Shutter Island
Wohin nur mit unseren bösen Träumen?
Tim Schleider, veröffentlicht am 25.02.2010
Filmbeschreibung
Das Erste, was Leonardo DiCaprio in diesem Film als Schauspieler leisten muss, ist spucken. Auf der Schiffsüberfahrt nach Shutter Island hängt sein US-Marshall Teddy Daniels kläglich über der Bordtoilette. Der Seegang beutelt den Polizeibeamten schwer, immer neue Würgewellen lassen ihn erzittern. Der Zuschauer ahnt sofort: Dieser Mann ist nicht immer Herr seiner Sinne - und das gilt in den folgenden zwei Stunden erst recht auch für den Zuschauer selbst.
Was zweifellos zu den Vorzügen des Regisseurs Martin Scorsese gehört, ist seine Unberechenbarkeit. Ob Thriller, Musikfilm, Biopic, Dokumentation, Kostümepos oder Psychodrama: souverän spielt der inzwischen 67-Jährige mit Genres und Stilen, erzählt bei allen Zitaten und Querverweisen doch jede Geschichte ganz für sich, wie neu und in aller Endgültigkeit. Mit "Shutter Island", seinem jüngsten Werk, zieht er den Zuschauer nun geradezu gnadenlos in die Welt des Gruselfilms, des Horrors. Und er spart weder an Licht noch Schatten, weder an Stille noch an ohrenbetäubender Musik, um dem Zuschauer zu signalisieren, wie abschüssig die Erlebnisbahn ist, auf die er sich hier begeben hat.
Der Zuschauer erkennt das Amerika der fünfziger Jahre. Die beiden US-Marshals Teddy Daniels und Chuck Aule (Mark Ruffalo) sind auf die Gefängnisinsel Shutter Island beordert worden, um dort das Verschwinden einer Kindsmörderin aufzuklären. Auf Shutter Island sind, fern jeder Zivilisation, die Gefährlichsten der Gefährlichen inhaftiert, die Psychopathen unter den Verbrechern. Nur an einer einzigen Küstenstelle ist die Insel zu betreten, die Anlage selbst ist von riesigen Mauern umgeben, die Gebäude sind vielfach gesichert, einige von ihnen selbst für das Wachpersonal nie zu betreten. Als die Polizisten endlich angekommen sind und ordnungsgemäß ihre Waffen bei der Anstaltsleitung abgegeben haben, ahnt man, dass es bald weniger um die Frage gehen wird, wie von hier allen Ernstes eine Kindsmörderin verschwinden konnte, sondern mehr darum, ob Daniels je wieder aufs Festland gelangt.
Das Spiel mit den Ahnungen und mit den Gewissheiten - das ist Scorseses großes Thema in diesem Film. Der Zuschauer weiß recht früh, dass Marshal Daniels einst als US-Soldat in Deutschland an der Befreiung eines KZ beteiligt war. Er weiß auch, dass Daniels vor kurzem Frau und Kinder tragisch verloren hat. Er ahnt zudem, dass Daniels nach Shutter Island, an diesen Ort der übergroßen Schuld, selbst ein gehörig großes Päckchen an Schuldgefühlen mitgebracht hat, an rationalen wie an irrationalen. Doch verführt durch Scorseses Kunst, uns all diese Ebenen der Geschichte mit Bildern von opernhafter Opulenz vorzuführen, versäumt der Zuschauer es leicht, darüber nachzudenken, was genau er da zu sehen bekommt: Waren es Träume? Rückblenden? Wahnvorstellungen? Visionen? Wünsche? Und schon ist die Rechnung des Regisseurs aufgegangen.
Von den Details der Ermittlung, von den widrigen Wetterumständen, vom Kampf der Polizisten gegen die offensichtlich mauernden Ärzte, von der tieferen Bedeutung des verbotenen Gefängnistraktes C und dem wahren Inhalt des noch verboteneren Inselleuchtturms wollen wir hier schweigen. All jenen, die den Thriller "Shutter Island" von Dennis Lehane, die literarische Vorlage Scorseses, nicht gelesen haben, möchten wir das Vergnügen des filmischen Puzzlespiels und aller damit verbundenen Überraschungen nicht nehmen.
Nur so viel sei verraten: Es ist meisterhaft, wie Scorsese den Zuschauer auf den süßen Leim seiner Wünsche, betreffend das große Geheimnis von Shutter Island, gehen lässt. Und wer zum Schluss enttäuscht ist, weil ihm die Auflösung vergleichsweise simpel, womöglich gar unscorsesehaft erscheint, dem gibt der Schöpfer mit auf den Weg: Ja, was beschwerst du dich? Ich hab dir von Anfang an alles gezeigt, alles gesagt. Du hast halt bestimmte Dinge nur nicht sehen wollen, weil sie dir anders aufregender erschienen sind. Also beklag dich doch bei dir selbst!
In einer Nebenrolle als deutschstämmiger Irrenarzt ist Max von Sydow zu erleben. Gemeinsam mit dem Chefpsychiater Ben Kingsley lehrt er den Zuschauer aufs Neue die gute alte Angst vor allen weißen Kitteln. Leonardo DiCaprio ist ein Ereignis und nach diesem Film endgültig einer der großen Charakterdarsteller Hollywoods. Dass er übrigens an einer nicht ganz unwichtigen Stelle des Films einige Sätze lang akzentfreies Deutsch spricht, wird in der Synchronfassung naturgemäß verloren gehen, so wie auch die Gewissheit des Zuschauers am Schluss, was genau er da eigentlich gerade gesehen hat. War es wirklich ein Horrorfilm? Oder ein Psychodrama? Ein Biopic? Ein Kostüm- und Musikfilm? Von "Shutter Island" kann man mindestens noch eine Nacht lang träumen. Die Last der vergangenen Bilder wiegt schwer. Und so hat Martin Scorsese sich das wohl auch gedacht.
Was zweifellos zu den Vorzügen des Regisseurs Martin Scorsese gehört, ist seine Unberechenbarkeit. Ob Thriller, Musikfilm, Biopic, Dokumentation, Kostümepos oder Psychodrama: souverän spielt der inzwischen 67-Jährige mit Genres und Stilen, erzählt bei allen Zitaten und Querverweisen doch jede Geschichte ganz für sich, wie neu und in aller Endgültigkeit. Mit "Shutter Island", seinem jüngsten Werk, zieht er den Zuschauer nun geradezu gnadenlos in die Welt des Gruselfilms, des Horrors. Und er spart weder an Licht noch Schatten, weder an Stille noch an ohrenbetäubender Musik, um dem Zuschauer zu signalisieren, wie abschüssig die Erlebnisbahn ist, auf die er sich hier begeben hat.
Der Zuschauer erkennt das Amerika der fünfziger Jahre. Die beiden US-Marshals Teddy Daniels und Chuck Aule (Mark Ruffalo) sind auf die Gefängnisinsel Shutter Island beordert worden, um dort das Verschwinden einer Kindsmörderin aufzuklären. Auf Shutter Island sind, fern jeder Zivilisation, die Gefährlichsten der Gefährlichen inhaftiert, die Psychopathen unter den Verbrechern. Nur an einer einzigen Küstenstelle ist die Insel zu betreten, die Anlage selbst ist von riesigen Mauern umgeben, die Gebäude sind vielfach gesichert, einige von ihnen selbst für das Wachpersonal nie zu betreten. Als die Polizisten endlich angekommen sind und ordnungsgemäß ihre Waffen bei der Anstaltsleitung abgegeben haben, ahnt man, dass es bald weniger um die Frage gehen wird, wie von hier allen Ernstes eine Kindsmörderin verschwinden konnte, sondern mehr darum, ob Daniels je wieder aufs Festland gelangt.
Das Spiel mit den Ahnungen und mit den Gewissheiten - das ist Scorseses großes Thema in diesem Film. Der Zuschauer weiß recht früh, dass Marshal Daniels einst als US-Soldat in Deutschland an der Befreiung eines KZ beteiligt war. Er weiß auch, dass Daniels vor kurzem Frau und Kinder tragisch verloren hat. Er ahnt zudem, dass Daniels nach Shutter Island, an diesen Ort der übergroßen Schuld, selbst ein gehörig großes Päckchen an Schuldgefühlen mitgebracht hat, an rationalen wie an irrationalen. Doch verführt durch Scorseses Kunst, uns all diese Ebenen der Geschichte mit Bildern von opernhafter Opulenz vorzuführen, versäumt der Zuschauer es leicht, darüber nachzudenken, was genau er da zu sehen bekommt: Waren es Träume? Rückblenden? Wahnvorstellungen? Visionen? Wünsche? Und schon ist die Rechnung des Regisseurs aufgegangen.
Von den Details der Ermittlung, von den widrigen Wetterumständen, vom Kampf der Polizisten gegen die offensichtlich mauernden Ärzte, von der tieferen Bedeutung des verbotenen Gefängnistraktes C und dem wahren Inhalt des noch verboteneren Inselleuchtturms wollen wir hier schweigen. All jenen, die den Thriller "Shutter Island" von Dennis Lehane, die literarische Vorlage Scorseses, nicht gelesen haben, möchten wir das Vergnügen des filmischen Puzzlespiels und aller damit verbundenen Überraschungen nicht nehmen.
Nur so viel sei verraten: Es ist meisterhaft, wie Scorsese den Zuschauer auf den süßen Leim seiner Wünsche, betreffend das große Geheimnis von Shutter Island, gehen lässt. Und wer zum Schluss enttäuscht ist, weil ihm die Auflösung vergleichsweise simpel, womöglich gar unscorsesehaft erscheint, dem gibt der Schöpfer mit auf den Weg: Ja, was beschwerst du dich? Ich hab dir von Anfang an alles gezeigt, alles gesagt. Du hast halt bestimmte Dinge nur nicht sehen wollen, weil sie dir anders aufregender erschienen sind. Also beklag dich doch bei dir selbst!
In einer Nebenrolle als deutschstämmiger Irrenarzt ist Max von Sydow zu erleben. Gemeinsam mit dem Chefpsychiater Ben Kingsley lehrt er den Zuschauer aufs Neue die gute alte Angst vor allen weißen Kitteln. Leonardo DiCaprio ist ein Ereignis und nach diesem Film endgültig einer der großen Charakterdarsteller Hollywoods. Dass er übrigens an einer nicht ganz unwichtigen Stelle des Films einige Sätze lang akzentfreies Deutsch spricht, wird in der Synchronfassung naturgemäß verloren gehen, so wie auch die Gewissheit des Zuschauers am Schluss, was genau er da eigentlich gerade gesehen hat. War es wirklich ein Horrorfilm? Oder ein Psychodrama? Ein Biopic? Ein Kostüm- und Musikfilm? Von "Shutter Island" kann man mindestens noch eine Nacht lang träumen. Die Last der vergangenen Bilder wiegt schwer. Und so hat Martin Scorsese sich das wohl auch gedacht.
Mehr StZ Filmkritiken
I want to run - Das härteste Rennen der Welt 64 Tage lang dem Glück nachlaufen
Ein ruhiges Leben Blutspur in der Provinz
The Yellow Sea Letzte Zockerchance
Janosch - Komm, wir finden einen Schatz! 3D So schön könnte das Leben sein
Moonrise Kingdom Die ernsten Spiele der Kindheit
Die Farbe des Ozeans Grenzgebiete
Kill Me Please Die Verwöhnten und der Tod
Die Kunst zu lieben Sex ist anstrengend
Lachsfischen im Jemen Dr. Jones und die Liebe
Marley Der Star aus Jamaika
Our Idiot Brother Wer Gras an die Polizei verkauft
Alle Artikel anzeigen
Anzeigen
Was möchten Sie unternehmen?
Wann möchten Sie etwas unternehmen?

Monat

| Heute | Morgen | Akt. Woche |
| MO | DI | MI | DO | FR | SA | SO |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 0 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 |
| 0 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 |
| 0 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 |
| 0 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 |
| 0 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 |
| 0 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 |
Highlights am 27.05.
Nacht der offenen Kirchen: Orgelkino "Schachfieber" - Paul-Gerhardt-Kirche
Premiere: Es gibt noch Restkarten - Renitenztheater
Legendäre Meisterwerke. Kulturgeschichte(n) aus Württemberg - Landesmuseum Württemberg
StZ digital
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
Für Abonnenten
Für Käufer
Hier können sie sich über Preise informieren, Abos abschließen oder Einzelexemplare kaufen.




