Lourdes
Womit hat sie unter so vielen dieses Glück verdient?
Ulrich Kriest, veröffentlicht am 06.04.2010
Filmbeschreibung
Erst "Antichrist", "Durst" und "Das weiße Band", jetzt "Lourdes" von Jessica Hausner: Im globalen Autorenfilm haben Religion und Spiritualität Konjunktur. Allerdings nicht im Sinn einer Aufwertung des Religiösen, sondern eher, um dessen Voraussetzungen kritisch zu sichten. "Lourdes" beschäftigt sich mit dem katholischen Wunderglauben. Da ist zunächst eine dichte Beschreibung der Durchmischung von katholischem Ritual und Kommerz. Das kann man böse finden. Aber man kann auch neugierig werden. Oder sogar Vertrautes entdecken. Das hängt davon ab, wie es ums eigene Verhältnis zum Glauben bestellt ist.
Dann integriert der Film eine Gruppe von Pilgern, die, von karitativen Dienstleistern betreut, angereist sind und sich dabei verhalten wie Touristen. Also argwöhnisch, hoffnungsvoll, schwatzhaft liebebedürftig, neugierig, nachdenklich, albern. Das kann man ironisch finden. Andererseits ist es auch realistisch, weil menschlich. Die jungen Pfleger nutzen die Reise (auch), um zu flirten und eine gute Zeit zu verbringen. Wenn ein Wanderausflug organisiert wird, muss auch an die nicht mehr Gehfähigen gedacht werden. Wie der Kinozuschauer müssen auch die Pilger lernen, die Zeichen zu lesen. Gerüchte und mythische Erinnerungen machen die Runde.
"Lourdes" steckt voll sorgfältig ausgebreiteter, aber nicht bewerteter Details. Damit allein bliebe der dritte Spielfilm der Österreicherin Hausner ("Lovely Rita", "Hotel") nur eine formal ambitionierte, doch vergleichsweise milde Satire über die seltsamen Wege der Religionspraxis. Doch Hausner wagt Erstaunliches.
Die fast komplett gelähmte Multiple-Sklerose-Patientin Christine (Sylvie Testud) ist nicht nach Lourdes gekommen, weil sie auf ein Wunder hofft, sondern weil sie gern unter Menschen ist. Eines Nachts kann sie plötzlich ohne fremde Hilfe aufstehen. Es ist kaum auszuhalten, wie intensiv Testud diese Glückserfahrung spielt. Fragte sie zuvor, womit sie ihr Schicksal verdient habe, fragt sie nun, womit sie ihr Glück verdient hat. Hier ist plötzlich alles Kontingenz, unbegreiflich, offen bis ins Bodenlose. Allerdings sind Wunder bekanntlich ein rares Gut, was deutlich auf die Stimmung der Pilgergruppe drückt. Womit hat Christine denn nun ihr Glück verdient?
Im Verlauf einer Tanzveranstaltung verlassen Christine die Kräfte. Die Kamera registriert den Schrecken in ihrem Gesicht. War alles nur ein Zufall? Oder straft hier ein böser Gott eine Ungläubige? Und wer sagt, dass Gott überhaupt etwas damit zu tun hat? "Aber sagen wir, es hält nicht, das ist dann doch grausam. Wieso tut Gott so was?", heißt es im Film. "Wenn es nicht hält, dann war es eben kein Wunder! Dann kann er auch nichts dafür!", lautet eine Antwort. In diesem Moment beginnt man zu ahnen, dass Glaube und die Erfahrung transzendentaler Obdachlosigkeit gar nicht so weit voneinander entfernt sind.
Dann integriert der Film eine Gruppe von Pilgern, die, von karitativen Dienstleistern betreut, angereist sind und sich dabei verhalten wie Touristen. Also argwöhnisch, hoffnungsvoll, schwatzhaft liebebedürftig, neugierig, nachdenklich, albern. Das kann man ironisch finden. Andererseits ist es auch realistisch, weil menschlich. Die jungen Pfleger nutzen die Reise (auch), um zu flirten und eine gute Zeit zu verbringen. Wenn ein Wanderausflug organisiert wird, muss auch an die nicht mehr Gehfähigen gedacht werden. Wie der Kinozuschauer müssen auch die Pilger lernen, die Zeichen zu lesen. Gerüchte und mythische Erinnerungen machen die Runde.
"Lourdes" steckt voll sorgfältig ausgebreiteter, aber nicht bewerteter Details. Damit allein bliebe der dritte Spielfilm der Österreicherin Hausner ("Lovely Rita", "Hotel") nur eine formal ambitionierte, doch vergleichsweise milde Satire über die seltsamen Wege der Religionspraxis. Doch Hausner wagt Erstaunliches.
Die fast komplett gelähmte Multiple-Sklerose-Patientin Christine (Sylvie Testud) ist nicht nach Lourdes gekommen, weil sie auf ein Wunder hofft, sondern weil sie gern unter Menschen ist. Eines Nachts kann sie plötzlich ohne fremde Hilfe aufstehen. Es ist kaum auszuhalten, wie intensiv Testud diese Glückserfahrung spielt. Fragte sie zuvor, womit sie ihr Schicksal verdient habe, fragt sie nun, womit sie ihr Glück verdient hat. Hier ist plötzlich alles Kontingenz, unbegreiflich, offen bis ins Bodenlose. Allerdings sind Wunder bekanntlich ein rares Gut, was deutlich auf die Stimmung der Pilgergruppe drückt. Womit hat Christine denn nun ihr Glück verdient?
Im Verlauf einer Tanzveranstaltung verlassen Christine die Kräfte. Die Kamera registriert den Schrecken in ihrem Gesicht. War alles nur ein Zufall? Oder straft hier ein böser Gott eine Ungläubige? Und wer sagt, dass Gott überhaupt etwas damit zu tun hat? "Aber sagen wir, es hält nicht, das ist dann doch grausam. Wieso tut Gott so was?", heißt es im Film. "Wenn es nicht hält, dann war es eben kein Wunder! Dann kann er auch nichts dafür!", lautet eine Antwort. In diesem Moment beginnt man zu ahnen, dass Glaube und die Erfahrung transzendentaler Obdachlosigkeit gar nicht so weit voneinander entfernt sind.
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