Tourismus
Die Pauschalreise lebt – noch
Soak, veröffentlicht am 12.03.2010
Sie hat keinen guten Ruf und gilt als Inbegriff des Massentourismus: die Pauschalreise. Unmündige Reisende lassen sich mit dem Flugzeug an irgendein Warmwasserziel verfrachten, verbringen ihren Urlaub zwischen Pool und Büfett und wissen zwei Jahre später nicht mehr, ob das Hotel damals eigentlich in Griechenland oder in Spanien war. Soweit das Klischee. Aber auch die Studienfahrt in den Iran ist nichts anderes als eine Pauschalreise – solange Flug und Unterkunft beim gleichen Veranstalter zu einem festen Preis gebucht sind und der Kunde einen Sicherungsschein erhält.
Knapp die Hälfte aller gebuchten Reisen sind Pauschalreisen, 2008 waren es 47 Prozent. Dem angestaubten Image zum Trotz ist der Markt also nach wie vor stabil, selbst das Krisenjahr 2009 wird daran wenig geändert haben. Ulf Sonntag, Tourismusforscher aus Kiel, bereitet derzeit die Zahlen für die Reiseanalyse auf, die in den nächsten Tagen auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin vorgestellt wird. "Es wird jedoch keine Einbrüche geben", das weiß er jetzt schon. Dabei hatten die großen Veranstalter noch vor einem Jahr einen Rückgang bei den Buchungen um zwanzig Prozent befürchtet. Fehlalarm.
"Die Pauschalreise wird seit zwanzig Jahren totgesagt, aber der Patient lebt noch immer", amüsiert sich Karl Born. Der frühere TUI-Vorstand und Tourismusexperte predigt seit Jahrzehnten den Erfolg dieser Urlaubsform. "Die Masse macht’s", so Born. 35 Millionen Pauschalreisen wurden im vergangenen Jahr in Deutschland gebucht. "Natürlich gibt es den Trend zur Individualität. Aber er wird völlig überschätzt. Es geht letztlich darum, dem Kunden das Gefühl zu geben, er hätte eine einzigartige Reise gebucht. Ob die gleichzeitig noch von zigtausend anderen gebucht wird, ist ihm egal." In Zeiten der Krise zähle vor allem die Budgetsicherheit.
Dass die Pauschalreise für viele Ziele einfach unschlagbar günstig ist, hält auch der Experte Ulf Sonntag für ein zentrales Argument. Auch wenn die Deutschen mittlerweile reiseerfahrener seien, sich in der Welt auskennen und längst nicht mehr auf professionelle Hilfe angewiesen sind: Für den Urlaub an den Stränden des Mittelmeers sind Pauschalangebote fast immer günstiger als individuell zusammengestellte Offerten.
Ein Erfolgsgeheimnis dieser Buchungsform ist ihr steter Wandel – die Pauschalreise hat sich im Lauf der Zeit den Wünschen ihrer Kunden angepasst. Man muss nicht unbedingt ins Jahr 1841 zurückgehen, als Thomas Cook einen Sonderzug für 570 Menschen buchte und damit die Pauschalreise erfand. Noch vor einem Jahrzehnt verband man mit dem Begriff ein starres Konzept, erinnert sich Ulf Sonntag. Abreise ab Frankfurt am Samstag und zwei Wochen später wieder zurück. Heute ist nicht nur der Flughafen, sondern auch der Wochentag und die gewünschte Hotelklasse frei wählbar, dazu kombiniert man noch das Ausflugsprogramm oder den eigenen Mietwagen als Bausteine dazu.
Letztlich ist nur der Begriff Pauschalreise verpönt, der dementsprechend kaum noch in den Prospekten der Veranstalter auftaucht. Kreuzfahrten werden damit nicht beworben, selbst wenn diese letztlich zu den Pauschalen gehören – und zu den Gewinnern im Reisemarkt. Auch hier sind die Anreise und die, wenn auch schwimmende, Unterkunft zu einem festen Preis gebucht. Im nächsten Jahr werden mehr als eine Million deutsche Schiffsreisende erwartet, eine Ende des Wachstums ist nicht abzusehen.
Es gibt jedoch kritische Stimmen, die zumindest langfristig die klassische Pauschalreise, also den Flug ans Mittelmeer, als Auslaufmodell betrachten. Immer mehr Menschen sehnen sich nach einem besonderen, nicht selten kostspieligen Erlebnis im Urlaub. Wenn das Budget nicht ausreicht, wird das Exklusive gerne mit dem Günstigen kombiniert: So bucht man etwa den Billigflieger, reist am Wochenende in eine Stadt und checkt im Luxushotel ein – eine Mischkalkulation, die Touristikexperten seit längerem auf ein zunehmend "hybrides" Verhalten der Reisenden zurückführen.
Und schließlich werden wir alle älter. Eine Binsenweisheit, gewiss. Aber die Demografie bestimmt nun mal die Trends. "Schon heute sind fast die Hälfte aller Veranstalterreisenden zwischen 50 und 75 Jahre alt, und diese Zielgruppe der Golden Ager und Senioren wird durch die Baby-Boomer bis 2030 um mehr als vier Millionen Personen wachsen", sagt Werner Sülberg. Der Bereichsleiter für Konzernentwicklung und Marktforschung Touristik der Rewe-Gruppe (unter anderem Dertour und Meiers Weltreisen) prognostiziert eine veränderte Reisewelt. Eine Welt, in der das Alter unseren Aktionsradius am Urlaubsort zunehmend bestimmen wird.
Bestimmte Regionen in Europa werden das schon bald deutlich zu spüren bekommen. Die Küsten des spanischen Festlandes etwa, die Balearen, die Kanaren, auch Griechenland und die Türkei: eben die typischen Ziele für den Flugtouristen. Die dortige touristische Infrastruktur war eine Erfindung der 70er und 80er Jahre, als die heutigen Baby-Boomer im Teenager-Alter mit ihren Eltern Ferien machten und im Allerweltsfamilienurlaub jeden Tag am Strand die Liegen reservierten, abends mit Papa und Mama auf der Promenade spazieren gingen, zum Nachtisch einen King-Kong-Becher mit Sahne bekamen und danach zum Schwof in der Hoteldisco verschwanden.
Da nicht nur wir Deutschen, aber vor allem wir Reiseweltmeister älter und infolge der niedrigen Geburtenraten zudem weniger werden, wird es nach Ansicht von Werner Sülberg mittelfristig zu einer nachhaltigen Schwächung der Pauschalreise kommen – auch wenn die Reedereien und vielleicht die Busunternehmer davon profitieren könnten.
Die schönfärberische Werber-These, die Alten der Zukunft seien wesentlich aktiver und umtriebiger als frühere Rentnergenerationen, lässt Sülberg nur bedingt gelten. "Physis und Einkommen lassen sich in der Regel leider im Alter nicht aufrechterhalten." Bei seinen Untersuchungen geht er davon aus, dass zwei Faktoren entscheidend sind, wenn man seine Urlaubsgewohnheiten aus jüngeren Tagen beibehalten möchte: die gesundheitliche Verfassung und das zur Verfügung stehende Einkommen. Letzteres wird aller Voraussicht nach schrumpfen, zumindest geben die ächzenden Sozialsysteme wenig Anlass zu Hoffnung. In Europa seien seit 2003 die Auswirkungen des demografischen Wandels spürbar, sagt Sülberg. "Ein Altersdiabetiker wird mit einem heutigen All-inclusive-Angebot für Familien nichts anfangen können." Sülbergs Aussage ist eine Zuspitzung, keine Frage, doch das Ausblenden unserer Zukunft ist auch keine Lösung. Totgesagte leben länger. Aber nicht in alle Ewigkeit.
Knapp die Hälfte aller gebuchten Reisen sind Pauschalreisen, 2008 waren es 47 Prozent. Dem angestaubten Image zum Trotz ist der Markt also nach wie vor stabil, selbst das Krisenjahr 2009 wird daran wenig geändert haben. Ulf Sonntag, Tourismusforscher aus Kiel, bereitet derzeit die Zahlen für die Reiseanalyse auf, die in den nächsten Tagen auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin vorgestellt wird. "Es wird jedoch keine Einbrüche geben", das weiß er jetzt schon. Dabei hatten die großen Veranstalter noch vor einem Jahr einen Rückgang bei den Buchungen um zwanzig Prozent befürchtet. Fehlalarm.
"Die Pauschalreise wird seit zwanzig Jahren totgesagt, aber der Patient lebt noch immer", amüsiert sich Karl Born. Der frühere TUI-Vorstand und Tourismusexperte predigt seit Jahrzehnten den Erfolg dieser Urlaubsform. "Die Masse macht’s", so Born. 35 Millionen Pauschalreisen wurden im vergangenen Jahr in Deutschland gebucht. "Natürlich gibt es den Trend zur Individualität. Aber er wird völlig überschätzt. Es geht letztlich darum, dem Kunden das Gefühl zu geben, er hätte eine einzigartige Reise gebucht. Ob die gleichzeitig noch von zigtausend anderen gebucht wird, ist ihm egal." In Zeiten der Krise zähle vor allem die Budgetsicherheit.
Dass die Pauschalreise für viele Ziele einfach unschlagbar günstig ist, hält auch der Experte Ulf Sonntag für ein zentrales Argument. Auch wenn die Deutschen mittlerweile reiseerfahrener seien, sich in der Welt auskennen und längst nicht mehr auf professionelle Hilfe angewiesen sind: Für den Urlaub an den Stränden des Mittelmeers sind Pauschalangebote fast immer günstiger als individuell zusammengestellte Offerten.
Ein Erfolgsgeheimnis dieser Buchungsform ist ihr steter Wandel – die Pauschalreise hat sich im Lauf der Zeit den Wünschen ihrer Kunden angepasst. Man muss nicht unbedingt ins Jahr 1841 zurückgehen, als Thomas Cook einen Sonderzug für 570 Menschen buchte und damit die Pauschalreise erfand. Noch vor einem Jahrzehnt verband man mit dem Begriff ein starres Konzept, erinnert sich Ulf Sonntag. Abreise ab Frankfurt am Samstag und zwei Wochen später wieder zurück. Heute ist nicht nur der Flughafen, sondern auch der Wochentag und die gewünschte Hotelklasse frei wählbar, dazu kombiniert man noch das Ausflugsprogramm oder den eigenen Mietwagen als Bausteine dazu.
Letztlich ist nur der Begriff Pauschalreise verpönt, der dementsprechend kaum noch in den Prospekten der Veranstalter auftaucht. Kreuzfahrten werden damit nicht beworben, selbst wenn diese letztlich zu den Pauschalen gehören – und zu den Gewinnern im Reisemarkt. Auch hier sind die Anreise und die, wenn auch schwimmende, Unterkunft zu einem festen Preis gebucht. Im nächsten Jahr werden mehr als eine Million deutsche Schiffsreisende erwartet, eine Ende des Wachstums ist nicht abzusehen.
Es gibt jedoch kritische Stimmen, die zumindest langfristig die klassische Pauschalreise, also den Flug ans Mittelmeer, als Auslaufmodell betrachten. Immer mehr Menschen sehnen sich nach einem besonderen, nicht selten kostspieligen Erlebnis im Urlaub. Wenn das Budget nicht ausreicht, wird das Exklusive gerne mit dem Günstigen kombiniert: So bucht man etwa den Billigflieger, reist am Wochenende in eine Stadt und checkt im Luxushotel ein – eine Mischkalkulation, die Touristikexperten seit längerem auf ein zunehmend "hybrides" Verhalten der Reisenden zurückführen.
Und schließlich werden wir alle älter. Eine Binsenweisheit, gewiss. Aber die Demografie bestimmt nun mal die Trends. "Schon heute sind fast die Hälfte aller Veranstalterreisenden zwischen 50 und 75 Jahre alt, und diese Zielgruppe der Golden Ager und Senioren wird durch die Baby-Boomer bis 2030 um mehr als vier Millionen Personen wachsen", sagt Werner Sülberg. Der Bereichsleiter für Konzernentwicklung und Marktforschung Touristik der Rewe-Gruppe (unter anderem Dertour und Meiers Weltreisen) prognostiziert eine veränderte Reisewelt. Eine Welt, in der das Alter unseren Aktionsradius am Urlaubsort zunehmend bestimmen wird.
Bestimmte Regionen in Europa werden das schon bald deutlich zu spüren bekommen. Die Küsten des spanischen Festlandes etwa, die Balearen, die Kanaren, auch Griechenland und die Türkei: eben die typischen Ziele für den Flugtouristen. Die dortige touristische Infrastruktur war eine Erfindung der 70er und 80er Jahre, als die heutigen Baby-Boomer im Teenager-Alter mit ihren Eltern Ferien machten und im Allerweltsfamilienurlaub jeden Tag am Strand die Liegen reservierten, abends mit Papa und Mama auf der Promenade spazieren gingen, zum Nachtisch einen King-Kong-Becher mit Sahne bekamen und danach zum Schwof in der Hoteldisco verschwanden.
Da nicht nur wir Deutschen, aber vor allem wir Reiseweltmeister älter und infolge der niedrigen Geburtenraten zudem weniger werden, wird es nach Ansicht von Werner Sülberg mittelfristig zu einer nachhaltigen Schwächung der Pauschalreise kommen – auch wenn die Reedereien und vielleicht die Busunternehmer davon profitieren könnten.
Die schönfärberische Werber-These, die Alten der Zukunft seien wesentlich aktiver und umtriebiger als frühere Rentnergenerationen, lässt Sülberg nur bedingt gelten. "Physis und Einkommen lassen sich in der Regel leider im Alter nicht aufrechterhalten." Bei seinen Untersuchungen geht er davon aus, dass zwei Faktoren entscheidend sind, wenn man seine Urlaubsgewohnheiten aus jüngeren Tagen beibehalten möchte: die gesundheitliche Verfassung und das zur Verfügung stehende Einkommen. Letzteres wird aller Voraussicht nach schrumpfen, zumindest geben die ächzenden Sozialsysteme wenig Anlass zu Hoffnung. In Europa seien seit 2003 die Auswirkungen des demografischen Wandels spürbar, sagt Sülberg. "Ein Altersdiabetiker wird mit einem heutigen All-inclusive-Angebot für Familien nichts anfangen können." Sülbergs Aussage ist eine Zuspitzung, keine Frage, doch das Ausblenden unserer Zukunft ist auch keine Lösung. Totgesagte leben länger. Aber nicht in alle Ewigkeit.
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