Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Sonntag, 12. Februar 2012

Leonberger Kreiszeitung


Landkreis Böblingen

Spezialeinheiten gegen Katastrophen

veröffentlicht am 12.03.2010
Christian Nimtz

Guido Plischeks Räume im Landratsamt sind eine Mischung aus Büro und Einsatzzentrale. Seit dem vergangenen Jahr ist er der Böblinger Kreisbrandmeister, außerdem Leiter der Stabsstelle Krisenmanagement und zuständig für den vorbeugenden Brandschutz. Wenn es so richtig rund geht, laufen alle Fäden bei ihm zusammen. Früher arbeitete der 45-Jährige in einer Berliner Rettungswache, war Wachabteilungsleiter. Ein T-Shirt erinnert noch heute an diese Zeit: „Icke bin ein Berliner.“


Täglich rückten Plischek und seine Leute damals in Neukölln zu Großeinsätzen aus. Oft gab es Tote. Guido Plischek kennt sie gut, die Ungewissheit vor jedem Schritt in die Flammen. Denn Feuer ist nicht gleich Feuer. „Und Böblingen ist nicht Berlin“, sagt Plischek. Er meint damit die Intensität, die Schwierigkeit der Einsätze. In Neukölln komme es vor, dass Menschen in den Flammen sterben, weil sie kein Deutsch sprechen und Anweisungen nicht verstehen. Solche Probleme gebe es in Böblingen selten. Hier haben manche Kommunen, Firmen und Investoren noch Geld für Brandvorbeugung über das Mindestmaß hinaus oder hatten es zumindest bis vor kurzem noch.

Dennoch hat um Böblingen und Leonberg herum der Brandschutz zuletzt einige Male nicht ausgereicht. Am Mittwoch, 13. Januar, fand ein 88-jähriger Mann in Maichingen bei einem Hausbrand den Tod. Am Mittwoch, 17. Februar, musste die Feuerwehr drei Hochhäuser evakuieren, 100 Menschen waren betroffen. Wieder war es in Maichingen, diesmal ein Tiefgaragenbrand. Und auch die Bürger in Weil der Stadt werden sich noch lange an das große Feuer erinnern, das am Montag, 11. Januar mitten in der Innenstadt ausbrach. 18 Familien mussten evakuiert werden.

Für Guido Plischek ist jeder verletzte Mensch und jeder Brandschaden einer zuviel. „Sicherheit darf keine Frage des Geldes sein“, betont er. Was die Vorbeugung angeht, sieht Plischek das Land in der Pflicht, die Gesetze und Richtlingen zu verbessern. Erst kürzlich lief er mit anderen baden-württembergischen Kreisbrandmeistern Sturm gegen Teile der neuen Landesbauordnung. Sie tritt in diesem Frühjahr in Kraft. Es heißt darin, dass künftig jeder Architekt selbst einschätzen dürfe, ob ein Gebäude Brandschutzanforderungen erfüllt. „Das kann nicht immer gut gehen“, sagt Plischek. Er selbst hat Architektur in Berlin studiert. Plischek hat die Macht, öffentliche Gebäude dicht zu machen, wenn sie nicht den Brandschutzbestimmungen entsprechen: Wenn es keinen Fluchtweg gibt, Fenster zu klein sind, Treppenhäuser keine Schutztüre haben.

Andere Wege gehen will Plischek beim abwehrenden Brandschutz. „Viele Wehren arbeiten natürlich gut zusammen“, sagt er. „Doch könnte die Zusammenarbeit über die Gemarkungsgrenzen noch stärker institutionalisiert werden.“ Möglich wären außerdem „Spezialeinheiten“ für den gesamten Kreis, die beispielsweise von Böblingen und Sindelfingen ausrücken. Sie könnten aus Wehrleuten bestehen, die sich auf Chemikalienabwehr oder radioaktive Gefahren spezialisieren, die sich mit komplizierten und besonders gefährlichen Bränden auskennen und die über eine entsprechende Ausbildung und Ausrüstung verfügen. „Auch wenn klar sein muss, dass viele Strukturen erhalten bleiben müssen“, sagt Plischek. 26 freiwillige Feuerwehren gebe es im Kreis. „Das hat auch eine soziale Komponente. Die Wehr ist eine tragende Säule der jeweiligen Gemeinde“, so Plischek.

Ob eine Spezialisierung den Betroffenen des Brandes in Weil der Stadt hätte helfen können, gehört allerdings ins Reich der Spekulation. Dort wird das beschädigte Mehrfamilienhaus derzeit saniert. Die Bewohner haben sich längerfristig Zimmer genommen oder sind bei Verwandten und Freunden unter gekommen. Der evangelische Pfarrer Helmut Göltenboth ist einer von ihnen. Er wohnte mit seiner Ehefrau und den zwei Katzen in jenem Haus in der Kellereigasse. „Es ist schlimm für alle Beteiligten, aber zum Glück wurde niemand ernsthaft verletzten“, sagt Göltenboth. Er selbst freute sich unterdessen darüber, dass seine Katze „Schnuck“ wieder aufgetaucht ist – acht Wochen nach dem Brand. Göltenboth hatte sie schon aufgegeben. Doch „Schnuck“ saß zwei Monate lang in einer der Wohnungen, ernährte sich von Schokolade, bis ein Nachbar sie fand. „Das ist ein kleines Wunder“, sagt der Pfarrer.

„Wenn die Bürger anrufen, dann ist ihnen erst einmal egal, woher die Hilfe kommt“, sagt Guido Plischek. „Hauptsache sie kommt und sie kommt schnell“, ergänzt er. „Ich sage zu den Feuerwehrleuten immer: Für die Bürger sind wir alle 112.“


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