Peter-Glaser-Kolumne Entmündigung durch Technik
Peter Glaser, veröffentlicht am 03.03.2010
Stuttgart - Ein Bekannter, der nicht mehr mit der Textverarbeitung Word schreiben mag, erzählte mir von seinem neuen Schreibprogramm und den Rechtschreibempfehlungen, die es vergibt. Schreibt man etwa das Wort "gemäß", weist die Software darauf hin, das sei doch "Papierdeutsch" und man solle überlegen, ob man nicht "entsprechend" benutzen wolle, das klänge cooler. Schreibt man "überhaupt", kommt der Hinweis: "Modewort. Erwägen Sie dieses Wort zu streichen." Ob man das nun als Komfort oder als etwas Vorlautes empfindet, ist nicht nur Ermessenssache.
T9 soll das Gefummel mit oft mehrfach belegten Winztasten vereinfachen und die Eingabe beschleunigen. Das gilt aber nur für normopathische Texte. Wehe, man wird originell. Die Beschleunigung führt ohnehin oft nur dazu, dass die Textenden übersehen, was ihnen T9 wieder untergejubelt hat. Aus "hallo silke, kommst du und nadia morgen auch?" wird "hallo pille, kommst du tod mafia morgen auch", aus "Hey Super-Lover" ein "Hey Super-Köter" und aus dem "kleinen Maxi" macht die Wortdatenbank kurzerhand einen "kleinen Nazi". "Droge Weihnachten" nachträglich, und falls jemand ein neues Handy geschenkt bekommen haben sollte: T9 ausschalten. Die vermeintliche Zeitersparnis steht in keinem Verhältnis zum Korrekturaufwand.
Und die nächste Nervstufe wird gerade gezündet: Swype ist eine "neue Eingabetechnik", die für schnelleres Tippen auf virtuellen Handy-Tastaturen sorgen soll. Cliff Kushler, einer der Miterfinder von T9, hat die gestengesteuerte Methode für Touchscreens vorgestellt. Man tippt nicht mehr, sondern wischt über die gewünschten Buchstaben. Ist ein Wort nicht eindeutig, zeigt die Software eine Auswahl an Begriffen an. Angeblich soll man damit mehr als 50 Wörter pro Minute schreiben können. Ja, klar - Zeit sparen. Bei einem Würstchen kann man dazu vorn und hinten ein blankes Kabelende reinstecken. Sobald Strom fließt, fungiert das Würstchen als Widerstand und ist blitzartig durch. Don't try this at home!
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Diese Rechtschreibempfehlungen gehen über die orthografische Korrektur hinaus. Ein algorithmischer Oberlehrer taucht plötzlich auf. Schlaue Eingabeerkennung ("Parser"), wie sie etwa Suchmaschinen verwenden, helfen manchem über orthografische Schwächen hinweg. Während eine Eingabe wie "Gibsverband" in das Fragefeld einer Suchmaschine noch vor ein paar Jahre sozusagen zu dem Ergebnis "gibs nicht" führte, schlägt Google heute in seiner unermesslichen Freundlichkeit das richtig geschriebene Informationsersuchen vor. Die definitive Supernervensäge unter den vorauseilenden Textvorschlägern aber ist T9. Für manche ist T9 - die Abkürzung steht für "Text auf 9 Tasten" - ein böses, kleines Besserwisservirus in Mobiltelefon, PDA oder iPhone, das einem zu helfen glaubt, einen in Wirklichkeit aber von dem abhält, was man tun möchte.
"Super-Lover" wird zu "Super-Köter"
T9 soll das Gefummel mit oft mehrfach belegten Winztasten vereinfachen und die Eingabe beschleunigen. Das gilt aber nur für normopathische Texte. Wehe, man wird originell. Die Beschleunigung führt ohnehin oft nur dazu, dass die Textenden übersehen, was ihnen T9 wieder untergejubelt hat. Aus "hallo silke, kommst du und nadia morgen auch?" wird "hallo pille, kommst du tod mafia morgen auch", aus "Hey Super-Lover" ein "Hey Super-Köter" und aus dem "kleinen Maxi" macht die Wortdatenbank kurzerhand einen "kleinen Nazi". "Droge Weihnachten" nachträglich, und falls jemand ein neues Handy geschenkt bekommen haben sollte: T9 ausschalten. Die vermeintliche Zeitersparnis steht in keinem Verhältnis zum Korrekturaufwand.
Und die nächste Nervstufe wird gerade gezündet: Swype ist eine "neue Eingabetechnik", die für schnelleres Tippen auf virtuellen Handy-Tastaturen sorgen soll. Cliff Kushler, einer der Miterfinder von T9, hat die gestengesteuerte Methode für Touchscreens vorgestellt. Man tippt nicht mehr, sondern wischt über die gewünschten Buchstaben. Ist ein Wort nicht eindeutig, zeigt die Software eine Auswahl an Begriffen an. Angeblich soll man damit mehr als 50 Wörter pro Minute schreiben können. Ja, klar - Zeit sparen. Bei einem Würstchen kann man dazu vorn und hinten ein blankes Kabelende reinstecken. Sobald Strom fließt, fungiert das Würstchen als Widerstand und ist blitzartig durch. Don't try this at home!
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