Berufsbegleitendes Teilzeit-Studium

Pioniere der neuen Ingenieurausbildung

StZ/StN, veröffentlicht am 23.02.2010
Foto: Ilg

Später Samstagnachmittag: Im Hörsaal 0121 an der Hochschule Aalen referiert Prof. Bernd Schröder über Grundlagen der Werkstoffkunde. 45 Tonnen pro Kopf und Jahr verbrauchen die Deutschen an Rohstoffen, hören die Studenten. "Diesen Verbrauch zu verringern, um die knappen Ressourcen zu schonen und die Kosten zu senken, ist eine typische Aufgabe für einen Ingenieur", sagt Schröder - und entfacht eine Diskussion. Einer der Studenten erzählt, wie bei seinem Arbeitgeber mittels Recycling Rohstoffe zurückgewonnen werden. Ein anderer berichtet von einem neuen Produktionsverfahren in seiner Firma, das deutlich weniger Material verbraucht als zuvor. "Jeder aus der Gruppe hat ein fachliches Detailwissen, davon profitieren wir Professoren und die Studenten zugleich. Was ihnen fehlt, ist die Theorie." Die wird den angehenden Ingenieuren in den kommenden vier Jahren beigebracht, dienstagabends, freitagnachmittags und samstags, parallel zum Beruf. "Es ist eine unglaubliche Zumutung, was die jungen Leute sich auferlegen, und beeindruckend. Ich ziehe meinen Hut", sagt Schröder dazu.

Die Hochschule Aalen ist die erste staatliche Hochschule in Baden-Württemberg, wahrscheinlich sogar deutschlandweit, die einen berufsbegleitenden Studiengang zum Ingenieur mit Bachelor-Abschluss anbietet. Von den 25 eingeschriebenen Studenten haben jeweils zu einem Drittel eine rein schulische Hochschulzugangsberechtigung, die anderen sind Meister oder Techniker. Im Jahr 2007 wurde die Hochschulzugangsberechtigung auf Praktiker ausgeweitet. "Mit dem Projekt machen wir ein Angebot für eine Zielgruppe, die bisher leer ausging", sagt Dr. Ulrich Schmitt, Studiendekan der beiden Studiengänge Maschinenbau und Mechatronik. Inhaltlich unterscheidet sich das Studium nicht von den Regelstudiengängen. "Wir wollen schließlich keine Zwei-Klassen-Bachelor-Gesellschaft schaffen, sondern den großen Bedarf nach Ingenieuren in der Wirtschaft stillen." Schmitt geht sogar davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit auf einen erfolgreichen Abschluss bei den Teilzeitstudenten höher ist als bei ihren Vollzeitkommilitonen, "weil die Praktiker ganz genau wissen, was sie wollen und warum sie sich den großen Stress antun".

Der Weg dieser Studenten ist aber auch richtungweisend für unser Bildungssystem, das sich entfernt vom gängigen Modell der Erstausbildung mit gelegentlichen Fortbildungskursen. "Wir müssen den Blick in Richtung lebenslanges Lernen richten und nicht mehr auf eine getrennte Aus- und Weiterbildung", fordert Michaela Knust, Direktorin am Center für lebenslanges Lernen an der Universität Oldenburg. Der Lebenslauf von Markus Hopf, einem aus der Aalener Studenten-Gruppe, steht exemplarisch dafür: von der Real- auf die Hauptschule, dann mittlere Reife nachgeholt, Lehre als Industrieelektroniker, nebenberuflich zum Techniker in der Elektrotechnik und nun schon seit 17 Jahren bei Bosch Siemens in der Hausgerätesparte in Giengen beschäftigt. Der 35-Jährige konstruiert elektrische Komponenten für Kühlschränke. "Als Techniker habe ich keine Chance weiter aufzusteigen, auch nicht finanziell." Deshalb will er Ingenieur werden.

Für Jonas Fröhlich, 25 Jahre, nach der Hauptschule eine Werkzeugmechanikerlehre abgeschlossen, dann nebenberuflich zum Meister weitergebildet, ist die Sicherheit um den Arbeitsplatz ein weiterer Aspekt. "Einem Facharbeiter oder Meister wird eher gekündigt als einem Ingenieur." Wissenschaftliche Studien vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg belegen: je höher die Qualifikation, desto geringer die Gefahr individueller Arbeitslosigkeit. Beide, Hopf und Fröhlich, wurden von ihrem Arbeitgeber auf die Möglichkeit der Weiterbildung zum Ingenieur angesprochen, und beide werden bei der Arbeitszeitgestaltung sowie finanziell unterstützt. Schließlich sind für die Ausbildung rund 20.000 Euro fällig. Im Vergleich dazu: Vollzeitstudenten zahlen für sechs Semester etwa 3000 Euro.

"Wir verstehen uns schon als zahlende Kunden und versuchen deshalb Einfluss auf das Angebot zu nehmen", spricht Hopf für die Gruppe. Im ersten Semester hätte Mathematik und Physik gelesen werden sollen. Doch weil in der Physik vieles aus der Mathematik vorausgesetzt wird, wurde der Vorlesungsplan kurzerhand umgestellt und die Physik durch Werkstoffkunde ersetzt. Wenn die Studenten die Grundlagen der Mathematik gelernt haben, erst dann kommt die Physik wieder auf den Plan.

Stark sind die Studenten vor allem in praktischen Fächern, Defizite gibt es in den Naturwissenschaften, darüber herrscht bei den Professoren wie auch bei ihnen selbst Einstimmigkeit. Durch Büffeln wollen die Teilnehmer das aufholen. Neben der Arbeit und den Vorlesungen kommt Hopf auf etwa fünf bis sechs Stunden pro Woche Vor- und Nachbereitungszeit. Freizeit hat er so gut wie keine mehr.

Solche Lebensphasen werden zunehmend auch andere zu bewältigen haben. Denn die Umstellung der Diplom- auf Bachelor- und Master-Abschlüsse fördert die Verzahnung zwischen Berufstätigkeit und akademischer Bildung. Im angelsächsischen Raum, aus dem das Bachelor-Master-Modell stammt, erwerben die Hälfte ihren Master-Abschluss berufsbegleitend.

"Der Bedarf an berufsbegleitenden Studiengängen zum Ingenieur ist da, und Aalen hat als erste Hochschule die Hand gehoben. Wir sind in das Projekt eingebunden und achten sehr darauf, dass das Niveau dem der normalen grundständigen Studiengänge entspricht", sagt Dr. Achim Bubenzer, Rektor der Hochschule Ulm und zugleich Vorsitzender der Rektorenkonferenz an Fachhochschulen in Baden-Württemberg. Das Modell Aalen gilt als Blaupause in Hochschulkreisen. "Und wenn es gut läuft, wird es von anderen Hochschulen übernommen werden", prognostiziert Bubenzer.

Insgesamt etwa 140 Studenten haben zum Wintersemester 2009/2010 in Aalen ein Studium des Maschinenbaus oder der Mechatronik begonnen. 25 davon berufsbegleitend. Und wenn es bei denen gut läuft, gibt es in vier Jahren vielleicht 15 oder 17 Ingenieure mehr, die es vor diesem Angebot nicht gegeben hätte - Ingenieure, die Deutschland dringend braucht. Die drei Frauen und 22 Männer sind die Pioniere der neuen Ingenieurausbildung.
 

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