Precious - Das Leben ist kostbar

Im Fettpanzer durch die Hölle von Harlem

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 24.03.2010
Filmbeschreibung
Claireece Jones ist kein nettes Moppelchen, das in einem heiteren Film über das Selbstbewusstsein der nicht Normgerechten von kleinen Misslichkeiten zum großen Glück voranschreitet. Claireece Jones ist eine als Übergewichtsballung materialisierte Sozialisationskatastrophe, ein afroamerikanischer Ghettoteenager, bei dessen Anblick der lindeste Geist Mühe hat, nicht in Gedanken die Formel "fettes Monstrum" zu verwenden. Denn diese böse Schmähung wäre hilfreich, von einem abzuweisen, was einen als Erkenntnis bedrücken will: dass Claireece nicht so dick ist, weil sie aus purem Spaß an Bratfett und Zuckerschock eimerweise Junkfood und Cola verschlingt. Claireece, die durchsetzen möchte, dass die anderen sie Precious nennen, also Kostbarkeit, muss sich den platzprallen Kugelkörper angefuttert haben, um Distanz und Knautschzone zwischen sich und die Welt zu bringen, um gepanzert zu sein.

Tatsächlich erzählt Lee Daniels' Spielfilm "Precious - Das Leben ist kostbar" von einer höllischen Existenz. Wir befinden uns im Harlem der achtziger Jahre, und Precious wächst in Verhältnissen auf, die wie der Modellentwurf aus einem Handbuch für Sozialarbeiter wirken, aus dem Kapitel "Wann man aufgeben muss: hoffnungslose Fälle". Precious lebt in einem Umfeld, in dem Sozialhilfe die einzige vorstellbare Existenzgrundlage darstellt, in dem Säuferinnen, die den ganzen Tag vor den seierigsten Programmen des Fernsehens hängen, gegenüber den Drogenstrichern auf der Straße die stabile Mittelschicht abgeben. Ihr Vater, der nicht mehr bei der Familie lebt, aber immer wieder drohend vorbeischaut, vergewaltigt Precious seit frühester Kindheit. Sie ist gerade zum zweiten Mal schwanger von ihm. Für ein erstes Kind, das behindert zur Welt kam, hat Precious' Mutter die Vormundschaft übernommen, es aber sofort an die eigene Mutter abgeschoben. Sie will nur das Kindergeld.

Die Mutter ist launisch, gewalttätig, tyrannisch, sie lebt ihre Frustrationen an ihrer Tochter aus und hält Precious auch in sexueller Sklaverei. Als die Schule Precious an eine Fördereinrichtung für besondere Problemfälle weiterreicht, bricht daheim ein neuer Konflikt auf. Jedes kleine bisschen Bildung wird als Bedrohung der Versagergewalten empfunden. Hier sollen es die Kinder nicht besser, sondern schlechter als die Eltern haben, damit die endlich das Gefühl eines Vorsprungs auskosten können.

Das liest sich gewiss wie ein Horrorkatalog, wie die Details eines deprimierenden Optimismusvernichtungsfilms, einer erzählerischen Rache an den privilegierten Kinogängern. Aber diese Verfilmung des Romans "Push" der 1950 geborenen afroamerikanischen Autorin Sapphire ist ganz anders - obwohl die Kamera hineingeht in dunkle Räume und nah heranrückt an die Protagonistin, um deren eingeengten Bewegungsspielraum und den symbolischen Mangel an Licht zu vermitteln. Trotz dieser Bilder ist dies ein Film über Würde, Selbstbehauptung, seelische Ausdauer.

Wenn Precious in den Spiegel blickt, sieht sie ein weißes Mädchen vor sich, und wenn sie träumt, dann von einem Leben an der Seite ihres Lehrers. Das wirkt anfangs wie noch eine Beschädigung dieser jungen Frau. Nach einer Weile aber wird einem die widerständige Qualität dieser Fantasien bewusst, das sture Beharren auf Teilhabe am amerikanischen Traum der anderen. Was man als Selbstverleugnung deuten könnte, wird als Ausformung eines Gleichberechtigungsanspruchs deutlich. Die Schauspielerinnen wachsen dabei über sich hinaus: Gabourey Sidibe als Precious, Mo'Nique als Mutter, sogar Mariah Carey als Sozialarbeiterin, der man solch ein uneitles Zurücktreten hinter einer glaubhaften Figur gewiss nicht zugetraut hätte.

Doch trotz dieses Gesamteindrucks, der ganz anders ist als die erwartbare Summe der Teile, hat "Precious" in den USA auch harsche Kritik afroamerikanischer Kulturbürger auf sich gezogen. Dem schwarzen Filmemacher Lee Daniels wurde vorgeworfen, er liefere Klischees, er bestärke die Stereotypen der sozial inkompetenten Ghettobewohner, des desolaten schwarzen Alltags. Solche Kritik begleitet schwarzes Kino, seit es sich am Mainstream versucht. Arbeiten schwarze Filmemacher nach den Regeln Hollywoods, wird ihnen egoistische Abkehr von den Anliegen der afroamerikanischen Bevölkerung angekreidet. Erzählen sie vom erfolgreichen schwarzen Mittelstand, ist ihnen der Vorwurf gewiss, Schickimickikino für Sozialgewinner zu liefern. Zeigen sie Ghettobilder, wird ihnen unterstellt, Watschenmänner zu liefern. "Precious" hat den Streit wieder einmal ausgelöst, stellt aber die Widerlegung der These von der Dauerdenunziation dar: Hier werden Menschen gezeigt, wo sonst von Statistiken die Rede ist.
 
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