Stuttgarter Zeitung online | Zeitungsgruppe Stuttgart |  Samstag, 11. Februar 2012

Leonberger Kreiszeitung


"S-Bahn nach Stuttgart ist zentrales Thema"

Artikel aus der Leonberger Kreiszeitung vom 20.05.2010

Helmut Riegger, ist seit drei Monaten Landrat im Kreis Calw. Der frühere Finanzbürgermeister von Sindelfingen setzt auf eine enge Zusammenarbeit mit seinem Böblinger Kollegen Roland Bernhard. Gemeinsam wollen sie das Projekt S-Bahn von Calw über Weil der Stadt nach Stuttgart voranbringen.

Herr Riegger, was ist es für ein Gefühl, endlich einmal Geld ausgeben zu können, statt wie aus Sindelfingen gewohnt den ständigen Mangel zu verwalten?

Der Landkreis Calw steht finanziell gut da. Es wurde gut gewirtschaftet, deshalb gibt es keine finanziellen Probleme. Anders in Sindelfingen, wo die Stadt zwar auch gut gewirtschaftet hat, aber wegen der enormen Gewerbesteuerrückzahlungen an Daimler in Höhe von 80 Millionen Euro in großen Schwierigkeiten ist. Aber auch im Kreis Calw müssen wir mit einem engeren Finanzbudget im Jahr 2011 rechnen.

Aber Sie können hier anders als in Sindelfingen durchaus gestalten?

Ja, das kann ich definitiv. Gerade in einem ländlichen Raum wie dem Kreis Calw ist das Thema Ausbau der Infrastruktur wichtig. Ich habe mir zum Thema Wirtschaftsförderung ein straffes Programm auferlegt. Wir müssen unsere Stärken besser vermarkten. Ich werde eine Stabsstelle Wirtschaftsförderung und Tourismus einrichten. Ganz wichtig ist auch die Breitband-Initiative. Es gibt weiße Flecken im Kreis. Wenn Sie Kinder in der Schule oder im Studium haben, dann brauchen die ein schnelles Internet. Das Gleiche gilt für Firmen, die sich ansiedeln wollen.

Ihre erste Nagelprobe haben Sie bereits hinter sich. Es kam Kritik auf an Ihrer Vietnamreise als Vorsitzender des Verwaltungsrates der Kreissparkasse, weil Sie wegen der Vulkanasche einige Tage länger in Vietnam bleiben mussten.

Kritik hat es dazu nur in zwei Zeitungsartikeln gegeben, nicht im Kreistag. Ich hatte diese Reise zuvor abgestimmt. Es ist auch meine Aufgabe als Verwaltungsratsvorsitzender der größten baden-württembergischen Sparkasse an einer Unternehmerreise teilzunehmen und als Türöffner für die Firmen im Landkreis zu fungieren.

Sie beklagen, dass Calw beim Breitband-Internet hinterherhinkt. Doch auch im Schienenverkehr ist der Landkreis von der Region Stuttgart abgehängt.

Das Thema S-Bahn-Anschluss an die Region Stuttgart ist ein ganz zentrales Thema. Da arbeiten wir eng mit Böblingen zusammen. Wir haben hier aus Calw hohe Pendlerströme nach Stuttgart, nach Böblingen und ins Daimler-Werk nach Sindelfingen. Und wir möchten diese Menschen runterbringen von der Straße auf die S-Bahn.

Dafür brauchen Sie Geld von Land und Bund. Und deren Kassen sind leer. Bereits der S-60-Bau stockt. Wie realistisch sind da die Pläne für einen weiteren S-Bahn-Anschluss?

Die halte ich für sehr realistisch. Wenn sie mich fragen, was mein herausragendes Thema in den ersten drei Monaten meiner Amtszeit war, dann war es die S-Bahn. Ich habe viele Gespräche geführt in Stuttgart, in Karlsruhe, in den Ministerien und Regierungspräsidien, mit der Bahn. Wir sind auch mit der Region ein ganzes Stück weitergekommen. Demnächst habe ich ein Gespräch mit der Umwelt- und Verkehrsministerin Tanja Gönner. Ich halte die S-Bahn nicht nur für einen Gewinn für die Stadt Calw, sondern auch für Stuttgart. Wenn Sie sehen, wie viele Stuttgarter am Wochenende in den Schwarzwald kommen. Eine S-Bahn-Verbindung von Calw nach Stuttgart ist eine Win-win-Situation.

Wann fährt die erste Bahn?

Wenn es nach mir geht, so schnell wie möglich. Aber wir haben mehrere Partner: das Land, den Bund, die Stadt Calw und den Landkreis Böblingen.

Schaffen Sie es in Ihrer ersten Amtszeit?

Das wäre wünschenswert .

Ein anderes gemeinsames Projekt mit dem Kreis Böblingen ist der Klinikverbund Südwest. Da sitzen Sie jetzt im Aufsichtsrat. Gibt es weitere Expansionspläne?

Wir waren in Verhandlungen mit dem Landkreis Freudenstadt. Das hätte aus unserer Sicht auch gut gepasst. Aber es hat nicht geklappt. Wobei man auch sagen muss, Größe ist nicht alles. Für mich ist es wichtig, dass die medizinische und pflegerische Versorgung stimmt, und dass wir unter dem Strich schwarze Zahlen schreiben. Der Klinikverbund ist sehr gut aufgestellt. Das hätte ich vor fünf Jahren beim Zusammenschluss so nicht erwartet.

Ein aktuelles Thema ist die Einrichtung weiterer Linksherzkatheter-Messplätze zur Untersuchung, die es bisher nur in Sindelfingen und Calw gibt.

Ja , wir haben jetzt ganz aktuell die Einrichtung eines weiteren Linksherzkatheter-Messplatzes für die Klinik in Nagold beschlossen. Und für Leonberg wird auch darüber diskutiert. Ich halte es für wichtig, dass wir im Klinikverbund gerade die Häuser am Rande unserer Kreise stärken, damit die Patienten nicht in die Nachbarkrankenhäuser abwandern. Das ist für mich auch ein elementarer Standortfaktor.

Was halten Sie als Sindelfinger von dem Vorschlag, dass Sindelfingen sein Krankenhaus an den Kreis Böblingen verkaufen sollte?

Das ist eine Angelegenheit von Sindelfingen. Aber die Idee hat Charme.

Für wen? Die Stadt Sindelfingen oder den Klinikverbund?

Für beide.

Ist die Zusmmenarbeit de Kreise Böblingen und Calw darüber hinaus auch noch ausbaufähig?

Ich stehe im engen Kontakt mit meinem Böblinger Kollegen Roland Bernhard. Wir sehen uns wöchentlich. Und wir arbeiten gut und vertrauensvoll gemeinsam an den Themen Klinikverbund und S-Bahn. Weitere Projekte will ich nicht ausschließen, wenn sie sich ergeben.

In Sindelfingen tut man sich schwer mit der Wahl eines Nachfolgers für Sie. Sollte trotzdem die Wahl irgendwann feststehen, welchen Tipp haben Sie für ihn oder sie?

Sindelfingen hat mehr zu bieten als einen schwierigen Haushalt. Die Stadt hat zwar ein Haushaltsproblem, aber sie ist nicht arm. Wenn Sie die ganzen Beteiligungen sehen - Krankenhaus, Wohnstätten, Stadtwerke - das sind Perlen.



Die Fragen stellte Gerlinde Wicke-Naber.
 
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