Iron Man 2

Großkotz mit Düsenantrieb

Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 06.05.2010
Filmbeschreibung
Gibt es einen tolleren Hecht als mich? Mit jeder gezierten kleinen Geste, mit jedem koketten Seitenblick, mit jedem eitlen Zungenschlag stellt Tony Stark diese Frage, auf die er sich nur eine Antwort vorstellen kann. Wie er da bei einer pharaonisch größenwahnsinnigen Firmenpräsentation auf der Bühne steht und sich als Bringer des Weltfriedens feiern lässt, wirkt er wie die schlimmstmögliche Mischung aus Rockstar und Finanzmarktblender. Aber Vorsicht, ein bloßer Bluffer ist dieser Mann nicht: Er ist Multimilliardär, Erfindergenie, Technologiekonzernchef und Besitzer einer flugfähigen Superrüstung, die ihn zum Iron Man macht.

Heilsam verunsicherter Mann

Wir haben den von Robert Downey jr. lustvoll gespielten einstigen Playboy, Großkotz und Hasardeur aus den letzten Minuten von Jon Favreaus exzellenter Comicverfilmung "Iron Man" aus dem Jahr 2008 aber ganz anders in Erinnerung, als er hier zu Beginn von Favreaus "Iron Man 2" auftritt. Wir haben ihn zuletzt als geläuterten, nachdenklichen, angesichts der Macht in seinen Händen heilsam verunsicherten Mann erlebt, der begriffen hat, dass ein ungezügeltes Ego gefährlicher sein kann als die Energiestrahlwaffen seiner Rüstung.

Haben die Drehbuchautoren gepennt? Tony Starks ungesunde Gesichtsfarbe, seine Augenringe, die Signale der Müdigkeit, die sich in sein Protzgehabe mischen, lassen das Gegenteil vermuten. Stark wirkt sehr erschöpft, und bald wird er sich ein kleines Messgerät in den Daumen piksen und eine Digitalanzeige ablesen, die ihm seinen steigenden Blutvergiftungsgrad nennt. Der kleine Reaktor in der Brust von Stark, der nicht nur die Iron-Man-Rüstung speist, sondern den ganzen Körper dieses versehrten Mannes aufrecht hält, erweist sich als nebenwirkungsreich. Was mich am Leben hält, erkennt Stark, bringt mich auch langsam um.

Der Rückfall in alte Charakterschwächen könnte also die Parallelentwicklung zur körperlichen Veränderung sein: Es gibt keine Macht ohne Preis, keine Superkräfte verleihende Ganzkörperrüstung, die den kleinen Mann in ihrem Inneren nicht völlig aus der Form risse.

Seltsamerweise hat "Iron Man 2" viele Szenen, in denen vor allem geredet, geplänkelt, gestritten wird, zwischen Stark und seiner Assistentin Pepper Potts (Gwyneth Paltrow), dem Freund Rhodey (Don Cheadle), dem Superagenten Nick Fury (Samuel L. Jackson) oder zwischen Starks Rivalen Justin Hammer (Sam Rockwell) und dessen Söldner Ivan Vanko (Mickey Rourke). Es geht also schon um mehr als die spektakulären Flugshows, Metallfaustprügeleien und Schusswechsel, die der Film auch parat hält. Aber konsequent entwickelt wird in "Iron Man 2", der sich weigert, dem vermuteten Aufmerksamkeitsdefizit eines jungen Publikums so entgegenzueilen, wie das die "Transformers"-Filme tun, trotzdem kein Motiv - nicht einmal der Wirtschaftskrieg, der sich im Streit von Stark und Hammer um Popularität und Rüstungsaufträge abzeichnet.

Wer also einen souverän-ironisch Superheldenmotive erkundenden und flott mit Schauwerten jonglierenden Film wie den ersten "Iron Man" erwartet, wird enttäuscht werden, so sehr wie jene, die vor allem stahlgewittriges Rambazamba, leinwandfüllende Superwaffeneruptionsorgien und ein unermüdlich prasselndes Füllhorn der Schulphysikverhöhnungen ersehnen. Nimmt man noch hinzu, dass die deutsche Synchronisation ihre liebe Not mit den Feinheiten, Wortspielen und Seitenhieben des Originals hat, kann man von "Iron Man 2" mit guten Argumenten abraten. Den ganzen Film hätte man so aber noch nicht beschrieben.

"Iron Man 2" ist eine Marvel-Comic-Adaption, und Marvels bizarrer Kosmos war trotz intelligenter Einsprengsel nie auf Intellektualität, Gefühlsreife oder Logik gebaut. Jon Favreaus Film ist trotz seiner Schwächen, trotz seiner Tempoprobleme und Unkonzentriertheiten nahe dran an der seligen Unbekümmertheit der Marvel-Comics, an deren Mixtur aus Göttersagen, Pubertätsproblemen, Krawallfreude, sozialer Unruhe, Geborgenheitssehnsucht, Allmachtstraum und genereller Unzufriedenheit mit einem Leben nach Stechuhrtakt und kleinbürgerlichen Kompromissen.

Sehnsucht nach Ungezügeltheit

Auf nicht unsympathische Weise rappelt in Starks Auftritten als Großkotz und Verschwender wie in den Demonstrationen der diversen Superrüstungen eine Sehnsucht nach dem Ungezügelten herum, die hier immer selbstironisch bleibt. Sie weiß, dass Kino etwas ganz anderes als die Wirklichkeit zeigt.
 
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