Auch in Sachsen

Verdacht auf Missbrauchsfälle

dpa, veröffentlicht am 10.03.2010
Foto: dpa
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Leipzig - In Deutschland werden immer mehr Verdachtsfälle auf sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen bekannt. Die "Leipziger Volkszeitung" (Mittwoch) berichtet von einem ersten Fall in Sachsen.

Nach Angaben eines ehemaligen Bewohners des Eilenburger Ernst-Schneller-Heims für sogenannte erziehungsauffällige Kinder ist es dort in den Jahren 1970 bis 1980 täglich zu sexuellen Übergriffen gekommen. So hätten sich die Kinder zum Beispiel nackt ausziehen und zum Duschraum laufen müssen. Dabei seien einzelne Kinder geschlagen und auch teilweise im Intimbereich berührt worden.

Nach der Wiedervereinigung hatte die Caritas das Heim 1994 übernommen. Der heutige Leiter sagte der Zeitung, er könne die aktuellen Vorwürfe nicht ausschließen, und erklärte sich bereit, für eventuelle Opfer zur Verfügung zu stehen.

Die katholische Kirche will die Aufklärung der Missbrauchsfälle in ihren Einrichtungen energisch vorantreiben. Sowohl die Deutsche Bischofskonferenz als auch der Vatikan sicherten den Behörden volle Unterstützung zu.

Die Kirche fordere Geistliche zur Selbstanzeige auf, wenn Anhaltspunkte für eine Tat vorlägen, und informiere von sich aus die Strafverfolgungsbehörden, heißt es in einer Erklärung der Bischofskonferenz in Bonn. Der Vatikan in Rom bejahte ausdrücklich den geplanten Runden Tisch in Deutschland. Gleichzeitig warnte ein Sprecher davor, sich beim Thema Missbrauch auf Fälle in der katholischen Kirche zu konzentrieren.

Unterdessen wurden weitere Fälle von Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen in den Niederlanden und in Österreich bekannt. In Düsseldorf sieht sich das evangelische Sozialwerk Diakonie Misshandlungsvorwürfen ausgesetzt. Die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf ermittelt gegen 17 ehemalige Mitarbeiter eines Tochterunternehmens der zur Diakonie Rheinland gehörenden Graf-Recke-Stiftung. Sie sollen Autisten gequält haben.

Die Deutsche Bischofskonferenz erklärte: "Die Kirche unterstützt die staatlichen Strafverfolgungsbehörden bei der Verfolgung sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Geistliche vorbehaltlos." Auf eine Information der Behörden werde nur unter außerordentlichen Umständen verzichtet, etwa wenn es dem ausdrücklichen Wunsch des Opfers entspreche. Dies respektiere auch der Gesetzgeber. Unabhängig vom staatlichen Verfahren gebe es ein eigenes kirchliches Strafverfahren, erklärte der Sprecher der Bischofskonferenz, Matthias Kopp.

Ermittlungen an Odenwaldschule

An der Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim untersucht das Internat das gesamte Ausmaß der Übergriffe. Dazu müssten Faxe, E- Mails, Briefe und Telefonate ausgewertet werden, sagte Sprecherin Gertrud Ohling-von Haken. Ergebnisse sollen am Donnerstag vorgestellt werden. Bis dahin bleibe es seitens der Schule bei den erwähnten 24 Fällen aus den 1970er und 80er Jahren. Darunter sei auch eine Frau. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Die Schule hatte am Montag Briefe an rund 900 Ex-Schüler verschickt. Über Reaktionen darauf wurde nichts mitgeteilt. Direktorin Margarita Kaufmann rief ehemalige Schüler auf, sich im Falle eines Missbrauchs zu melden.

Der frühere Regensburger Domkapellmeister und Papst-Bruder Georg Ratzinger distanzierte sich erneut von den früheren Prügel-Praktiken in der Internatsschule der Regensburger Domspatzen. Er verurteile das Geschehene und bitte die Opfer um Verzeihung, sagte Ratzinger der "Passauer Neuen Presse" (Dienstag). Der frühere Domkapellmeister räumte ein, bis Ende der 70er Jahre hin und wieder selbst Ohrfeigen verteilt zu haben. Er sei froh gewesen, als der Gesetzgeber in den 80er Jahren körperliche Züchtigungen ganz verboten habe. "Daran habe ich mich striktissime gehalten, und ich war innerlich erleichtert."

Auch Nonnen beschuldigt

Für Aufsehen sorgen auch bekannt gewordene Missbrauchsfälle im benachbarten Ausland. In den Niederlanden werden neben zahlreichen Priestern erstmals auch Nonnen beschuldigt, sich an kleinen Jungen vergangen zu haben. Mehr als 200 mutmaßliche Opfer von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche der Niederlande legten bislang Beschwerden bei Behörden und Hilfsorganisationen ein. Die Aufdeckung sei auch durch den Missbrauchsskandal in Deutschland gefördert worden, hieß es in Medienberichten.

In der Zeitung "De Telegraaf" schilderte ein 63-Jähriger, wie er als knapp Elfähriger von Ordensschwestern in der katholischen Internatsschule "De Munt" in Tegelen unweit der Grenze zu Nordrhein- Westfalen sexuell missbraucht wurde. Ein Geistlicher sagte dem Blatt "De Limburger", dass er im Jungenpensionat "St. Maria ter Engelen" mehrfach Zeuge von Kindesmissbrauch durch Priester geworden sei.

In Österreich kommen ebenfalls immer mehr Jahrzehnte zurückliegende Fälle von Missbrauch in der katholischen Kirche ans Tageslicht. Das Internat des Privatgymnasiums des Bregenzer Zisterzienser-Klosters Mehrerau im Vorarlberg bestätigte einen Missbrauchsfall und körperliche Gewalt in den 1980er Jahren. Ein Fall damals sei nicht angezeigt worden, sagte der Mehrerau-Abt Anselm van der Linde den "Vorarlberger Nachrichten". Der Pater habe damals seine Tat gestanden und die Kirche ihn nach Tirol versetzt. Dort habe der heute 74-Jährige eine Therapie gemacht und arbeite weiter als Priester. 2001 habe dann ein weiterer Geistlicher seines Klosters einen drogensüchtigen Jungen in Innsbruck missbraucht. Er sei sofort suspendiert und vom Gericht verurteilt worden.

In Salzburg hatte am Montag Erzabt Bruno Becker einen einmaligen sexuellen Missbrauch eines Minderjährigen vor mehr als 40 Jahren zugegeben und seinen Rücktritt erklärt. Er habe sich bei dem Betroffenen entschuldigt und bedauere seine Tat aufs Tiefste.

Autisten "stundenlang umklammert"

Bei den Vorwürfen gegen das evangelische Sozialwerk Diakonie in Düsseldorf gehe es um körperliche Misshandlung von Schutzbefohlenen und Freiheitsberaubung, sagte Staatsanwalt Johannes Mocken. Die Mitarbeiter hätten bei autistischen Kindern "zweifelhafte Behandlungen" angewandt und diese auf Video gebannt. Die Kinder, die körperlichen Kontakt nicht ertragen können, seien "teilweise stundenlang umklammert" oder an Stühlen festgebunden worden. Zum Teil seien Kinder über mehrere Tage eingesperrt worden.

Die Ermittler werten derzeit rund 200 Stunden Videomaterial aus. Über die Ermittlungen gegen die früheren Mitarbeiter der Stiftungstochter Educon hatte die ARD-"Tagesschau" am Montagabend berichtet. Educon betreibt Schulen und unterhält Wohngruppen für behinderte und verhaltensauffällige Kinder im Großraum Düsseldorf.
 

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