Die Fremde
Sie will leben wie alle - und bezahlt dafür schrecklich
Ruprecht Skasa-Weiß , veröffentlicht am 11.03.2010
Filmbeschreibung
Türken in Deutschland: das ist fatal für die, die sich der Integration verweigern, fixiert auf den Ehrenkodex eines schaurig-archaischen Paralleluniversums. Gewalttätige Ehemänner sind keine Seltenheit in dieser Welt, es gibt sie überall. Auch Umay, die in Deutschland aufgewachsene Türkin, hat Grund zu weinen. Kemal, der Mann, mit dem sie zusammenlebt im Hochhausviertel einer öden Istanbuler Vorstadt, nimmt sie her, wenn sie's nicht will, und den kleinen Cem, ihren Sohn, sperrt er weg wie eine widerspenstige Geiß, buchstäblich wegen eines Drecks. Eines Tages reicht es Umay. Sie zählt ihr Geld, packt Cem, flieht aus der steinernen Wüstenei.
Feo Aladag, die Regisseurin des Dramas, erzählt den Fortgang ganz lapidar, in dichtgefügten Sequenzen. Nächstes Bild: ein Flugzeug, den Breitwandhimmel durchquerend. Dann ein Türknauf, riesig - es könnte überall sein, aber die Tür gehört zu einem Berliner Altbau, und dahinter öffnet Umays Mutter, freudig überrascht. Als sie Kemal nicht sieht, weicht die Freude schnell einer ersten Irritation.
Und damit ist der Film beim Thema: die Parallelwelt wird sichtbar. "Lass mich dei- ne Hand küssen, Papa", sagt Umay; aber der apoplektische Alte will nur eines wissen: "Wann kommt Kemal?" Anfangs hält Umay die Eltern und Brüder hin, dann sagt sie, wie's ist: "Er wird nicht kommen." Zug um Zug folgt die Eskalation: "Was machst du hier", fragt der ältere Bruder. Als er zu toben beginnt, weil sie rief: "Kümmere dich um deine eigenen Sachen!", hält sie sich verschreckt die Ohren zu. Die Familie ist sich einig: Wenn Cem nicht bei Kemal bleibt, macht sie ihr Kind zum Bastard.
Umays Sorge wächst, doch mit dem Leid wächst der Trotz. Der Alte nimmt Cem mit zum Freitagsgebet, ohrfeigt ihn wegen Unmännlichkeit, und als Umay unter Tränen gesteht, dass sie es nicht mehr ausgehalten habe, sie, die Ehefrau im Unglück, macht ihr die Art, wie sie am Familientisch angestarrt wird, definitiv klar , dass ihr Jammer eine Geringfügigkeit sei gegen den Jammer, den sie heraufbeschwört. "Sie reden über uns", klagt die Mutter. An seinem Arbeitsplatz in der Verpackungsfirma hört Umays Vater die Kollegen munkeln. Er fühlt sich beschmutzt.
Was folgt, sind Gespräche von fürchterlicher Vorhersehbarkeit. "Mein Platz ist hier, Papa." - "Du bist eine verheiratete Frau." - "Er schlägt mich." - "Er ist dein Ehemann. Heute schlägt er dich, morgen streichelt er dich. Haben wir dich großgezogen, damit du uns beschämst?" Umay wendet ein, auch der Onkel sei eigene Wege gegangen. "Das kannst du nicht vergleichen." - "Warum nicht?" - "Weil es so ist."
Auch der Terror, die Randale der Brüder - alles in diesem Film ist vorhersehbar, genau wie der grausige Schluss. Feo Aladag hat das Drama so exemplarisch inszeniert, dass das statuierte Exempel bestürzt - es ist das stärkste Debüt einer Regisseurin seit Jahren. Sibel Kekilli spielt Umay herzrührend desperat, zerrissen zwischen Elternliebe und Selbstständigkeitsverlangen. Als Terre-des-Femmes-Mitglied kennt sie die Brisanz des Themas: Weltweit werden jährlich 5000 "Ehrenmorde" begangen.
Feo Aladag, die Regisseurin des Dramas, erzählt den Fortgang ganz lapidar, in dichtgefügten Sequenzen. Nächstes Bild: ein Flugzeug, den Breitwandhimmel durchquerend. Dann ein Türknauf, riesig - es könnte überall sein, aber die Tür gehört zu einem Berliner Altbau, und dahinter öffnet Umays Mutter, freudig überrascht. Als sie Kemal nicht sieht, weicht die Freude schnell einer ersten Irritation.
Und damit ist der Film beim Thema: die Parallelwelt wird sichtbar. "Lass mich dei- ne Hand küssen, Papa", sagt Umay; aber der apoplektische Alte will nur eines wissen: "Wann kommt Kemal?" Anfangs hält Umay die Eltern und Brüder hin, dann sagt sie, wie's ist: "Er wird nicht kommen." Zug um Zug folgt die Eskalation: "Was machst du hier", fragt der ältere Bruder. Als er zu toben beginnt, weil sie rief: "Kümmere dich um deine eigenen Sachen!", hält sie sich verschreckt die Ohren zu. Die Familie ist sich einig: Wenn Cem nicht bei Kemal bleibt, macht sie ihr Kind zum Bastard.
Umays Sorge wächst, doch mit dem Leid wächst der Trotz. Der Alte nimmt Cem mit zum Freitagsgebet, ohrfeigt ihn wegen Unmännlichkeit, und als Umay unter Tränen gesteht, dass sie es nicht mehr ausgehalten habe, sie, die Ehefrau im Unglück, macht ihr die Art, wie sie am Familientisch angestarrt wird, definitiv klar , dass ihr Jammer eine Geringfügigkeit sei gegen den Jammer, den sie heraufbeschwört. "Sie reden über uns", klagt die Mutter. An seinem Arbeitsplatz in der Verpackungsfirma hört Umays Vater die Kollegen munkeln. Er fühlt sich beschmutzt.
Was folgt, sind Gespräche von fürchterlicher Vorhersehbarkeit. "Mein Platz ist hier, Papa." - "Du bist eine verheiratete Frau." - "Er schlägt mich." - "Er ist dein Ehemann. Heute schlägt er dich, morgen streichelt er dich. Haben wir dich großgezogen, damit du uns beschämst?" Umay wendet ein, auch der Onkel sei eigene Wege gegangen. "Das kannst du nicht vergleichen." - "Warum nicht?" - "Weil es so ist."
Auch der Terror, die Randale der Brüder - alles in diesem Film ist vorhersehbar, genau wie der grausige Schluss. Feo Aladag hat das Drama so exemplarisch inszeniert, dass das statuierte Exempel bestürzt - es ist das stärkste Debüt einer Regisseurin seit Jahren. Sibel Kekilli spielt Umay herzrührend desperat, zerrissen zwischen Elternliebe und Selbstständigkeitsverlangen. Als Terre-des-Femmes-Mitglied kennt sie die Brisanz des Themas: Weltweit werden jährlich 5000 "Ehrenmorde" begangen.
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