Vorsicht Sehnsucht

Liebe - irr, wirr und im Flug verwirbelt

Ruprecht Skasa-Weiß, veröffentlicht am 22.04.2010
Filmbeschreibung
Wie man es nennt, ist egal: Magie, Berückungskraft, Bildgewalt - wichtiger als alle Handlung ist der visuelle Reiz des Films. Das Gesehene soll irritieren, gefangen nehmen, zum Träumen anregen, die Erwartung foppen auf fesselnd-erhellende Weise. Hinter der Kunst des Erzählens tritt der Inhalt zurück: das hat kein Filmemacher souveräner vorgeführt als er, Alain Resnais, dem man seit Jahren den Titel "Altmeister des französischen Kinos" anhängt, obschon er, mittlerweile achtundachtzig, so locker und spielerisch mit Fantasien, Stoffen, narrativen Möglichkeiten umspringt wie kein Junger.

Natürlich erzählt auch Resnais' neuer Film eine belanglos-triviale Allerweltsgeschichte, aber ist das ein Einwand? Die Absonderlichkeit beginnt bereits mit dem wehenden Wiesengras, mit Schritten auf dem Straßenpflaster, mit jenem ersten Satz eines Herrn (welches Herrn?) aus dem Off: "Sie hatte keine gewöhnlichen Füße." Bald wird er erklären, warum die Frau nach Paris fuhr, wo sie in einem Schuhgeschäft fündig geworden, dann aber - auch das wird der Kommentator erläutern und man wird es sehen - von einem Skater angesprungen worden war in den Arkaden: die Handtasche, das Beutestück, wirbelt an langer Lederschlaufe durch die Luft, phantastisch.

Ein älterer Herr (nein, nicht identisch mit dem Kommentator, obwohl auch er im Off dazwischenspricht) hebt in der Tiefgarage eine verlorene Brieftasche auf. Wie er hineinsieht, findet er die Kreditkarten einer Dame, dazu ihr Konterfei, ernst, müde, traurig wirkend, obwohl sie auf einem zweiten Foto, jetzt mit Pilotenkappe, übermütig lächelt! Mair, Margarete, liest der Herr, der zur Kenntnis nimmt, dass sie ein Faible für die Fliegerei hat - genau wie er ...

Kreditkarte und Konterfei

Damit ist es eröffnet, das Fantasiespiel. Wer mag die Frau sein, was treibt deren Mann, falls sie verhei- ... ? Wer ist aber auch er, der brütende Finder? Ein Pensionär mit grauen Schläfen, gutsituiert, seriös, beweibt, Vater zweier erwachsener Kinder (André Dussolliers herber abgeklärter Charme bewährt sich in dieser Rolle aufs Feinste) - oder sucht der Herr etwa ein Sexabenteuer? Tatsache ist, nein, Fantasie ist: heimfahrend im Auto stellt er sich vor, wie er die Dame verständigt von seinem Fund, und Resnais' Regie malt tatsächlich sein Telefoniergesicht rechts in die Windschutzscheibe, eine gläserne Machination, verrückt kurios.

Bald wird die Verrücktheit sich intensivieren. Sooft er anruft: nichts! Was treibt ihn, die Brieftasche auf dem Kommissariat abzuliefern und mit dem Flic die fotogenen Qualitäten der Dame zu bequatschen? Irgendwann, als er, mit einem Göpel bewaffnet, den verstopften Ausguss seiner Chaletküche repariert, erwähnt er den Brieftaschenfund sogar vor seiner Ehefrau.

Vogelgleich gleitet die Kamera über das Haus hin, wieder sieht man die Handtasche fliegen - von keinem Schnitt mehr gestoppt, setzt die Kamera ihren Flug fort bis an den Familientisch, wo der Sohn plötzlich meldet: Telefon, eine Madame Mair. "Ich rufe an, um mich zu bedanken", vernimmt der Herr, dessen Obsession plötzlich belohnt scheint. Und was antwortet er? "Ist das alles? Sie könnten ... mich treffen wollen. Sie enttäuschen mich."

Offener Hosenlade bleibt folgenlos

Jede neue fantastische Volte rückt Resnais sofort in eine neue, nicht minder fantastische Absurdität. Wir sehen, wie er sich ausdenkt, wie er sagt: "Ich wollte Ihnen sagen, dass ich mich schäme wegen meines Benehmens"; wie er ihr wieder und wieder den Anrufbeantworter vollquatscht, sich definitiv zum Stalker entwickelt; wie die Belästigte ihren Belästiger höflich ersucht: "Ich bitte Sie freundlich, nicht mehr zu schreiben"; wie er die Reifen ihres Wagens aufschlitzt, keck bemerkend: "Ich wollte Sie am Wegfahren hindern"; wie die Frau, eine Zahnärztin mit der roten Haarpracht einer fragilen Struwwelpetra (Sabine Azéma) zuletzt ihrem Verehrer gewisse Avancen macht - und wie er urplötzlich ...

Zum Schluss lädt sie ihn ein, samt Gemahlin, zu ihrer Flugschau. Vorm Rollfeld geht er pinkeln, allein und unbegleitet setzt er sich zu der Fliegerin in die Pilotenkanzel, mit klaffendem Hosenlatz, weil der Reißverschluss klemmt - das Finale verwirbelt boulevardesk, tragisch, surreal, alles in einem. Genau darin besteht die geschmeidige Kunst des Magiers Alain Resnais.
 
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