Robin Hood
Held wider Willen in einem grauen Land
Thomas Klingenmaier, veröffentlicht am 12.05.2010
Filmbeschreibung
Früher war die rote Gefahr grün angezogen, hatte ein keckes Hütchen mit Feder auf und hüpfte von den Bäumen im Sherwood Forest direkt den königlichen Steuereintreibern in den Weg. Robin Hood war im Reich der Jungenabenteuer der große Umverteiler von oben nach unten: Er beraubte die Reichen und verteilte die Beute unter die Armen. Es dürfte also niemanden sonderlich verwundern, dass in Zeiten, in denen rund um die Welt die kleinen Leute die Zeche der großen Spekulanten zahlen dürfen, Hollywood sich wieder einmal Robin zuwendet. Aber Ridley Scott und sein Drehbuchautor Brian Helgeland ("Green Zone") lassen das kecke Hütchen in der Kleiderkammer.
Tatsächlich beginnt "Robin Hood", mit dem heute Abend das Festival von Cannes beginnt, als grimmiger Kriegsfilm aus einer Zeit, in der die besser Bewaffneten die schlechter Gerüsteten blutig ausplünderten, wobei sich ein Grund immer fand: der königliche Bedarf an Gold, die Verteidigung des Reichs, die Befreiung des Heiligen Grabes aus Heidenhand oder der schlichte Selbsterhaltungstrieb einer hungrigen Armee. Wir treffen Robin Longstride (Russell Crowe), wie er vor dem Erwerb seines Spitznamens heißt, 1199 als Bogenschützen im Heerhaufen von Richard Löwenherz, der sich gerade durch Frankreich metzelt. Mit Gebrüll und tödlichen Pfeilen geht es gegen den Feind, aber Robin ist im Kampf frei von jeder inneren Überzeugung. Er ekelt sich vor seinem Gewerbe, er hat im Auftrag des Herrschers an Massenmorden teilgenommen, er will nur noch nach Hause.
Das ist keine schlechte Ausgangsbasis für einen modernen Robin-Hood-Film, der sich ans noch nicht Erzählte wagen möchte, und Ridley Scott hat es auch kein bisschen eilig, auf vertrautes Gelände zu kommen. Im Gegenteil, nach heutigem Hollywood-Sprachgebrauch könnte man dieses Werk das Prequel - die Vorgeschichte - zu den bekannten Räubermären nennen. Dieser Film, der sich nicht nur mit den historischen Fakten jede Menge Freiheiten erlaubt, sondern auch mit den Figuren und Gewissheiten des Sherwood-Forest-Fantasieuniversums, endet da, wo die früheren Adaptionen anfingen: mit Robins Ausrufung zum Gesetzlosen. Der Sheriff von Nottingham bleibt eine schmierige Randfigur, Richard Löwenherz ist ein rauflustiger Tölpel, dessen Bruder Johann eine windige Mischung aus Egomane und Realpolitiker und England ein Reich unkomfortabler Armut und übelster Menschenschinderei.
Vor dieser Kulisse erzählt Scott einerseits eine Geschichte eher unfreiwilligen Heldentums. Robin und ein paar Kumpane geraten als Deserteure, die sich nach England durchschlagen, in politische Großintrigen. Selbst von denen will Robin noch nicht viel wissen, er will nur ein Versprechen einlösen, nämlich das Schwert eines Toten heim zu dessen Vater bringen. Dieser blinde alte Mann (Max von Sydow) und seine Schwiegertochter Marion (Cate Blanchett) aber befinden sich in solch desperater Lage, dass Robin einfach helfen und sich in die Polithändel einmischen muss - schon weil er hier, sollte das Gut nicht den Steuereintreibern des Königs oder der Soldateska des Putschisten Godfrey (Mark Strong) in die Hände fallen, eine neue Existenz aufbauen könnte.
Doch so grimmig diese Geschichte klingt, so mürrisch Crowe dreinschaut und so düster Scott viele Szenen gestaltet, konsequent herb bleibt dieser Film nicht. Immer wieder mengen sich luftige, unpassend wirkende Schelmereien hinein, wird Romantik neckisch ausgespielt und Blanchettes Marion nach Schnittmusterbogen emanzipiert: eine selbstbewusste Gutsmanagerin, geübt im Umgang mit Waffen.
Wenn die Soldaten über Dörfer herfallen, dann meint Scott es scheinbar ernst, dann ähneln manche Momente Szenen aus Elem Klimows "Komm und siehe", in dem die Waffen-SS ein russisches Dorf auslöscht. Aber dann schleudert wieder der Dorfpriester seine Bienenkörbe so nach den Soldaten, dass wir das Gesumse und Gejaule lustig finden sollen.
Ridley Scott hat uns schon öfter pseudohistorische Großgemälde geliefert, "1492: Die Eroberung des Paradieses", "Gladiator" und "Königreich der Himmel". Die Geschichte von Robin scheint ihn kaum zu interessieren, auch die Epoche nicht. Ihm geht es eher um Stilistisches, darum, dass er die grauen Himmel Englands das Licht bestimmen lässt, dass er die Farben matt hält, dass er nächtlichem Feuerschein die romantische Sinnlichkeit nimmt und etwas von der Kälte jenseits des Wärmezirkels ahnen lässt. Die obligatorischen Schlachtszenen wirken wie ein Ablenkungsmanöver: Wir sollen nicht merken, dass der Film Ingrimm nur vortäuscht und sich für seine Tendenz zur Jungenträumerei schämt. Aber wenn man von einem Kerl erzählt, der jeden Pfeil ins Ziel bringt, ist Ziellosigkeit ein ganz schlechtes Konzept.
Tatsächlich beginnt "Robin Hood", mit dem heute Abend das Festival von Cannes beginnt, als grimmiger Kriegsfilm aus einer Zeit, in der die besser Bewaffneten die schlechter Gerüsteten blutig ausplünderten, wobei sich ein Grund immer fand: der königliche Bedarf an Gold, die Verteidigung des Reichs, die Befreiung des Heiligen Grabes aus Heidenhand oder der schlichte Selbsterhaltungstrieb einer hungrigen Armee. Wir treffen Robin Longstride (Russell Crowe), wie er vor dem Erwerb seines Spitznamens heißt, 1199 als Bogenschützen im Heerhaufen von Richard Löwenherz, der sich gerade durch Frankreich metzelt. Mit Gebrüll und tödlichen Pfeilen geht es gegen den Feind, aber Robin ist im Kampf frei von jeder inneren Überzeugung. Er ekelt sich vor seinem Gewerbe, er hat im Auftrag des Herrschers an Massenmorden teilgenommen, er will nur noch nach Hause.
Das ist keine schlechte Ausgangsbasis für einen modernen Robin-Hood-Film, der sich ans noch nicht Erzählte wagen möchte, und Ridley Scott hat es auch kein bisschen eilig, auf vertrautes Gelände zu kommen. Im Gegenteil, nach heutigem Hollywood-Sprachgebrauch könnte man dieses Werk das Prequel - die Vorgeschichte - zu den bekannten Räubermären nennen. Dieser Film, der sich nicht nur mit den historischen Fakten jede Menge Freiheiten erlaubt, sondern auch mit den Figuren und Gewissheiten des Sherwood-Forest-Fantasieuniversums, endet da, wo die früheren Adaptionen anfingen: mit Robins Ausrufung zum Gesetzlosen. Der Sheriff von Nottingham bleibt eine schmierige Randfigur, Richard Löwenherz ist ein rauflustiger Tölpel, dessen Bruder Johann eine windige Mischung aus Egomane und Realpolitiker und England ein Reich unkomfortabler Armut und übelster Menschenschinderei.
Vor dieser Kulisse erzählt Scott einerseits eine Geschichte eher unfreiwilligen Heldentums. Robin und ein paar Kumpane geraten als Deserteure, die sich nach England durchschlagen, in politische Großintrigen. Selbst von denen will Robin noch nicht viel wissen, er will nur ein Versprechen einlösen, nämlich das Schwert eines Toten heim zu dessen Vater bringen. Dieser blinde alte Mann (Max von Sydow) und seine Schwiegertochter Marion (Cate Blanchett) aber befinden sich in solch desperater Lage, dass Robin einfach helfen und sich in die Polithändel einmischen muss - schon weil er hier, sollte das Gut nicht den Steuereintreibern des Königs oder der Soldateska des Putschisten Godfrey (Mark Strong) in die Hände fallen, eine neue Existenz aufbauen könnte.
Doch so grimmig diese Geschichte klingt, so mürrisch Crowe dreinschaut und so düster Scott viele Szenen gestaltet, konsequent herb bleibt dieser Film nicht. Immer wieder mengen sich luftige, unpassend wirkende Schelmereien hinein, wird Romantik neckisch ausgespielt und Blanchettes Marion nach Schnittmusterbogen emanzipiert: eine selbstbewusste Gutsmanagerin, geübt im Umgang mit Waffen.
Wenn die Soldaten über Dörfer herfallen, dann meint Scott es scheinbar ernst, dann ähneln manche Momente Szenen aus Elem Klimows "Komm und siehe", in dem die Waffen-SS ein russisches Dorf auslöscht. Aber dann schleudert wieder der Dorfpriester seine Bienenkörbe so nach den Soldaten, dass wir das Gesumse und Gejaule lustig finden sollen.
Ridley Scott hat uns schon öfter pseudohistorische Großgemälde geliefert, "1492: Die Eroberung des Paradieses", "Gladiator" und "Königreich der Himmel". Die Geschichte von Robin scheint ihn kaum zu interessieren, auch die Epoche nicht. Ihm geht es eher um Stilistisches, darum, dass er die grauen Himmel Englands das Licht bestimmen lässt, dass er die Farben matt hält, dass er nächtlichem Feuerschein die romantische Sinnlichkeit nimmt und etwas von der Kälte jenseits des Wärmezirkels ahnen lässt. Die obligatorischen Schlachtszenen wirken wie ein Ablenkungsmanöver: Wir sollen nicht merken, dass der Film Ingrimm nur vortäuscht und sich für seine Tendenz zur Jungenträumerei schämt. Aber wenn man von einem Kerl erzählt, der jeden Pfeil ins Ziel bringt, ist Ziellosigkeit ein ganz schlechtes Konzept.
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