Greenberg
Nach der Therapie ist vor der Therapie
Tim Schleider, veröffentlicht am 06.04.2010
Filmbeschreibung
Sollen wir eine Prognose wagen? Dieser Film wird im Kino gnadenlos floppen. All jene, die Fans der Clowns- und Grimassenschauspielkunst Ben Stillers sind, werden noch während der Vorstellung grummeln: "Mann, der ist ja gar nicht lustig." Und hinterher zu ihren Freunden sagen: "Geh da bloß nicht hin, total öde." All jene dagegen, die leise, melancholische Beziehungskomödien im postfranzösischen Stil schätzen, werden nie auf die Idee kommen, ausgerechnet ein Film mit dem Millionen-Gagen-schweren Clowns- und Grimassenhollywoodstar Ben Stiller könnte mit seinem jüngsten Werk ihrem Geschmack entsprechen.
Deswegen geben wir "Greenberg" höchstens zwei Wochen Laufzeit. Plus eine Sonntagsmatinee. Aber just dies scheinen alle Verantwortlichen so kalkuliert zu haben. Ja, man muss geradezu bewundern, wie der New Yorker Independentregisseur Noah Baumbach hier völlig kreuz und quer zu den Seherwartungen eines internationalen Kinopublikums eine knapp zweistündige, gänzlich unaufgeregte, dichte, abgründige, schwarze, bitterböse, am Ende zu Tränen rührende Studie eines vierzigjährigen irgendwie sympathischen, im Grunde aber heillos Lebensuntüchtigen in Los Angeles abliefert - ausgerechnet mit Ben Stiller! Und staunen kann man nur, wie hier klar wird, welch formidabler Schauspieler Stiller in Wirklichkeit ist. Die Kenner wissen natürlich: Von eben diesem Independentfilm kam Stiller einst nach Hollywood. Sein Ausflug jetzt: zurück zu den Wurzeln.
Vielleicht zimmert er ja wenigstens eine neue Hundehütte
Greenberg ist ganz sicher nicht verrückt. Aber er hat gerade ein wenig Lebenskrise mit begleitender Psychiatrie hinter sich, soll nun wieder Fuß fassen im Alltag und den Sommer über auf die Villa seines erfolgreichen Bruders aufpassen, der mit Familie zum Exotikurlaub nach Vietnam gedüst ist. Große Aktivitäten sind von Greenberg nicht verlangt; eventuell kann er als gelernter Tischler ja eine neue Hütte für den Schäferhund zimmern. Ach ja, und bitte nicht allzu sehr der jungen Haushaltshilfe Florence auf die Nerven gehen, die ab und zu nach dem Rechten sieht.
Das ist die Ausgangsposition. Sehr viel mehr passiert auch nicht. Abgesehen von ein, zwei Poolpartys mit alten Schulfreunden. Abgesehen von Nörgelbriefen, die Greenberg den Betreibern von Verkehrsampeln oder der Starbucks-Cafékette schreibt. Abgesehen von einem Versuch, wieder anzubandeln mit der Jugendfreundin. Abgesehen von der Sorge um den plötzlich kränkelnden Schäferhund. Und abgesehen von einer zarten, zwanghaften, tapsigen, völlig zerzauselten Romanze mit der jungen Haushaltshilfe Florence.
Greenberg und seine alten Kumpels sind just in jener Lebensphase, da deutlich wird, dass bestimmte Jugendträume für immer ausgeträumt sind. Doch Greenberg ist der Einzige, der in seinem Leben kein Ersatzzäunchen zum Festhalten gefunden hat. Er besitzt weder Familie noch Beruf noch sexuelle Finesse. Er besitzt (in L. A.!) noch nicht mal einen Führerschein. Und wenn er einmal quer durch den Swimmingpool schwimmen will, gerät das beinahe zum Ersäufnis. Greenberg ist peinlich.
Vieles an dieser Figur erinnert an den Stadtneurotiker Woody Allen. Aber während wir bei Allen stets wissen, dass er sich letzten Endes doch wieder beim Schopfe seines Wortschwalles aus dem Depri-Sumpf ziehen wird, hat die Figur Greenbergs etwas tief Beunruhigendes. Bei allem Schmunzeln über diese oder jene Groteske ahnt der Zuschauer tief in seinem Innersten: Das, was ich hier sehe, kann richtig schlecht ausgehen! Womöglich beobachten wir hier tatsächlich eine Existenz bei ihrem Scheitern. Das kann anstrengend sein. Denn das hat natürlich auch alles etwas mit uns zu tun.
Ben Stiller ist großartig - haben wir es schon erwähnt? Man möchte diesen Greenberg zwischendurch rütteln und schütteln oder ihm neue Tabletten verschreiben, aber weiß genau, es würde nichts nützen. Ein Kinoereignis ist auch die junge Greta Gerwig als Florence. Der Regisseur Noah Baumbach lässt sich viel Zeit, uns neben Greenberg auch diese Figur nahezubringen, die jetzt an eben jener Stelle im Leben steht, wo Greenbergs Elend wurzelt.
Zu gratulieren ist Baumbach auch für einen der intelligentesten Filmschlüsse der jüngeren Zeit. Wenn sich überhaupt bei "Greenberg" etwas zum Guten wenden könnte, dann hängt schließlich alles an einer kleinen, verstotterten Botschaft in einer Handymobilbox. Wird sie jemals jemand abhören? Und wird der Anrufer hinterher auch dazu stehen? So leise endet ein amerikanischer Film sehr, sehr selten. Glücklich zu schätzen alle Wagemutigen, die das im Kino miterleben wollen.
Deswegen geben wir "Greenberg" höchstens zwei Wochen Laufzeit. Plus eine Sonntagsmatinee. Aber just dies scheinen alle Verantwortlichen so kalkuliert zu haben. Ja, man muss geradezu bewundern, wie der New Yorker Independentregisseur Noah Baumbach hier völlig kreuz und quer zu den Seherwartungen eines internationalen Kinopublikums eine knapp zweistündige, gänzlich unaufgeregte, dichte, abgründige, schwarze, bitterböse, am Ende zu Tränen rührende Studie eines vierzigjährigen irgendwie sympathischen, im Grunde aber heillos Lebensuntüchtigen in Los Angeles abliefert - ausgerechnet mit Ben Stiller! Und staunen kann man nur, wie hier klar wird, welch formidabler Schauspieler Stiller in Wirklichkeit ist. Die Kenner wissen natürlich: Von eben diesem Independentfilm kam Stiller einst nach Hollywood. Sein Ausflug jetzt: zurück zu den Wurzeln.
Vielleicht zimmert er ja wenigstens eine neue Hundehütte
Greenberg ist ganz sicher nicht verrückt. Aber er hat gerade ein wenig Lebenskrise mit begleitender Psychiatrie hinter sich, soll nun wieder Fuß fassen im Alltag und den Sommer über auf die Villa seines erfolgreichen Bruders aufpassen, der mit Familie zum Exotikurlaub nach Vietnam gedüst ist. Große Aktivitäten sind von Greenberg nicht verlangt; eventuell kann er als gelernter Tischler ja eine neue Hütte für den Schäferhund zimmern. Ach ja, und bitte nicht allzu sehr der jungen Haushaltshilfe Florence auf die Nerven gehen, die ab und zu nach dem Rechten sieht.
Das ist die Ausgangsposition. Sehr viel mehr passiert auch nicht. Abgesehen von ein, zwei Poolpartys mit alten Schulfreunden. Abgesehen von Nörgelbriefen, die Greenberg den Betreibern von Verkehrsampeln oder der Starbucks-Cafékette schreibt. Abgesehen von einem Versuch, wieder anzubandeln mit der Jugendfreundin. Abgesehen von der Sorge um den plötzlich kränkelnden Schäferhund. Und abgesehen von einer zarten, zwanghaften, tapsigen, völlig zerzauselten Romanze mit der jungen Haushaltshilfe Florence.
Greenberg und seine alten Kumpels sind just in jener Lebensphase, da deutlich wird, dass bestimmte Jugendträume für immer ausgeträumt sind. Doch Greenberg ist der Einzige, der in seinem Leben kein Ersatzzäunchen zum Festhalten gefunden hat. Er besitzt weder Familie noch Beruf noch sexuelle Finesse. Er besitzt (in L. A.!) noch nicht mal einen Führerschein. Und wenn er einmal quer durch den Swimmingpool schwimmen will, gerät das beinahe zum Ersäufnis. Greenberg ist peinlich.
Vieles an dieser Figur erinnert an den Stadtneurotiker Woody Allen. Aber während wir bei Allen stets wissen, dass er sich letzten Endes doch wieder beim Schopfe seines Wortschwalles aus dem Depri-Sumpf ziehen wird, hat die Figur Greenbergs etwas tief Beunruhigendes. Bei allem Schmunzeln über diese oder jene Groteske ahnt der Zuschauer tief in seinem Innersten: Das, was ich hier sehe, kann richtig schlecht ausgehen! Womöglich beobachten wir hier tatsächlich eine Existenz bei ihrem Scheitern. Das kann anstrengend sein. Denn das hat natürlich auch alles etwas mit uns zu tun.
Ben Stiller ist großartig - haben wir es schon erwähnt? Man möchte diesen Greenberg zwischendurch rütteln und schütteln oder ihm neue Tabletten verschreiben, aber weiß genau, es würde nichts nützen. Ein Kinoereignis ist auch die junge Greta Gerwig als Florence. Der Regisseur Noah Baumbach lässt sich viel Zeit, uns neben Greenberg auch diese Figur nahezubringen, die jetzt an eben jener Stelle im Leben steht, wo Greenbergs Elend wurzelt.
Zu gratulieren ist Baumbach auch für einen der intelligentesten Filmschlüsse der jüngeren Zeit. Wenn sich überhaupt bei "Greenberg" etwas zum Guten wenden könnte, dann hängt schließlich alles an einer kleinen, verstotterten Botschaft in einer Handymobilbox. Wird sie jemals jemand abhören? Und wird der Anrufer hinterher auch dazu stehen? So leise endet ein amerikanischer Film sehr, sehr selten. Glücklich zu schätzen alle Wagemutigen, die das im Kino miterleben wollen.
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