Crazy Heart

Lieben, speien, weitersingen

Ulrich Kriest, veröffentlicht am 04.03.2010
Filmbeschreibung
Was für ein Auftakt! Mit seinem deutlich in die Jahre gekommenen Auto fährt der deutlich in die Jahre gekommene Countrysänger Bad Blake (Jeff Bridges) zu seinem nächsten Auftrittsort, einer Bowlinghalle irgendwo in Arizona. Bad Blake steigt fluchend aus dem Auto, unrasiert, ungewaschen, mit offener Hose, und kippt erst mal seinen Urin auf die Straße, den er während der Fahrt in einem Kanister gesammelt hat.

Bis zum Auftritt ist es noch etwas Zeit, aber in der Bowlinghalle darf man nicht rauchen, und auch der Whisky wird Blake verweigert. Um im Laden Schnaps zu kaufen, fehlt ihm das Geld. Immerhin: Etwas Glück hat Bad Blake, ein alter Fan schenkt ihm eine Flasche Whisky und wünscht sich dafür nur einen alten Song. Bad Blake hat viele alte Songs auf Lager. Mit neuen Liedern ist es so eine Sache.

Man hat schon viele Filme über im Tingeltangel ausklingende Karrieren ausgebrannter Musiker gesehen, aber der Regiedebütant Scott Cooper findet einen Dreh, seinem Protagonisten auch dann noch seine Würde zu lassen, wenn er zwischen Strophe und Refrain mal kurz die Bühne verlässt, um in eine Mülltonne zu kotzen, seine Sonnenbrille aus dem Dreck zu picken, sie notdürftig zu reinigen, auf die Bühne zurückzukehren und weiterzusingen. Bad Blake ist Ende 50, ein Überlebender, schwer krank, Kettenraucher und Alkoholiker. Seine Fans in der Provinz hören gerne seine alten Hits, aber glamourös ist das alles nicht einen Augenblick lang.

Jeff Bridges, gerade sechzig Jahre alt geworden und für seine Darstellung des Bad Blake für einen Oscar nominiert, wurde 1971 mit Peter Bogdanovichs Provinzdrama "Die letzte Vorstellung" bekannt. Obwohl er seitdem eine ganz erstaunliche, sehr kluge Filmografie erarbeitet hat, wurde er nie ein Superstar, sondern nur ein sehr guter Schauspieler, der vielschichtige Charakterstudien ablieferte. "Crazy Heart" nun ist sein Triumph, erinnert der Film doch in vielem an seinen Karrierestart, im Gespür für amerikanische Landschaften und im Ernst und Realismus, mit denen er Menschen mit Geschichte zeigt.

Wenn wir Bad Blake zum ersten Mal begegnen, ist er ein körperliches Wrack, das sich müde und lustlos durchs Leben schleppt. Eine kleine Gefälligkeit wendet das Blatt: Der Musiker sagt ein Interview zu. Die Journalistin Jean (Maggie Gyllenhaal) ist selbst nicht mehr ganz jung, allein erziehende Mutter und hat auch schon Einiges erlebt. Von Musik versteht sie nicht so viel, weshalb sie der Country-Legende mit überraschenden und überraschend persönlichen Fragen auf die Pelle rückt.

Blake bricht das Interview ab, aber die viel jüngere Frau beginnt ihn zu interessieren. Auch Jean findet etwas an dem brummigen Alkoholiker, die beiden werden ein Paar. Und auch wieder nicht! Was für ein Klischee, denkt man: Der alte, kranke Mann, der von der viel jüngeren Frau erlöst wird. Doch Scott Cooper lässt seine Figuren nie im Klischee ertrinken. Der Musiker, der gerade noch vor seiner Toilette in Unterwäsche im Vollrausch eingeschlafen ist, ergreift die Chance, die ihm das Leben überraschend zuwirft.

Aber, um mal im Idiom des Genres zu bleiben: Das Leben ist eine schwierige Straße, die man als Kerl besser aufrecht entlangschreitet. Und Blake hat Leichen im Keller: fünf Ehen, erwachsene Kinder, die er nie gesehen hat, diverse Krankheiten. Obwohl Blake schwungvoll an die neue Beziehung herangeht, obwohl er wieder ein paar sehr schöne Songs komponiert, obwohl er sogar mit seinem musikalischen Schüler, dem kommerziell sehr erfolgreichen Tommy Sweet (Colin Farrell), wieder eine Zusammenarbeit beginnt, gibt es Rückschläge. Der Film beschönigt nichts.

Nicht zuletzt begeistert die Musik in "Crazy Heart", geschrieben von Stephen Bruton und T-Bone Burnett, interpretiert von Jeff Bridges, der ja vor Jahren bereits ein Album veröffentlichte und in diesem Film frappierend so aussieht wie Kris Kristofferson. Dabei zeichnet der Film ein präzises Bild der Country-Music-Szene zwischen authentischer und synthetischer Kunst, von Loyalität und Altern, das eben nur selten eine sentimentale Stilisierung zum großen toten weißen Mann wie im Falle von Johnny Cash zulässt.

Die herausragende Qualität dieses Films bestätigt die These der Schweizer Band "Die Aeronauten", die vor Jahren sangen: "Mit dem Alter fängt man an, sich für Country Music zu interessieren."
 
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