Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Sonntag, 12. Februar 2012

Kino


Ajami

Ums Leben laufen oder auf Gemeinschaft hoffen

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 11.03.2010
Filmbeschreibung
Ein Mann rennt davon. Das scheint auch das Klügste zu sein, was man in "Ajami" tun kann. Auch dann, wenn kein konkreter Verfolger mit der Waffe in der Hand hinter einem her ist. Davonzulaufen, das scheint die logische Reaktion auf die Lebensumstände in Ajami, in jenem sehr gemischt bevölkerten Stadtteil der Großstadtregion Tel-Aviv-Jaffa, der diesem Spielfilm mehr als den Titel und die Inspiration geliehen hat. Die Regisseure Yaron Shani und Scandar Copti haben mit Laien aus dem Viertel gedreht, was ihren Film kein bisschen linkisch macht, sondern auflädt mit Melancholie, Überzeugungskraft und Widerständigkeit.

Ein Mann rennt davon, aber weil "Ajami" in der Zeit vor und zurückspringt, können wir nicht ganz sicher sein, was gerade passiert ist und was nun folgen wird. Die Atmosphäre des Misstrauens, die archaischen Rituale der Ehre, die neue politische Gereiztheit, das Durcheinander aus Machismo und Kriminalität legen uns aber nahe, dass der Mann mit gutem Grund um sein Leben rennt.

"Ajami" beginnt bereits mit einem Mord. Ein junger Mann ist zur falschen Zeit am falschen Ort. Er wird mit einem Angehörigen verwechselt und niedergeschossen. Solche Fehden sind den Bewohnern hier bitter vertraut. Manche gehen nicht mehr aus ihren Häusern, weil sie draußen Männern eines anderen Familienclans begegnen könnten, die einer offenen Buchhaltung von Rache und Vergeltung einen weiteren Posten hinzufügen möchten.

Der Jude Shani und der Palästinenser Copti entwickeln vom anfänglichen Mord aus keine übliche Thrillerhandlung. Sie erzählen in zunächst lose verflochtenen Handlungssträngen von verschiedenen Figuren und Problemen. Es geht um Blutrache, um junge Liebe ohne Duldung der Eltern, um Arbeitslosigkeit, um die Ausbeutung der Illegalen, um die Verführung, mit Drogen das schnelle Geld zu machen und um vieles andere. "Ajami", der gerade in einem starken Oscar-Wettbewerb als bester fremdsprachiges Werk nominiert war, ist ein Mosaikfilm, aber keiner, der willentlich verwirrt, um auf die eigene Kunstfertigkeit zu verweisen. Er will uns desorientieren, um uns ein wenig vom Lebensgefühl seiner Protagonisten spüren zu lassen. Und dann gibt es noch diese beunruhigenden Schwarzblenden, in denen Szenen enden, als solle suggeriert werden, es könnte für diesen oder jenen bald alles aus sein und die Welt für immer dunkel werden.

Die Sets sind authentisch. Die Kamera ist mal nahe dran, mal aber auch betont weit weg, schaut von der Ferne auf ihre Figuren. Das soll nicht nur vermitteln, dass hier beständig fremde Augen registrieren, was jemand tut und ob er sich an die vielen ungeschriebenen Regeln seiner jeweiligen ethnischen oder sozialen Gruppe hält. Es soll uns auch daran erinnern, dass die Menschen hier einesteils gerne selbst weit weg wären vom Schlamassel.

Auf der anderen Seite aber ist der Mann, der um sein Leben läuft, das Gegenbild zur Hoffnung der meisten Figuren. Die möchten eigentlich gar nicht fort, sondern vor Ort ihr Leben auf die Reihen bringen, möchten sich einrichten im Vertrauten, nur diese oder jene individuelle Abweichung von der Norm genießen. Sie möchten Ajami als Zuhause, nicht als Kerker haben.

Aber das wird nicht funktionieren, Shani und Copti verbauen bis an die Grenze der didaktischen Manipulation Chancen und lassen Dinge schief gehen. Israelische Filme erzählen nachvollziehbarerweise von der Frontlinie zwischen Juden und Palästinensern und dem Risiko, diese Linien mit diesen oder jenen Absichten zu überschreiten. "Ajami" entwirft ein viel komplexeres Bild einer multikulturellen Gesellschaft, deren Alltag voller Zündstoff steckt, auch das Miteinander von Beduinen und Palästinensern etwa. Auch wenn es hier keine Intifada und keinen Hader um besetzte Gebiete gäbe, lebten die Menschen noch nicht in Gemeinschaft.
 
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