Ein Prophet
Knast, absolviert als Erziehungsanstalt
Ruprecht Skasa-Weiß, veröffentlicht am 11.03.2010
Filmbeschreibung
Ist schon der Gefängnisfilm hart, packend, krud, ist es der Mafiafilm erst recht - oder dreht man den Satz besser um? Brutale Knastfilme, die auf Realistik setzen und mehr (beziehungsweise weniger) erzählen als bloße Ausbruchsfabeln, sind im Gegenwartskino selten geworden. Aber dass beide Welten, die der Anstalt und jene des Verbrechens in mafiotischer Freiheit, einander bedingen und geradezu voraussetzen, das wurde noch nie so atemraubend schlüssig thematisiert wie hier, im Film des Franzosen Jacques Audiard.
Wer robuste Nerven hat und minutenlang mitanzusehen gewillt ist, wie Blut fontänengleich aus einer aufgeschlitzten Halsschlagader schießt, dem sei dieser Film zwar nicht ans Herz gelegt, aber eine Etage höher ans Hirn. Er wird die Einsicht gewinnen, dass Gefängnismauern nichts gelten, wo sich der Mikrokosmos des Zellendaseins gefährlich entgrenzt hat - bis tief hinein in die gesamte Multikultigesellschaft, deren kriminelle Potenziale jederzeit zurückwirken auf die Zelle. Audiard ("Der wilde Schlag meines Herzens") inszeniert klar und drastisch ein Häftlingsleben - und liefert zugleich, weil notwendig darin enthalten, eine Mafiasaga.
Neunzehn ist Malik, als er im Zuchthaus landet, ein wirrmähnig-finsterer Maghreb-Typ, weggesperrt für sechs Jahre: die hohe Strafe, weshalb? Der Film lässt es offen, doch wird man erfahren, dass er ein Waisenkind war, im Heim aufgewachsen, ein Analphabet ohne Bildung, Religion, familiäre Bindungen. Sein Rauschebart wird ihm sofort gestutzt; kahlköpfig lernt er die erste Lektion, als ihn ein Mithäftling zusammenschlägt, weil dem seine Schuhe gefallen: Entweder bist du der Stärkere oder ... Aber schon die zweite Lektion macht ihm klar, dass Stärke geliehen sein kann, dass sie organisiert und vernetzt werden muss.
Sofort nehmen brutale, von ihrem Boss César Luciani herrisch in Trab gehaltene korsische Mafiosi Malik in die Mangel - und der Alte, ein massiger Typ von augenzerquetschender Schnellkraft (Niels Arestrup), zeigt ihm die Perspektive: Anfreunden soll er sich mit einem Widerwart, der sein Machogemüt durch versaute Blasofferten beleidigte - und auf die Frage nach dem Warum erfährt er: "Weil du ihn umbringst. Wenn du ihn nicht tötest, töte ich dich!"
Widerstand zwecklos. Maliks Versuch, den Direktor zu sprechen, wird durchkreuzt, mit einer Tüte überm Kopf findet er sich halb erstickt in seiner Zelle. Irgendwann entschließt er sich zur Tat, die Rasierklinge weisungsgerecht im Mund. "Du kraulst ihm die Eier", hatte man ihm eingeschärft, "dann hoch und zack!" Es kommt anders, verstümpert, mit Unmengen von Blut auf Maliks Hemd, Hose, Schuhen, und das Trauma der furchtbaren Tat wird ihn lebenslang nicht mehr verlassen.
Aber seine Position verbessert sich: Er steht jetzt unter Lucianis Schutz. Nutze die Zeit im Knast, hatte der Korse ihm geraten, und tatsächlich, Malik, der Araber, lernt Sprachen, auch Korsisch, steigt auf zum Allzweck-Faktotum im Clan, seine Privilegien sind unübersehbar: TV und Kühlschrank kommen in seine Zelle - trotzdem bleibt er der "Scheiß-Araber" für die Korsen. Als Sarkozys Haftreform die Korsen fortverlegt auf ihre Insel, überrascht Malik den zurückgebliebenen, jäh seiner Machtmittel beraubten Luciani: "Parla tua lingua", sagt er, sich empfehlend als letzten Getreuen. Notgedrungen lässt der Alte sich darauf ein. "Bilde ich mir das ein, oder werden es immer mehr?" fragt er beim Hofgang. Im Hof wimmelt es von Mohammedanern.
Auch mit denen kommt Malik bald ins Geschäft. Seine Eigenmacht wächst, je mehr er Franzosen, Italiener, Araber gegen einander ausspielt. Da er der Weisung des Alten, sich hinfort als Musterhäftling zu betragen, clever gefolgt ist, erhält er Freigang, den er sofort zu großen Kokain-Deals nutzt, mit blutigen Schießereien, vor Augen das näher rückende Ziel, das organisierte Verbrechen auf eigene Faust zu organisieren. Luciano, der Hüne, ist zum Winzling geschrumpft neben ihm. Altmodische Brutalmanier hat ausgespielt, Multikulti-wendigkeit gewinnt die Zukunft. Das Erziehungsprodukt Malik ist ausgereift, vom Gefängnis geformt, für die Gesellschaft bereit. Ein vielfach preisgekrönter Film, inszeniert mit einem Hauptdarsteller (Tahar Rahim), dessen physische Präsenz selbst in Momenten, wo er geängstigt wird, ängstigt
Wer robuste Nerven hat und minutenlang mitanzusehen gewillt ist, wie Blut fontänengleich aus einer aufgeschlitzten Halsschlagader schießt, dem sei dieser Film zwar nicht ans Herz gelegt, aber eine Etage höher ans Hirn. Er wird die Einsicht gewinnen, dass Gefängnismauern nichts gelten, wo sich der Mikrokosmos des Zellendaseins gefährlich entgrenzt hat - bis tief hinein in die gesamte Multikultigesellschaft, deren kriminelle Potenziale jederzeit zurückwirken auf die Zelle. Audiard ("Der wilde Schlag meines Herzens") inszeniert klar und drastisch ein Häftlingsleben - und liefert zugleich, weil notwendig darin enthalten, eine Mafiasaga.
Neunzehn ist Malik, als er im Zuchthaus landet, ein wirrmähnig-finsterer Maghreb-Typ, weggesperrt für sechs Jahre: die hohe Strafe, weshalb? Der Film lässt es offen, doch wird man erfahren, dass er ein Waisenkind war, im Heim aufgewachsen, ein Analphabet ohne Bildung, Religion, familiäre Bindungen. Sein Rauschebart wird ihm sofort gestutzt; kahlköpfig lernt er die erste Lektion, als ihn ein Mithäftling zusammenschlägt, weil dem seine Schuhe gefallen: Entweder bist du der Stärkere oder ... Aber schon die zweite Lektion macht ihm klar, dass Stärke geliehen sein kann, dass sie organisiert und vernetzt werden muss.
Sofort nehmen brutale, von ihrem Boss César Luciani herrisch in Trab gehaltene korsische Mafiosi Malik in die Mangel - und der Alte, ein massiger Typ von augenzerquetschender Schnellkraft (Niels Arestrup), zeigt ihm die Perspektive: Anfreunden soll er sich mit einem Widerwart, der sein Machogemüt durch versaute Blasofferten beleidigte - und auf die Frage nach dem Warum erfährt er: "Weil du ihn umbringst. Wenn du ihn nicht tötest, töte ich dich!"
Widerstand zwecklos. Maliks Versuch, den Direktor zu sprechen, wird durchkreuzt, mit einer Tüte überm Kopf findet er sich halb erstickt in seiner Zelle. Irgendwann entschließt er sich zur Tat, die Rasierklinge weisungsgerecht im Mund. "Du kraulst ihm die Eier", hatte man ihm eingeschärft, "dann hoch und zack!" Es kommt anders, verstümpert, mit Unmengen von Blut auf Maliks Hemd, Hose, Schuhen, und das Trauma der furchtbaren Tat wird ihn lebenslang nicht mehr verlassen.
Aber seine Position verbessert sich: Er steht jetzt unter Lucianis Schutz. Nutze die Zeit im Knast, hatte der Korse ihm geraten, und tatsächlich, Malik, der Araber, lernt Sprachen, auch Korsisch, steigt auf zum Allzweck-Faktotum im Clan, seine Privilegien sind unübersehbar: TV und Kühlschrank kommen in seine Zelle - trotzdem bleibt er der "Scheiß-Araber" für die Korsen. Als Sarkozys Haftreform die Korsen fortverlegt auf ihre Insel, überrascht Malik den zurückgebliebenen, jäh seiner Machtmittel beraubten Luciani: "Parla tua lingua", sagt er, sich empfehlend als letzten Getreuen. Notgedrungen lässt der Alte sich darauf ein. "Bilde ich mir das ein, oder werden es immer mehr?" fragt er beim Hofgang. Im Hof wimmelt es von Mohammedanern.
Auch mit denen kommt Malik bald ins Geschäft. Seine Eigenmacht wächst, je mehr er Franzosen, Italiener, Araber gegen einander ausspielt. Da er der Weisung des Alten, sich hinfort als Musterhäftling zu betragen, clever gefolgt ist, erhält er Freigang, den er sofort zu großen Kokain-Deals nutzt, mit blutigen Schießereien, vor Augen das näher rückende Ziel, das organisierte Verbrechen auf eigene Faust zu organisieren. Luciano, der Hüne, ist zum Winzling geschrumpft neben ihm. Altmodische Brutalmanier hat ausgespielt, Multikulti-wendigkeit gewinnt die Zukunft. Das Erziehungsprodukt Malik ist ausgereift, vom Gefängnis geformt, für die Gesellschaft bereit. Ein vielfach preisgekrönter Film, inszeniert mit einem Hauptdarsteller (Tahar Rahim), dessen physische Präsenz selbst in Momenten, wo er geängstigt wird, ängstigt
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