Berlin

Eine Nacht in Berlin

StZ/StN, veröffentlicht am 08.04.2010
Foto: travelstock44

Es sind fünf Jungs im Grundschulalter, die so früh des Morgens am Fuße des Kreuzbergs ihren Weg durch den Tag beginnen; ihre Blicke kleben auf dem Asphalt. Sie haben ihre kindlichen Stimmen heruntergedimmt, wollen den Ton treffen, um kurz vor halb acht. Den Ton der Stadt. Darum singen sie jenes Lied von Peter Fox, das seither Hymne mancher Kieze ist. Die B-Hymne: "Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein, so dreckig und grau, du kannst so schön schrecklich sein, deine Nächte fressen mich auf."

Diese Liedzeilen aus Kindermund sind die Hölle. Oder der Himmel, je nachdem, ob es den Kleinen ernst ist mit dem Text oder sie nur Peter Fox klasse finden und seine morbid-versöhnlichen Verse: "Es wird für mich wohl das Beste sein, ich geh nach Hause und schlaf mich aus. Und während ich durch die Straßen laufe wird langsam schwarz zu blau."

Schwarz zu blau, es wird Tag in Berlin. Die Nächte sind auch nicht mehr so schwarz, so scheint es, seit es endlich wärmer ist nach der dreieinhalbmonatigen gefühlten Eiszeit. Wer eine entspannte Nacht in Berlin verbringen will, sollte in Kreuzberg einrücken. Einfach müde lächeln, wenn von Prenzlauer Berg als ewig hippem, stylischem Szenekiez die Rede ist. Berlin, du kannst auch schön sein, gar nicht hässlich und grau. Und authentisch – erst recht und vor allem in Kreuzberg. Dort wo der Multikultizauber als ideologischer Zinnober entlarvt wurde, arrangieren sich die Leute miteinander in dem Wissen, dass sie mehr ohnehin nicht erreichen.

Die Tour durch Kreuzberg sollte in der Kaiser’s Supermarktfiliale am Kottbusser Tor beginnen. Direkt am Eingang kommen sie alle irgendwann vorbei – Drogenabhängige, Flugblattverteiler von Grünen und Linkspartei, Szene-Schnösel, Punks, Geschäftsleute, Polizisten, arabische Großfamilien, Alleinerziehende, Künstlerpärchen. Das pralle Leben.

Von hier aus ist es nicht weit ins Kino Babylon; sobald es warm ist und nicht regnet, treibt es allerdings nicht mehr so viele ins Dunkelzimmer, um meist ausgezeichnete Milieufilme anzuschauen. Aber hier gibt es die mit Abstand besten Lakritze außerhalb des Wochenendmarkts am nahe gelegenen Paul-Lincke-Ufer. Dort kann man sich auch alltags in den netten Lokalen und am Wiesenufer des Landwehrkanals die Zeit vertreiben. Nimmermüde Jongleure, Gitarrenspieler, Boule-Fans, Lecker-Backwaren-Verkäufer flankieren die wegelagernde Szene am Wasser. Wer hier nicht entspannt, dem können immer noch die Köstlichkeiten der Schoko-Fabrik am Heinrichplatz für kleines Geld zum Wohlfühlrausch verhelfen.

Wenn im Laufe des Abends die Kühle des Kanals aufsteigt, geht es in Richtung Oranienstraße. Früher war das hier sozialer Brennpunkt, aber bis auf den Punk-Club Molotow, dem SO 36 – wo die Toten Hosen schon mal kostenlos auftreten, um diesen Traditionsmusikschuppen zu retten – und dem Bierhimmel finden sich jenseits des 1. Mai kaum Spuren der autonomen Szene. Friedlich sollte hier jeder werden, der zur Nachtzeit zum Kuchen Kaiser am Oranienplatz geht und sich beim besten Kiez-Konditor durchfuttert oder bei einem der türkischen Baklava-Bäcker den süßen hohlen Zahn füllt.

Das Nachtleben findet hier auf den Straßen und Plätzen statt, und Bella cultura ist nicht weit: Kunst und Künstler gibt es zu jeder Tageszeit am Mariannenplatz und im Künstlerhaus Bethanien. Kein anderer Ort im Kiez bietet mehr Künstler und Kunst als dieser backsteinrote Bau, der im 19. Jahrhundert einmal ein Krankenhaus war. In den 1970er Jahren sollte das Haus abgerissen werden und wurde wegen der Bürgerproteste dagegen zum Symbol der Kreuzberger Häuserkämpfe. Heute ist in den Ateliers und an den Open-Studios-Abenden immer was zu bestaunen; spannend auch die Druckwerkstatt oder die türkische Bibliothek.

Wer danach entspannen mag, hat bis Mitternacht, samstags sogar bis um 3 Uhr nachts Zeit, am wohl coolsten Badeort Berlins in die Spree abzutauchen. Im Sommer ist das Badeschiff eine Strandlandschaft mit Liegestühlen, Bar und feinem Sand; im Winter lockt die Spätsauna. Wie die frühen Morgenstunden ohne Kater zu überbrücken sind? Kein Problem. Eher eine dumme Frage, wenn es nach dem Willen der Zyankali-Bar geht. Das Institut für Unterhaltungschemie hat dort eine Sauerstoff-Tankstelle eingerichtet, in der jeder in nur 15 Minuten wieder durchlüftet ist. Zu gern feiern junge Leute hier ihr Examen oder ihren Geburtstag, während reifere Menschen hier mit Hilfe des hauseigenen Bockbiers darüber hinwegkommen, dass Freund oder Freundin für kurz oder lang über alle Berge sind. Die Bar wirbt um jeden, der "ein Freak, Hippie, Punk, Polizist, Serienmörder oder sonst irgendwie ein liebenswerter Mensch ist", und hat ein sehr schräges, witziges Kinoprogramm zu bieten.

Wer also sauerstoffbetankt wieder fit ist und den Sonnenaufgang erleben möchte, sollte sich zur Admiralsbrücke aufmachen und noch ein wenig genießen, wie sich mit netten Leuten auf der verzierten historischen Brücke dort plaudern lässt, bis der Tag da ist. Wenn schwarz zu blau wird. Peter Fox übrigens könnte in seinem Lied ruhig etwas gnädiger mit dieser Stadt und besonders diesem Kiez sein. Spätestens jetzt: "Ich bin kaputt und reib mir aus meinen Augen deinen Staub, du bist nicht schön und das weißt du auch, dein Panorama versaut, siehst nicht mal schön von weitem aus, doch die Sonne geht gerade auf, und ich weiß, ob ich will oder nicht, dass ich dich zum Atmen brauch..."

Berlin

Preise

Fassbier (0,5 Liter) 1,50 Euro

Kaffee 60 Cent

Grillhähnchen 2 Euro

Einzelticket U-/S-Bahn/Tram/Bus 2,10 Euro

Unterkunft

Schokofabrik Berliner Zimmer, Schinkestraße 8–9, 12047 Berlin, Telefon 030 / 693 44 49; ruhige Lage mittendrin im Kiez, eher was für Kulturfreaks, EZ ab 45 Euro, DZ ab 65, inklusive Frühstück.

Jugendherberge (geht für jeden!): Baxpax Kreuzberg, Hostel in der Skalitzer Straße 104, 10997 Berlin, Telefon 030 / 69 51 83 22, www.baxpax.de; sehr entspannt, Einzelzimmer ab 30 Euro, eine Nacht im 32-Bett-Zimmer kostet ab 13 Euro.

Was Sie tun und lassen sollten

Auf jeden Fall versuchen, eines der schönen Feste im Kiez mitzuerleben. Der 1. Mai ist bis 18 Uhr unbedenklich, danach kann das Pflaster schon mal heiß werden, wenn sich Autonome warmlaufen für die nächtliche Krawall-Folklore. Für jedermann nett ist das Myfest am 1. Mai, ein Fest der Anwohner, www.myfest.de, der transgeniale CSD, hier feiern am 19. Juni Schwule und Lesben im Kiez den alternativen Christopher Street Day, und der Karneval der Kulturen (21. bis 24. Mai), www.karneval-berlin.de. Auf keinen Fall ins Prinzenbad gehen. Das Publikum besteht aus aufmerksamkeitsdefizitären Jung-Erwachsenen, die sich jedem Gespür für normale Umgangsformen verweigern.

Einkaufen, Essen, Ausgehen

Halbe oder ganze Tage kann man beim Bummeln in der Bergmann- und in der Oranienstraße verbringen: beim Shoppen von Kunsthandwerk, Trödel und Secondhand-Mode.

Einkaufserschöpfte finden hier auch viele Cafés, die zu jeder Tageszeit gut besucht sind. In den Restaurants und Cafés am Paul-Lincke-Ufer sitzt man besonders schön. Dienstags und freitags (11–18.30 Uhr) ist am Maybachufer Markt: Gemüse für die türkische Großfamilie und Antipasti für die Schickeria.

Restaurant Markthalle, Pücklerstr. 34, Telefon 030 / 617 55 02, www.weltrestaurant-markthalle.de; historisch, gut, beliebt.

Hühnerhaus, U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof – eine Institution in Sachen Grillhähnchen.

Van Loon, Restaurantschiff am Carl-Herz-Ufer an der Baerwaldbrücke, Telefon 030 / 692 62 93, www.vanloon.de; täglich geöffnet ab Frühstück.

Zyankali Bar, Großbeerenstr. 64, Telefon 030 / 25163 33, www.zyankali.de.

Auskunft: Berlin Tourismus, Telefon 030 / 25 00 25, Internet: wwww.visitberlin.de.
 

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