Australien

Land unter in Down Under

Soak, veröffentlicht am 15.03.2010
Foto: Jenewein

Der Wagen auf der schnurgeraden, einsamen Strecke fährt in Schlangenlinien. Am Steuer des Jeeps sitzt Sab Lord. In der Mitte des Armaturenbretts liegt sein heller Hut aus weichem Leder. Die an Crocodile Dundee gemahnende Kopfbedeckung spiegelt sich in der Windschutzscheibe wider.

Das Krokodil Burt, das bei der 1986 gedrehten Filmkomödie eine Hauptrolle gespielt hat, genießt derweil nur wenige Kilometer entfernt seinen Altersruhesitz. Der Koloss lebt in einem Aquarium im Crocosaurus Cove in Darwin, der Hauptstadt der australischen Northern Territories. In der Stadt leben 110.000 Menschen.

Doch selbst Burt wäre nicht sicher vor den kleinen Plagen, denen Sab Lord mit seiner schlangenlinienförmigen Fahrt auf der Spur ist: Den heißen Reifen fährt der Tourguide, um die Aga-Kröten, die sich auf die Straße verirren, über den Haufen zu fahren. Sab Lord hasst diese Kröten. Denn er ist ein großer Tierfreund.

Das ist keinesfalls ein Widerspruch. Die Kröten stammen aus Südamerika, sie wurden 1935 nach Nordaustralien gebracht, um schädliche Käfer in Zuckerrohrfeldern zu vernichten. Doch nun werden die seinerzeit 100 Kröten zur Landplage. Geschätzte 100 Millionen Tiere bedrohen inzwischen sämtliche heimische Arten. Selbst Krokodile und Giftschlangen können an dem Gift, das sie über zwei Organe am Rücken produzieren, verenden. "Nur die Krähen profitieren von der Kröte", sagt Sab Lord, "die haben gelernt, sie auf den Rücken zu werfen und nur am Fleisch ihres Bauches zu picken."

Millionen Dollar haben die Umweltbehörden im Krieg gegen die "Invasoren" schon ausgegeben. Sab Lord trägt seinen kleinen Teil auf seine sehr spezielle Art und Weise dazu bei. Und das ganz nebenbei – denn eigentlich ist er mit seiner Reisegruppe auf dem Weg zu den Mary River Wetlands, einem 800.000 Hektar großen Naturreservat in Australiens tropischem Top End nahe der Küste.

Eine gleißende Fläche erstreckt sich in einer Senke auf der Straße. Das letzte tropische Unwetter hat die Straße geflutet. Im Norden Australiens ist von November bis April Regenzeit. Die Australier nennen sie schlicht "The Wet". Enorme Hitze, wolkenbruchartige Niederschläge, eine hohe Luftfeuchtigkeit, Stürme und sogar tropische Wirbelstürme bestimmen dann das Leben der Bewohner. Kein Klima, das Touristen anlockt. Doch die Mary River Wetlands, deren weite Ebenen während der Regenzeit meterhoch überschwemmt sind, zeigen erst dann ihre wahre Fülle an Schönheit und Artenreichtum.

Sab Lord bahnt sich mit seinem Jeep langsam und vorsichtig einen Weg durch die Wassermassen. Wenig später tauchen immer wieder Gatter auf, die es zu öffnen und wieder zu schließen gilt. Am Rande des Weges suhlen sich nun Wasserbüffel in Sumpflöchern: Das Gebiet gehört zu den Bamurru Plains, einer Wasserbüffelfarm. Neben den Tieren beherbergt die Farm auch Touristen in einem noblen Safari-Camp auf Stelzen.

John O’Shea, Verwalter der Bamurru Plains, unternimmt mit seinen Gästen täglich Touren im propellergetriebenen Sumpfboot, das mit bis zu 60 Kilometern pro Stunde über die Flusslandschaft gleitet und sich durch Schilfgras und Wildreis eine Furt schneidet. Die Wasserlilien, durch die es pflügt, poppen direkt hinter dem Boot wieder hoch, als sei nichts gewesen.

Doch das Ökosystem ist fragil: Seit Jahrzehnten dringt der Ozean in die Wetlands ein. Die Erderwärmung lässt den Meeresspiegel an der Nordküste viermal schneller ansteigen als im globalen Durchschnitt. 20000 Hektar der überschwemmten Ebenen sollen versalzen sein. Als das Boot wieder am Rande der Floodplains anlegt, liegen die Bungalows im Sonnenuntergang. Davor grasen Wasserbüffel und Wildpferde. Doch das Idyll täuscht: Die Büffel werden ihr Land als Fleischexport verlassen, die Wildpferde werden zu Hundefutter verarbeitet, da sie das Ökosystem stören. Das Kanalisationssystem hingegen stört eine Aga-Kröte. Sie sitzt in der Kloschüssel. Sab Lord eilt zu Hilfe. Nachsichtig erklärt er, dass es sich bei dem Tier nicht um eine der Kröten, sondern um einen Green Tree Frog handle – und die bekäme man um diese Jahreszeit schlicht nicht aus den Toiletten. Was nun zu tun ist, das sagt er allerdings nicht. Drüberpinkeln und dann runterspülen?

Am nächsten Morgen liegt ein mächtiger Büffel verendet im Gras. "Wahrscheinlich ein Schlangenbiss", sagt John O’Shea. Von diesen Reptilien kann Sab Lord viele Geschichten erzählen, und das tut er auch während der Fahrt zum berühmten Kakadu-Nationalpark. Dreimal wurde er bereits von einer Giftschlange gebissen. Beim ersten Mal ließ er sich noch im Krankenhaus behandeln. Beim zweiten Mal begnügte er sich mit einer Flasche Scotch. Sab Lord ist da nicht zimperlich, schließlich ist er auf einer Rinderfarm aufgewachsen, weitab der Zivilisation. Von den Aborigines auf der Farm hat er viel gelernt. Zum Beispiel etwas über kulinarische Freuden. Der 19-jährige Aborigine Nilius springt auf dem Yellow-Water-Fluss im Herzen des Kakadu-Parks fast von Bord des Schiffes, als er eine riesige Schildkröte sieht. "Die sind so lecker", kreischt er. Für die Ureinwohner Australiens, die ihre Jagdrechte behalten haben, ist der Fluss ein großer Supermarkt.

Doch im Wasser lauern auch Gefahren: Krokodile, die dort bis zu sieben Meter groß werden können, harren ihrer Beute. Auf der Heimfahrt nach Darwin fährt der Jeep in den Sonnenuntergang hinein. Aber auch über eine Art kleines Känguru hinweg. Genauer gesagt über ein Wallaby. Das hat Sab Lord nicht gewollt. Plötzlich hält er an, setzt zurück und springt aus dem Wagen. Draußen führt er eine Art Veitstanz auf. Als er zum Auto zurückkehrt, windet sich ein Wasserpython um seine Hände. Den Aga-Kröten ist das Geschöpf bisher entkommen – nicht aber Sab Lords Lust an Abenteuern.

Northern Territories

Anreise
Mit Deutsche Lufthansa oder British Airways und Quantas Airways von Stuttgart nach Darwin ab 770 Euro, mit zwei Zwischenstopps: der erste entweder in Frankfurt oder London, der zweite in Singapur. Mit Quantas oder Jetstar Airways von Frankfurt nach Darwin ab 940 Euro, ein Zwischenstopp in Singapur.

Allgemeine Informationen
Tourism Northern Territory, im Internet unter www.australiasoutback.de

Preise
Bier, Cola, Wein ab 3 Euro
Einfaches Menü ab 12 Euro
Schachtel Zigaretten 9 Euro

Unterkunft
Das Vibe Hotel in Darwin liegt in der Nähe des Hafens und ist wenige Gehminuten vom Stadtzentrum entfernt, www.vibehotels.com.au. Für den kleinen Geldbeutel gibt es aber auch viele Backpacker-Hotels mitten in der City. Im Outback ist Barmurru Plains, www.bamurruplains.com, eine sehr gute und etwas andere, aber nicht ganz billige Adresse.

Wetter
Die beste Reisezeit für den Norden Australiens ist von April bis November. Von November bis April ist Regenzeit. Das heißt: enorme Hitze, wolkenbruchartige Niederschläge, Stürme und sogar Wirbelstürme.

Was sie tun und lassen sollten
Auf keinen Fall sollten Sie an einem der schönen Strände schwimmen gehen. Im Meer wimmelt es von Krokodilen, Haien und Würfelquallen. Krokodile lauern übrigens in allen Gewässern – auch von kleinen Tümpeln sollte man sich fernhalten.
Auf jeden Fall sollten Sie in die Nationalparks rund um Darwin fahren. Das geht entweder mit einem Tourguide – etwa mit Lords Safaris, www.lords-safaris.com, sowie mit NT Indigenous Tours, www.ntindigenoustours.com – oder aber auf eigene Faust mit einem Mietwagen, der unbedingt eine Klimaanlage und Vierradantrieb haben sollte. Wenn Sie keine Zeit für Darwins Umland haben, sollten Sie eine Stadtführung einplanen, etwa mit Darwin Walking Tours, www.darwinwalkingtours.com, oder einen Angeltrip auf hoher See, www.darwinreefnwrecks.com.au.
 

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