morgan Freeman gesegnet.
Aber Eastwood verlässt sich nicht auf das Charisma seines Hauptdarstellers. Er verknappt Mandelas Versöhnungspolitik griffig auf eine besonders unerwartete Anstrengung, auf den Versuch, die Rugby-Nationalmannschaft, die Springboks, zum Anstoßgeber des Zusammenrückens zu machen. 1994, als der Film beginnt, ist Rugby der Vorzeigesport der weißen Oberschicht. Ein einziger schwarzer Spieler gehört zum Nationalteam. Bislang haben die Schwarzen bei Rugby-Turnieren stets für den Gegner gejubelt. Für die Rugby-Weltmeisterschaft 1995 erwarten alle Sportexperten zweierlei: die Fortsetzung der Rassentrennung auf der Fantribüne und ein frühes Ausscheiden der schwachen Springboks.
Eastwood erzählt, wie Mandela auf eine Mannschaft zugeht, deren Mitglieder ihn verachten. Wie er den Mannschaftskapitän Francois Pienaar (Matt Damon) und nach und nach die anderen für sein Projekt gewinnt, eine Mannschaft für das ganze Land zu werden und das Turnier so lange wie möglich durchzuhalten, als Symbol für die Kraft des neuen Südafrika. Und wie er damit zunächst auf Unverständnis bei den Schwarzen stößt.
"Invictus" verbindet Elemente des zwangsoptimistischen Sportfilms und des blauäugigen Politdramas, aber seine Naivität hat nichts routiniert Überzuckertes, sondern etwas durch und durch Idealistisches. Eastwood schildert Etappe um Etappe der Rugby-Meisterschaft. Aber die allmähliche Verwirklichung von Mandelas Vision erscheint eben nicht als schlichter Triumph von Knochen, Muskeln, Taktik und Schläue. Eastwood zeigt eine besondere Form der Selbstüberwindung: die Vergebung als Arbeit, die Verzeihung als zu bewältigende Mühsal, das Handausstrecken im vollen Bewusstsein dessen, was die Hand des Gegenüber alles getan hat.
Ein sportliches Großereignis, das eine ganze Nation anrührt, war auch das Thema von Sönke Wortmanns Fußball-WM-Dokumentation "Deutschland - Ein Sommermärchen". Der Vergleich der Filme und Ereignisse ist erhellend. In Deutschland diente die WM auch der Entpolitisierung einer Gesellschaft, die sich mit einem falschen Wir-Gefühl über reale Konflikte hinwegtrösten durfte. In Südafrika polte Mandela einen immer schon politisierten Sport radikal um und ließ einen Vorgeschmack jenes Wir-Gefühls entstehen, das realpolitische Spalter auf allen Seiten für unmöglich erklärt hatten. Wortmanns Film zeigt das Volk als Jubelkulisse der Helden. Eastwood schaut auf die Menschen im Stadion im Bewusstsein, dass es um sie geht.
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