Über die Alpen

Radeln mit Hexenschuss

Soak, veröffentlicht am 10.03.2010
Foto: Vias Entertainment, München

Sind Sie heute schon Rad gefahren, Frau Speidel?
Nein, und ich werde heute auch nicht Rad fahren.

Das ist aber schwach für jemand, der die Alpen überquert hat.
Im Winter bin ich nicht mit dem Rad unterwegs. Bei Schnee ist das doch lebensgefährlich. Aber im Frühling, wenn man sich keinen Schnupfen mehr beim Radeln holt, dann fahre ich auch wieder.

Warum wollten Sie ausgerechnet mit dem Rad die Alpen überqueren?
Ich bin in einen Kartenladen gegangen und habe gesagt, ich will nach Südtirol, aber keinesfalls über den Brenner, sondern lieber über den Fernpass und den Reschen. Ich stellte dann schnell fest, dass es an dieser Strecke tolle ausgebaute Radwege gibt, zum Beispiel den Etschweg und den König-Ludwig-Weg. Die Via Claudio Augusta kreuzt den Etschweg und führt bis nach Venezien. Wir wollten aber nur bis Meran, das sind etwa 400 Kilometer. Bei 50 bis 70 Kilometern pro Tag macht das sieben Etappen.

Wussten Sie, was an Steigungen und Höhenmetern auf Sie zukommt?
Ja, Bruno musste dafür richtig trainieren. Für ihn war es die erste größere Radtour. Ich radele schon mein Leben lang. Ich bin vor unserer Tour vor allem hier im Flachland um München geradelt.

Sie sind auf gut Glück losgefahren und haben nicht mal eine Unterkunft gebucht. Können Sie das empfehlen?
Unbedingt, weil man dadurch viele lustige Erlebnisse hat. Die erste Nacht haben wir zum Beispiel in der Fahrschule Dietrich in Reichling gewohnt. Der Inhaber war ein Koi-Züchter, und wir haben direkt neben dem Wasserbecken genächtigt. Auch in Lermoos haben wir ganz entzückend privat gewohnt. Abends habe ich sogar noch eine Fußmassage bekommen. Wenn man sich auf solche Überraschungen einlassen kann, ist es eine große Freude. Wenn man natürlich ein Luxusmensch ist und gerne jeden Abend Sauna und Wellness genießt, muss man anders planen. Wir haben gesagt, wir versuchen jeden Tag unsere Etappe zu schaffen, wenn uns aber was dazwischenkommt, suchen wir uns eben eine Pension.

Sie waren hart im Nehmen. Selbst Regen und Hexenschuss haben Ihnen nichts ausgemacht.
Also, der Regen war für mich läppisch, aber nicht für Bruno. Für mich war aber mein Hexenschuss schlimm. Ich konnte trotzdem radeln, weil das einfacher war als zu Fuß zu gehen.

Radeln Frauen anders als Männer?
Wenn Sie auf der Straße schauen, dann sehen Sie eigentlich ziemlich viele Männer auf dem Rad. Manche haben eine Frau im Schlepptau, die radelt aber immer hinter ihrem Mann. Bei uns war das andersrum. Ich bin immer vorne gefahren.

In Ihrem Buch schildern sie die Reise aus zwei Perspektiven. Wer hat denn mehr geflunkert?
Das überlasse ich Ihnen und den Lesern. Er natürlich. Aber im Bad bin ich die Schnellere.

Ist eine Radtour wie eine Liebesbeziehung. Ein stetes Auf und Ab?
Absolut. Unser Buch ist eigentlich ein Beziehungsbuch und eher ein Anti-Radel-Buch. Trainierte Radler lachen sich über uns ja tot. Das haben wir schon unterwegs gemerkt. Einmal, als wir aus dem letzen Loch gepfiffen haben und uns gefragt haben, wie weit es noch ist, kam einer angeradelt und erzählte uns, dass er schon 270 Kilometer hinter sich hat und gleich noch übern Fernpass will. Unser Buch ist etwas für Otto Normalradler. Der hat damit viel Freude, und dem kann ich nur empfehlen, uns das nachzutun.

Und wo sollte Otto Normalradler unbedingt hin?
Ganz toll hat mir die Strecke hinter Neuschwanstein gefallen, am Alpsee entlang und runter durch diesen wahnsinnig schönen Wald, wo man auf der anderen Seite das Gebirge sieht, und dann bis nach Lermoos. Ganz toll ist auch das Vinschgau. Auf der Autobahn sieht man ja nichts von dieser Gegend. Wir sind dort durch Apfelplantagen gefahren, und das war ein fantastisches Erlebnis.

Wohin radeln Sie als Nächstes? Eigentlich wollten wir letztes Jahr nach Norwegen. Aber da haben uns der Wind und das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dann sind wir die Hurtigruten mit dem Schiff gefahren. Vielleicht fahren wir dieses Jahr noch mal, aber dann schreiben wir bestimmt kein Buch darüber.


Jutta Speidel
Jutta Speidel wurde 1954 in München geboren. Die Schauspielerin ist aus vielen Fernsehfilmen und -serien bekannt. Seit 2003 ist sie mit dem italienischen Schauspieler Bruno Maccallini liiert. Ihr gemeinsames Buch "Wir haben gar kein Auto. Mit dem Rad über die Alpen" (Preis 8,95 Euro) ist im Ullstein Verlag erschienen und jetzt auch als Hörbuch erhältlich.
 

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